Man nannte es den großen Krieg zählt zu den unkonventionellen Vertretern des Antikriegsfilms. Der italienische Klassiker schildert das Grauen des Ersten Weltkrieges im Mantel einer Tragikomödie und sorgt mit dem Kontrast aus Schelmenstücken und Soldatentoden für eine ungewöhnliche Filmerfahrung.

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Filmkritik:

Mitte der Fünfziger Jahre kam in Italien eine neue Art der Filmkomödie auf – die Commedia all’italiana. Werke wie Diebe haben’s schwer, Scheidung auf italienisch oder Verliebt in scharfe Kurven thematisierten mithilfe eines schalkhaften Humors gesellschaftliche oder soziale Probleme und nahmen das Bürgertum aufs Korn. Dabei geht das Lachen zu guter Letzt oft auf die Kosten der Protagonisten, die in der Regel scheitern.

Zu den Meistern dieser Spielart des italienischen Kinos gehört der Regisseur und Drehbuchautor Mario Monicelli, der mit Man nannte es den großen Krieg seinen besten Film vorlegte und die Mischung aus Komik und Tragik auf die Spitze trieb.

Monicellis Werk spielt nicht zu Beginn des Ersten Weltkrieges, sondern rund ein Jahr später, als das Königreich Italien bereits aus dem Dreibund ausgetreten war und gegen den ehemaligen Verbündeten Österreich-Ungarn kämpfte. Dementsprechend ist die Kriegsbegeisterung der Italiener längst verflogen.

So auch beim Protagonisten Giovanni, der bei der Musterung versucht, den Gefreiten Oreste zu bestechen, um dienstuntauglich geschrieben zu werden. Der nimmt das Geld, haut ihn jedoch übers Ohr und startet damit eine bleibende Verbindung; die beiden Streithälse landen in derselben Kompanie und erleben den Krieg fortan zusammen.

Giovanni und Oreste entpuppen sich schnell als Drückeberger und Tunichtgute, die aufgrund ihrer Bauernschläue allerdings auch unsere Sympathie gewinnen. Vor allem in der ersten Filmhälfte überwiegen Momente, in denen die Protagonisten in Fettnäpfchen treten und einander aufziehen.

Dass der Jux bald vorbei ist, deutet eine großartige Szene an, in der eine Reihe Gefangener durch das Lager der Italiener marschiert und von Oreste beschimpft wird: „Schaut euch diese zerlumpten Gestalten an! Euch haben wir es gehörig gezeigt!“ Die „Gefangenen“ entpuppen sich allerdings als Angehörige der eigenen Truppe, die an der Front aufgerieben wurde; die Kompanie von Oreste und Giovanni soll nun ihrerseits die Gefechtslinie verstärken – wird es ihnen ebenso ergehen?

Derartige Kontraste, bei denen uns das Lachen im Halse stecken bleibt, serviert Man nannte es den großen Krieg in schöner Regelmäßigkeit: Herrlich absurde Momente wie eine Szene, in der die Soldaten beider Länder versuchen, ein im Niemandsland spazierendes potenzielles Suppenhuhn durch möglichst maskulines Gegacker in den eigenen Schützengraben zu lotsen, gehen Hand in Hand mit bitterem Ernst.

Kurz nach der Szene mit dem Huhn schlägt sich ein Kurier durch den feindlichen Kugelhagel und bricht nach geglückter Mission tödlich getroffen zusammen. Das durch Einsatz dieses Lebens überbrachte Telegramm der Heeresleitung entpuppt sich als lapidarer Weihnachtsglückwunsch.

Auch im Zusammenspiel mit der gelungenen Musik des legendären Komponisten Nino Rota erzeugt Regisseur Monicelli wirkungsvolle Dissonanzen: Da singen hunderte Soldaten vor der Abfahrt in einem Zug, doch als auf dem Nebengleis ein Verwundetentransport einfährt, verstummen die Männer auf einen Schlag; da jubeln die Bewohner einer Kleinstadt den ankommenden Truppen zu, doch als die müden, zerschlagenen Männer durch die Straßen trotten, brechen die Gesänge ab. Die ohrenbetäubende Stille dieser Szenen verdeutlicht eine deprimierende Hoffnungslosigkeit.

Man nannte es den großen Krieg verbindet die unterhaltsamen Vorzüge von Episodenfilm, Road- sowie Buddy-Movie geschickt mit dem Sujet des Antikriegsfilms. Die ungewöhnliche Mischung geht perfekt auf und funktioniert über die vollen 132 Minuten. Die bitterböse Tragikomödie beginnt unterhaltsam, webt dann zunehmend finstere Momente ein und endet mit einem unerwarteten, lange nachhallenden Finale.

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In den Fünfziger Jahren befanden sich die weltweiten Studiosysteme auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft. In den Vereinigten Staaten, Japan und Frankreich versammelten die Studios eine ungeheure Menge an Talent und veröffentlichten dank des geballten Produktionsniveaus zahllose Meisterwerke. Einen gewichtigen Anteil daran ist auch den Regisseuren zuzuschreiben, die sich innerhalb des Systems Freiheiten erkämpften und so ihr Potenzial ausspielen konnten.

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Obwohl das Genre auf ein spezifisches Thema festgelegt ist, bieten sich dem Betrachter eine Vielzahl Subtexte und Motive. Während Kriegsfilme sich vornehmlich auf Abenteuer, Kameradschaft und Heldenmut konzentrieren, eröffnen sich im Antikriegsfilm eine Vielzahl von Themen: Moral und Menschenrechte, der Horror und die Absurdität des täglichen Grauens oder die perverse Systematik dahinter.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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