Der Stummfilm Eine Seite des Wahnsinns bietet ein Paradebeispiel für das japanische Avantgardekino der Zwanziger Jahre. Der Film von Regisseur Teinosuke Kinugasa setzte Maßstäbe und spielt ausschließlich in einer psychiatrischen Klinik. Mit ausgefeilter Handwerkskunst entwirft Kinugasa ein bedrückendes Szenario geistigen Verfalls.

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Filmkritik:

Unter Ausreizung aller technischen Möglichkeiten schildert der Stummfilm mit zahlreichen Doppelbelichtungseffekten, Schattenspielen und Verzerrungen die Welt der Wahnsinnigen und die Atmosphäre, die im Sanatorium herrscht. Als besonders wirkungsvoll erweist sich die Tonspur, die eine enervierende Melange von Pfeif- und Quietschtönen, seltsames Geklopfe und Geraschel auffährt.

Wie schon zwei Jahre zuvor F.W. Murnaus Der letzte Mann, verzichtet auch Eine Seite des Wahnsinns auf Zwischentitel und vertraut ganz der Kraft seiner Bilder. Aufgrund der vielen surrealen Sequenzen und fehlender Texte erschließt sich die Handlung nicht auf einen Blick, besitzt jedoch durchaus ihre schauerromantischen Qualitäten.

Nach dem Porträt der Eingesperrten und eines Hausmeisters, der für das Sauberhalten der Gänge und die Verpflegung der Insassen zuständig ist, stellt sich heraus, dass der Mann den Job lediglich ausübt, um seiner eingesperrten Frau nahe sein zu können. Die zweite Hälfte des Films schildert den Versuch, sie zu befreien und zu fliehen.

Selbst im Vergleich zu jüngeren Stummfilmen wirkt Eine Seite des Wahnsinns überaus modern, die visuelle Gestaltung sorgt für eine ungewöhnliche Seherfahrung. Beinahe wäre der Film verschollen geblieben – Kinugasa vergrub die Negative während des Zweiten Weltkrieges in seinem Garten und vergaß sie anschließend.

Erst Anfang der Siebziger Jahre soll der inzwischen berühmte Regisseur (Das Höllentor wurde mit einem Oscar und einem Preis der Filmfestspiele in Cannes geehrt) das Filmmaterial wiedergefunden haben. Leider bearbeitete der Visionär des japanischen Kinos das Material vor der Neuveröffentlichung noch einmal und schnitt rund ein Drittel weg, um ihn an das moderne Kino anzupassen. Dennoch lässt Eine Seite des Wahnsinns auch heute noch wunderbar erahnen, wie einflussreich und kreativ das Avantgardekino der Stummfilmära sein konnte.

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DIE GATTUNG

Alles andere als staubig – noch immer lohnt es sich ungemein, Stummfilme zu schauen. Die einmalige Ästhetik der Ära hat einige der größten Filme der Kinogeschichte hervorgebracht. Durch die zunehmende Professionalisierung ab 1910 beeindrucken viele Stummfilme mit enormen Produktionsaufwand, immer ausgefeilteren Effekten und zunehmend komplexerer Erzählweise.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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