Vampyr – Der Traum des Allan Grey

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Filmkritik:

Man könnte annehmen, das kleine Dorf Courtempierre befände sich in irgendwo in der französischen Provinz, doch in Wirklichkeit liegt der Schauplatz von Carl Theodor Dreyers Vampyr in einer düsteren Zwischenwelt aus Schatten und Fieberträumen, beschienen von einer fahlen Sonne, die die Landschaft in bleiches Leichenlicht taucht und nie in das Innere der Häuser zu dringen vermag.

Aufgrund der traumartigen Atmosphäre wirkt das Geschehen des Films aus jeglicher Zeit gefallen, was sich ironischerweise auch über das anachronistische Wesen von Dreyers Werk sagen lässt: 1932, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, hatte sich der Tonfilm schon zur dominierenden Produktionsweise entwickelt, der Stummfilm hingegen wurde beerdigt. Doch Vampyr erweist sich nicht ruhender, untoter Vertreter einer verstorbenen Gattung und verschreibt sich vollends dem deutschen Expressionismus der Zwanziger Jahre. Streng genommen handelt es sich zwar um einen Tonfilm, doch die Geschichte wird vor allem über Texttafeln und musikalische Akzente erzählt, während hörbare Dialoge sich auf ein Minimum beschränken und vornehmlich in geisterhafter Flüsterei vorgetragen werden, die in der Musik beinahe untergeht.

Handwerklich zählt Vampyr zu den größten Leckerbissen seiner Ära: Dreyers Stummfilmästhetik begeistert mit eindrucksvollen Licht- und Schattenspielen und seine Inszenierung mit ungewöhnlichen, regelrecht verzerrten Perspektiven, doch darüber hinaus konzentrierte sich der dänische Regisseur vor allem auf das Erzeugen einer traumartigen Atmosphäre, was ihm überragend gelingt. Hierfür drehte er Vampyr an Originalschauplätzen im dämmrigen Licht der auf- oder untergehenden Sonne, mit extra angefertigten Kamerafiltern und teilweise auf vorbelichtetem Filmmaterial. Die zahlreichen Verfremdungen nehmen dem Dorf Courtempierre jegliche ländliche Beschaulichkeit und versetzen es in eine regelrecht apokalyptische Zwischenwelt, lassen jeden Bewohner latent feindlich wirken und den Protagonisten hilflos.

Trotz seines Horrorsujets weist Vampyr wenig Spannung auf, die Vampirthematik nutzt das Drehbuch nur rudimentär, als Grundlage für den magischen Trip ins Surreale. Dabei bleibt der Protagonist stets in der Beobachterrolle: Die Geschehnisse widerfahren ihm, während er selbst wenig unternimmt. Doch nicht nur Allan Grey, auch der Zuschauer kann sich völlig in der gespenstischen Welt verlieren, sich wie bei den Filmen von David Lynch auf das Erleben des Moments, die emotionale Anteilnahme konzentrieren oder alternativ versuchen, die elliptischen Geschehnisse zu deuten, Traum- und Wirklichkeitsebene zu trennen. Ob Vampyr einen jungen Mann zum Spielball eines Untoten werden lässt oder die letzten Züge eines wahlweise sterbenden oder wahnsinnigen Geistes visualisiert, vielleicht gar parabelhaft die schwierigen Umstände im wechselhaften Schaffen von Dreyer selbst reflektiert, bleibt offen und reizvoll bei weiteren Sichtungen.

Trotz der kurzen Spielzeit von 73 Minuten sollte erfordert Vampyr Geduld, denn in der hypnotischen Parallelwelt Courtempierres scheinen die Uhren wesentlich langsamer zu laufen, das Geschehen zieht sich bisweilen etwas; dies bietet jedoch zumindest die Möglichkeit, eine gefühlte Ewigkeit in Dreyers schaurigen Fiebertraum einzutauchen – aufwachen schwer möglich. Vampyr zählt zu den eindrucksvollsten Horrorklassikern der Filmgeschichte.

Handlung:

Als der reisende junge Mann in dem Dörfchen Courtempierre eintrifft, bemerkt er schnell die gespenstischen Vorgänge, die die Leute in Angst und Schrecken versetzen. Als ihm dann noch die Aufzeichnungen eines Verstorbenen in die Hände fallen wird schnell klar: Courtempierre wird durch Vampirismus bedroht. Allan Grey wird nun neugierig und stürzt in eine gar schaurige Welt.

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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2017-06-16T18:11:43+00:00

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