In The Wolf Of Wall Street stellt Martin Scorsese den Irrsinn der Finanzbranche bloß und scheitert letztlich daran, weil er sich in der Welt verliert, die er porträtiert.

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Filmkritik:

Der Film erzählt die Geschichte des Börsenmaklers Jordan Belfort und basiert auf den Memoiren des berüchtigten Finanzhais, der es mit seinem Maklerunternehmen Stratton Oakmont in jungen Jahren zum Multimillionär brachte und seinen Erfolg durch einen ausufernden Lebensstil zur Schau stellte.

Bevor die spätere Übersättigung einsetzt, deutet eine tolle Dialogszene zu Beginn des Films an, was The Wolf Of Wall Street hätte werden können, wenn der fantastische Matthew McConaughey als erfahrener Makler Leonardo DiCaprios Jungspund in die Grundlagen des Turbokapitalismus einweiht und sie zusammen den Gott des Geldes beschwören. Hier gelingt es Scorsese zum ersten und letzten Mal in diesem Film, die Finanzbranche als dogmatische Religion auszumalen – der Glaube an das Geld wirkt wie eine Zauberformel, die zwar sinnentleert ist, aber im Kapitalismus auf perverse Weise funktioniert.

Danach inszeniert Scorsese den Aufstieg von Jordan Belfort aus dessen Perspektive: Alles ist ein Spiel, sämtliche Beteiligte gieren nach Spaß und scheffeln nebenbei Millionen, die sie aus den Taschen ahnungsloser Menschen aus der Mittelschicht ziehen. Bereits nach einem Drittel der Spielzeit verliert das Geld seine Bedeutung, es fungiert lediglich als Antriebsmittel für Drogen, Alkohol und Prostituierte.

In der Folge verkommt The Wolf Of Wall Street zur Aneinanderreihung pubertärer Anekdoten, deren ausgestellter Hedonismus stets ins Absurde abgleitet. Scorsese schwelgt im Eskapismus seiner Protagonisten, die die fatalen langfristigen Konsequenzen dieses Irrsinns schlichtweg ignorieren. Dank der aufdringlichen, aber eben auch ungemein mitreißenden Regie von Scorsese vermittelt The Wolf Of Wall Street gekonnt den Rausch seiner Protagonisten. Auch die Darsteller stürzen sich mit großer Spielfreude in groteskes Overacting, das kaum an konventionellen Maßstäben gemessen werden kann.

Satte drei Stunden lang lässt Scorsese diesen Terror aus Gier und Konsum auf uns einprasseln. Trotzdem findet er inmitten des chaotischen Plots keine Zwischentöne oder Differenzierungen; nur in wenigen Momenten scheint der Film daran interessiert, das rauschende Getöse zu brechen. Jeder Zweifel am Tun von Belfort wird so oft ironisch konnotiert, bis der Geschichte kein Funken Moral mehr anhaftet und The Wolf Of Wall Street zur wertefreien Drogenkomödie gerät.

Dabei gibt es ein einfaches Wort für Belforts Taten – gemeinhin nennt man sie Betrug. Nicht weniger als 200 Millionen Dollar erschlich er sich von vertrauensvollen Anlegern, die ihre Altersvorsorge und hypothekenbelasteten Häuser an Belforts Gier verloren haben. Als Drama fungiert The Wolf Of Wall Street dabei allerdings nicht – für die geschädigten Opfer interessiert sich der Film nicht, sie tauchen zu keinem Zeitpunkt auf. Ihr Vermögen bleibt reines Spielgeld des Films und die betrügerischen Geschäftspraktiken von Belfort und seiner Crew werden im Klamauk begraben.

Das große Problem dieses missratenen Films ist es, dass es Scorsese wie Belfort macht, den abscheulichen Wertpapierbetrug und die Insidergeschäfte verharmlost. Als Antrieb für die drogeninduzierten Exzesse rechtfertigt der Film die hier nur ein bisschen bösen Straftaten. Wie Belfort wischt Scorsese jede Moral beiseite, um sich ganz auf den Spaßfaktor konzentrieren zu können. Anstatt das Porträt eines kleingeistigen Arschlochs zu zeichnen, geht der erfahrene Regisseur ihm auf den Leim und setzt Belfort ein glamouröses Denkmal, das die Opfer verhöhnt.

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DER REGISSEUR

Martin Scorsese gehört zu den vielen Regietalenten, die das aufblühende New Hollywood-Kino zutage förderte. Immer wieder beschäftigte sich der Regisseur mit Männern, die das Gesetz übertreten und an der Gesellschaft scheitern. Bald 50 Jahre lang blieb Scorsese seinem Sujet treu, schuf viele bedeutende Filme und zählt zu den größten Regisseuren der amerikanischen Kinogeschichte.

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Die Komödie zählt zu den Grundfesten des Kinos und funktioniert – wie auch der Horrorfilm – affektgebunden. Deshalb bringt uns der Slapstick aus den Stummfilmen von Charlie Chaplin genauso zum Lachen wie die rasenden Wortgefechte der Screwball-Komödien aus den Dreißiger Jahren, die spleenigen Charaktere von Woody Allen oder die wendungsreichen Geschichten von Billy Wilder.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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