Bereits einige Jahre von seinem Meisterwerk Stalker drehte Andrei Tarkowski mit der Stanislav-Lem-Adaption Solaris einen herausragenden Film mit komplexen Bedeutungsebenen und der für den Regisseur so typischen elegischen Inszenierung.

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Filmkritik:

In der ausführlichen Exposition, die wie nebenbei in wunderbaren Naturbildern schwelgt, wird das Wesen des Planeten Solaris erklärt, der ganz und gar von einem schaumigen Ozean bedeckt ist und auch nach jahrzehntelanger Forschung ein Mysterium bleibt. Eine Art Verstand oder Bewusstsein soll der Ozean haben, doch die Wissenschaft kapituliert: Ursprünglich für 85 Wissenschaftler gebaut, beherbergt die im Orbit des Planeten schwebende Raumstation nur noch drei Forscher. Der Psychologe Kris Kelvin soll nun zur Station reisen, den Status quo beurteilen und eine Empfehlung für oder gegen das Einstellen der zeit- und kostenintensiven Forschung abgeben.

Als Kelvin auf der Raumstation eintrifft, ändert sich die Stimmung von Solaris grundlegend und gerät regelrecht gespenstisch: Begleitet von einem überaus subtilen Score schreitet der Psychologe durch Metallgänge voller Gerümpel; seine Schritte hallen, die Computer geben surrende Signaltöne von sich, irgendwas knistert, irgendwo tropft es – die Station wirkt völlig verwaist und heruntergekommen. Im Gegensatz zu Stanley Kubricks vier Jahre zuvor erschienenem Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum, den Tarkowski als zu klinisch und kalt empfand, wirken die abgenutzten metallenen Gänge der Station fabrikartig und könnte eine Inspirationsquelle für den innovativen Look des Raumfrachters Nostromo in Alien gewesen sein.

Die Spannung baut sich weiter auf, als Kelvin ein herrenloser Ball vor die Füße kullert, er im Augenwinkel eine mysteriöse Frau in einem der Gänge verschwinden sieht und erfährt, dass einer der drei verbliebenen Wissenschaftler Suizid begangen hat. Kelvin kannte ihn – er hätte dies niemals getan. Die anderen beiden Stationsbewohner haben sich derweil in ihren Quartieren eingeschlossen und sind offenkundig nicht allein. Was geht hier vor?

Der wahre Horror beginnt, als auch Kelvin Besuch bekommt. Als er am nächsten Morgen erwacht, befindet sich seine Frau bei ihm im Zimmer. Sie hatte sich vor einigen Jahren umgebracht, doch Solaris erschuf sie neu, als Manifestation aus Kelvins Gedanken. Kurzentschlossen und geschockt schießt Kelvin sie mit einer Rettungskapsel ins All, doch eine neue Version von ihr erscheint erneut. Oscar Wildes Gedanke, dass jeder tötet, was er liebt, funktioniert im Orbit von Solaris nicht.

Es bleibt nur Kapitulation. Kelvin gerät in eine enorme Drucksituation und muss sich den Erfordernissen seiner Mission, den verdrängten Schuldgefühlen wegen des Selbstmordes seiner Frau, den Wechselwirkungen des Planeten und den beiden verrückt wirkenden Wissenschaftlern stellen. Diesen emotional labilen Schwebezustand fängt Solaris als psychologischen Horror herausragend ein.

Daraus strickt Tarkowski keinen Genrefilm, sondern interessiert sich für die philosophischen Aspekte der Geschehnisse, sodass die Spannung im letzten Drittel der Spielzeit schnell wieder sinkt und sich der Fokus gänzlich auf die Figuren richtet. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Psychologe Kelvin anfangs die anderen beiden Wissenschaftler für labil hält, obwohl diese ihm weit voraus sind und stattdessen ihm helfen, die Geschehnisse zu verarbeiten. Und obwohl sie nicht einmal ein Mensch ist, scheint Kelvins Ehefrau-Manifestation Hari am Ende menschlicher zu denken und zu fühlen als die anderen Beteiligten. Doch was macht das Menschsein aus? Und kann eine Neutrinomasse eine Seele haben?

Viel lässt sich hineininterpretieren in die ausgedehnten Dialogpassagen, zumal Solaris die 165 Minuten Spielzeit mit wenig Handlung füllt und dem Publikum so einige Ruhephasen lässt, um die eigenen Gedanken zu ordnen. Dennoch lässt Tarkowski vieles im Argen und verrät beispielsweise kaum etwas über die Besucher der beiden Wissenschaftler und deren kleine Verletzungen. Auch sie setzten sich offensichtlich seelisch wie körperlich mit ihren Problemen auseinander.

Die schwerelose Kamera, der großartige Score von Eduard Artemjew und die tranceartige Atmosphäre belohnen geduldige Zuschauer ebenso wie die überwältigende Schlussszene. So wie der Planet Solaris hinterlässt uns auch der Film – wir können nicht sicher sein, was für Erkenntnisse wir gewonnen haben, aber eine rätselhafte Entwicklung hat stattgefunden.

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DER REGISSEUR

Obwohl Andrei Tarkowski lediglich 7 Spielfilme drehte, zählt das Gesamtwerk des russischen Regisseurs zu den Eckpfeilern der Kinogeschichte und beeinflusste zahllose Filmemacher. Tarkowskis Filmsprache ist einzigartig: Seine entschleunigte Inszenierung entfaltet eine magische Sogwirkung, seine Bildgewalt formt eine ganz eigene Dramaturgie. Aufgrund von Tarkowskis ambivalenter Themenwahl besitzen seine Klassiker eine zeitlose Gültigkeit.

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Der Science-Fiction-Film besitzt eine Vielzahl von Ausprägungen: Erdbesuche von Alien und die Erkundung fremder Planeten zählen ebenso zum Repertoire wie dystopische Dramen und Zeitreisefilme. Dabei ergeben sich oft Schnittstellen zu anderen Genres – vom Horrorfilm bis zur Komödie ist im Sci-Fi-Setting alles möglich.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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