Filmkritik:

In seinem Debüt Clean, Shaven versetzt uns der Independentfilmer Lodge Kerrigan in den Kopf eines Schizophrenen und entwirft einen albtraumhaften Kriminalfilm aus dessen subjektiver Perspektive.

Kerrigans Werk handelt von zwei getriebenen Männern: Der aus einer psychiatrischen Anstalt entlassene Peter begibt sich auf die Suche nach seiner jungen Tochter und wird dabei von heftigen schizophrenen Schüben behindert; ein akribischer Detective ermittelt währenddessen in einem Mordfall an einem kleinen Mädchen und gerät dabei auf Peters Spur.

Ob die psychisch beeinträchtigte Hauptfigur tatsächlich ein Mörder ist, lässt sich kaum einschätzen. Schon zu Beginn des Films scheint Peter einem Mädchen abseits der Kamera Gewalt anzutun, doch Clean, Shaven verdeutlicht von Anfang an, wie fehlerbehaftet die subjektiven Eindrücke des Protagonisten sind – vielleicht war das Kind nicht einmal real.

Die beiden Hauptfiguren bilden zwei Seiten einer Medaille: Sie sehen die Welt als Zeichensystem, das sie meistern müssen, um eine Mission zu erfüllen. Der Detective begutachtet Tatorte und Leichen, er muss die Codes dieser abstrakten Welt lesen können, die wichtigen Details aus einem Meer von unwichtigen Informationen herausfiltern und daraus Annahmen ableiten, die ihn zum Mörder führen. Die Ergreifung des Schuldigen würde diesen Ordnungsprozess abschließen und gewissermaßen einen Fehler im System ausmerzen.

Nach Ordnung strebt auch Peter, der davon überzeugt ist, einen Empfänger im Kopf zu haben. Seine Schizophrenie presst ihm Störgeräusche und Stimmen in den Schädel, sie fragmentiert äußere Einflüsse und lässt so selbst einfachste Tätigkeiten zur Tour de Force werden. Um im Alltag zu bestehen, muss Peter ebenfalls die Reize seiner Umgebung filtern, Reales von Irrealem trennen. Verliert er sich in seiner chaotischen Welt, wird er seine Tochter niemals wiedersehen.

Clean, Shaven entfesselt eine ungeheure Wirkung, weil Regisseur Kerrigan die Fehlfunktionen von Peters Gehirn auch uns aufbürdet. Die ersten zehn Minuten kommen ohne Dialog aus, stattdessen erzeugt die Tonebene einen konstanten Terror und bedrängt uns mit Geräuschkaskaden: Wirre Stimmfetzen, undefinierbares Gebrumme, totes Rauschen, ein ständiges Gequietsche und Geschepper werden uns für den Rest des Films begleiten.

Dem entgegen steht ein unspektakulärer Realismus der Bilder, sodass sich Clean, Shaven am besten als Mischung dreier amerikanischer Independentfilme beschreiben lässt, die ebenfalls die Debüts ihrer Regisseure markieren. Die schmucklosen Bilder ähneln jenen aus Henry – Portrait Of A Serial Killer, die auditive Ebene weckt Erinnerungen an die ungemütlichen Klangteppiche von David Lynchs Eraserhead und nimmt die bedrückende Atmosphäre von Darren Aronofskys PI vorweg.

Der Film fordert von uns Zuschauern, jedes Bild zu hinterfragen, unter den zahllosen Störgeräuschschichten die wenigen glaubwürdigen Informationen herauszufiltern und sich gleichzeitig auf die Tatsache einzulassen, das viele Teile dieses Puzzles fehlen. Dadurch erweist sich Clean, Shaven nicht nur als wuchtige, sondern auch als ambivalente Filmerfahrung. Kerrigan erzeugt ein Wechselbad der Gefühle, das an die schwankende Konstitution Peters gebunden ist.

Die stete Unsicherheit fußt auch auf der Präsenz von Hauptdarsteller Peter Greene, der Mitte der Neunziger Jahre kleine Nebenrollen in Pulp Fiction und Die üblichen Verdächtigen spielte. Greene verleiht seiner Figur eine Sanftmütigkeit, die so gar nicht zu dem Bild eines Mädchenmörders passen will. Drücken wir dem Protagonisten also die Daumen? Immerhin wissen wir nicht, warum er seine Tochter sucht – will er nur Zeit mit ihr verbringen oder plant er bereits den nächsten Mord?

Nur die inszenatorische und erzählerische Konsequenz lässt erahnen, dass es sich bei Clean, Shaven um einen Debütfilm handelt. Im Gegensatz zu vielen anderen jungen Regisseuren spart Lodge Kerrigan sich jegliche Eitelkeiten. Weder versucht er ständig, die eigene Cleverness vorzuführen, noch verwässert er sein Sujet durch Referenzen auf die Popkultur oder etwaige Vorbilder.

Stattdessen gibt sich sein Film vollkommen mit einer Reduktion auf das Wesentliche zufrieden. Das wirkt inzwischen regelrecht altmodisch, entwickelt jedoch innerhalb der nur 75-minütigen Spielzeit eine rohe Kraft, der man sich nicht entziehen kann.

Handlung:

Nach einem Aufenthalt in einer Anstalt macht sich der schizophrene junge Mann Peter auf die Reise in die alte Heimat. Dort möchte er nach seiner zu einer Adoptivmutter gegebenen Tochter suchen. Zeitgleich ermittelt ein Detective im Fall eines ermordeten kleinen Mädchens. Je mehr Indizien er findet, desto eher scheint Peter für die Tat infrage zu kommen …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.