Vielleicht einmal die offensichtlichsten (und die am wenigsten relevanten) Beobachtungen vorweg: Under The Skin, der dritte Film des Musikvideoregisseurs Jonathan Glazer, macht keinen Spaß und interessiert sich herzlich wenig dafür, dem Zuschauer etwas zu erzählen. Überaus konsequent und radikal, seltsam und sperrig inszeniert, ist Under The Skin damit vor allem erst mal eines: erfrischend unkonventionell und interessant. Er fordert heraus – das gibt es nicht oft genug.

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Filmkritik:

Sofern man Glazers Werk als Science-Fiction-Film begreift, der tatsächlich von einem Alien handelt, offenbart Glazers geschickt gewählte Perspektive die komplett entemotionalisierte Sicht der extraterrestrischen Lebensform auf die menschliche Welt – nichts ist von Belang, niemand hat einen Wert, keinem Wort, keiner Geste, keinem Blick wohnt eine relevante Bedeutung inne. Dementsprechend eiskalt und klinisch legt Glazer die Regie an.

Dabei lässt Under The Skin noch eine weitere Leseart zu und entfaltet still und langsam ein existenzielles Drama aus Bindungsängsten, Kommunikationsproblemen und Weltentfremdung, womit sich die (menschliche?) Protagonistin auseinandersetzen muss und zu scheitern droht.

Vielleicht liegt der Clou des Films darin, dass beide Interpretationen sich letztlich stärker ähneln, als zunächst anzunehmen wäre; ein bitterer Beigeschmack. In welchem Maße ist unsere heutige, von Konsum und Digitalität bestimmte Kultur denn noch fähig, ein ursprüngliches, sinnliches und soziales Leben zu führen? Oder formuliert Glazer letztlich sogar eine lebensbejahende Botschaft, wenn sich unmerklich Gefühle in die Kälte des Films schleichen?

Derartige Gedankengänge ermöglicht Under The Skin, weil über zwei Drittel des Films wenig passiert. Trotz seiner wunderbaren, düsteren Optik, der interessanten musikalischen Untermalung und der mysteriösen Atmosphäre wirkt das Geschehen seltsam fade – wo maximale Interpretationsmöglichkeiten und nur ein Minimum an Konkretem gegeben sind, verliert sich der Film letztlich im bedeutungslosen Nichts.

Selbst diejenige Gruppe von Zuschauern, die dem Großteil des Films etwas abgewinnen kann, wird durch das dann doch überraschend konkrete und handlungsorientierte Finale des Films erneut gespalten – Under The Skin macht keine Gefangenen, sondern verkehrt die Motive der Interpretationsansätze ins Gegenteil und bricht damit unbequemerweise seine vagen, zuvor etablierten Muster.

Letztlich mutet Under The Skin an wie eine degenerierte Experimentalfilmversion von Nicolas Roegs (ebenfalls alles andere als leichtem) Klassiker The Man Who Fell To Earth mit David Bowie als Alien. Apropos: Die Besetzung von Scarlett Johansson entpuppt sich als famoser Geniestreich – so viel Chuzpe muss man erst mal haben, ein globales Sexsymbol dazu zu benutzen, unbedarfte Zuschauer in einen Film zu locken, der zäh wie die schwarze Masse ist, in der Johanssons Figur ihre Opfer verschwinden lässt! Nebenbei beweist die Aktrice, dass sie keineswegs auf charismatische Glamourgirls abonniert ist und traut sich, eine hochinteressante, aber nicht wirklich dankbare Rolle zu spielen – Chapeau!

Under The Skin ist nichtssagend, repetitiv, selbstverliebt, prätentiös – und bietet eine der interessantesten Filmerfahrungen der letzten Jahre.

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DAS GENRE

Der Science-Fiction-Film besitzt eine Vielzahl von Ausprägungen: Erdbesuche von Alien und die Erkundung fremder Planeten zählen ebenso zum Repertoire wie dystopische Dramen und Zeitreisefilme. Dabei ergeben sich oft Schnittstellen zu anderen Genres – vom Horrorfilm bis zur Komödie ist im Sci-Fi-Setting alles möglich.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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