In seinem zweiten Werk Vive l’Amour entwirft der taiwanesische Autorenfilmer Tsai Ming-liang eine melancholische Einsamkeitsstudie, die aus leisen, oft wortlosen Einstellungen große Emotionen aufbaut. Damit gelang Tsai 1994 der internationale Durchbruch: Er gewann den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig.

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Filmkritik:

Im Zentrum von Vive l’Amour steht eine leere Luxuswohnung in Taipei, die die erfolglose Maklerin Mei nicht vermittelt bekommt. Sie beginnt, das Apartment für One-Night-Stands zu benutzen und ahnt nicht, dass zwei junge Männer unabhängig voneinander ebenfalls in den Besitz eines Schlüssels gelangen. Und so nutzen die drei Protagonisten die Räumlichkeiten als Rückzugsort, ohne voneinander zu wissen – ein Sinnbild für die Anonymität der Großstadt.

Die Filme von Tsai Ming-liang wirken mitunter roh, beinahe schon unfertig. Sie bedienen keine dramaturgischen Standards und trachten nicht nach einer Hochglanzästhetik, das Tempo ist langsam und Dialoge bleiben Mangelware. Es sind stille Filme, deren Purismus eine große Wahrhaftigkeit zutage fördert und eine eigenwillige Poesie entwickelt.

Besonders konsequent setzt Tsai diesen Stil in Vive l’Amour ein: Nüchterne Bilder prägen die visuelle Ebene, manchmal wirkt die Kamera regelrecht unbeteiligt. Die Tonspur unterstützt diesen Eindruck und liefert nur Alltagsgeräusche, keine Musik. Aus dieser Beobachterperspektive heraus erleben wir den Film zunächst als Zusammenschnitt alltäglicher Momente. Erst nach und nach ergibt sich daraus eine lose Geschichte.

Dabei nutzt der Regisseur die Zeit als maßgebliches Gestaltungsmittel: Die Szenen laufen frei von dramaturgischen Konzessionen ab, minutenlang fängt Tsai Momente ein, in denen vordergründig wenig passiert. Das liegt auch daran, dass die Protagonisten oft allein bleiben – schweigsam, grübelnd. Lediglich ein trockener Humor lockert das Geschehen subtil auf.

Im Gegensatz zu seinem Vorbild Yasujiro Ozu hat Tsai kein Interesse daran, dass sich die Protagonisten erklären. In den ersten 50 Minuten von Vive l’Amour gibt es keinen Dialog – es ist also an uns, die wortlosen Figuren zu beobachten und zu ergründen, um letztlich auch die Themen des Films zu erschließen.

Trotz ihres Nonkonformismus bewegen sich Tsai Ming-liangs Filme weit ab von bräsigem Kunstkino. Keine Bedeutungsschwere, keine Wichtigtuerei hat hier Platz, der konkrete Blick und die Aufrichtigkeit ersticken jeden Vorwurf der Prätention schon im Ansatz. Doch obwohl Vive l’Amour auf den ersten Blick so nüchtern erscheint, spielen sich innerhalb der Alltagsbetrachtungen magische Momente ab, die eher in einem der stilisierten Filme von Wong Kar-wai zu erwarten wären.

Zu den schönsten Sequenzen zählt die Anbahnung eines One-Night-Stands als minutenlanger, wortloser Reigen zwischen Mann und Frau. Eine Zufallsbegegnung in einem Imbiss; eine gemächliche Verfolgung durch die Straßen als Vorspiel aus Abwarten, Weggehen und Annähern; Verzögerungen durch das Rauchen einer Zigarette und den Besuch einer Telefonzelle; schließlich das Ausziehen in der Wohnung – alles ohne Dialog und ohne zur Schau getragene Emotionen.

So bezaubernd diese Annäherung aus inszenatorischer Sicht anmutet, so deutlich unterstreicht sie auch die pessimistischen Themen des Films. Wie die meisten frühen Werke von Tsai beschreibt auch Vive l’Amour eine tief greifende Einsamkeit. Im Taipei des Films scheint keine Gesellschaft mehr zu existieren, die Protagonisten leben völlig isoliert und gehören nirgendwo dazu.

Das ständige Alleinsein bringt Konsequenzen mit sich: Die drei Hauptfiguren scheinen eine Kommunikation verlernt und ein emotionales Reaktionsvermögen verloren zu haben, sie bewegen sich wie Roboter durch den Film. Folgerichtig sucht Mei in ihren One-Night-Stands keine Nähe, sondern nur bedeutungslosen Sex – ihr Gefühlsleben ist längst verkümmert.

Die leere Wohnung als Handlungsort spiegelt das leblose Innenleben der Protagonisten und fußt auf einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung: In den Achtziger Jahren erlebte Taipei einen Bauboom, der wenige Jahre später kippte, sodass unzählige der teuren Apartments leerstanden. Tsai projiziert diesen Stillstand nachvollziehbar auf seine Figuren und bietet keinen Ausweg an. Lediglich die Proklamation des Filmtitels – „Es lebe die Liebe!“ – verweist auf eine diffuse Möglichkeit.

Doch Vive l’Amour ist kein Hollywoodfilm, er zaubert kein Happy End aus dem Hut und endet so wortlos, wie er begonnen hat: In einer langen Plansequenz wandert Mei über eine brachliegende Baustelle, setzt sich auf eine Parkbank und weint minutenlang. Die Aus­weg­lo­sig­keit des Finales bleibt lange in Erinnerung, in ihr wohnt jedoch auch ein Funken Hoffnung: Da, wo diese Tränenflut herkommt, sind auch noch Gefühle für die Liebe übrig.

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