Armee im Schatten
Ein Film von Jean-Pierre Melville
Nach einer Reihe meisterhafter Gangsterfilme überführte Jean-Pierre Melville sein Lieblingssujet in die Ära des Zweiten Weltkrieges. Armee im Schatten schildert den aussichtslosen Kampf der französischen Résistance ohne jeden Heroismus – sein bleierner Thriller imponiert mit einem durchdringenden Fatalismus.
Filmkritik:
Armee im Schatten spielt im besetzten Frankreich des Jahres 1942 und schildert die Bemühungen von Lino Venturas Protagonisten, den französischen Widerstand in Marseille zu organisieren. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Joseph Kessel erzählt den konspirativen Alltag eher episodenhaft, aufgrund der ständigen Unsicherheit besitzt der Film aber eine intensive Grundspannung, die die Geschichte zusammenhält.
Melville kannte diese Stimmung aus erster Hand: Als Jean-Pierre Grumbach geboren, nahm der Moby Dick-Fan während des Krieges den nom de guerre Jean-Pierre Melville an und engagierte sich in der Résistance. Nach dem Kriegsende behielt der Regisseur den Namen bei und gab sein Regiedebüt mit dem Kammerspiel Das Schweigen des Meeres, das ebenfalls die Zeit der Besatzung thematisierte.
Berühmt ist der eigenwillige Melville, der oft Produzent, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion war, für seine Gangsterfilme – Der Teufel mit der weißen Weste, Der zweite Atem sowie Der eiskalte Engel sind Meisterwerke des Genres. Dabei entsprachen seine Protagonisten immer mehr einer romantischen Kino-Idee, wie Gangster zu sein hätten, als der Realität. Sie handeln nach einem erbarmungslosen Ehrenkodex und sterben in der Regel auch für diesen.
Mit Armee im Schatten entwickelte Melville seinen Stil nun weiter, indem er jedem Romantismus entsagte. Noch immer wirkt das Geschehen wie aus einem Gangsterfilm – wir sehen Zivilisten in Trenchcoats, die gegen das (faschistische) System konspirieren. Allerdings lässt Melville alles Heroische außen vor: Die üblichen Glücksversprechen – große Coups mit reichlich Beute oder ein Ruf als ehrenvoller Profi – greifen nicht länger. Es gibt nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren. Die Protagonisten sind nicht länger Gangster, sondern Geister.
Statt sich einen Ruf aufzubauen, ist es überlebensnotwendig, möglichst unbekannt zu bleiben. Die eigene Arbeit muss durchweg unter dem Mantel des Schweigens ablaufen. Dementsprechend zeichnet Melville ein pessimistisches Bild von der Arbeit im Widerstand. Die Mitglieder der Résistance suchen Aufnahmepunkte für Flugzeuge oder Schiffe, transportieren Funksender, identifizieren Personen. Das sind keine Heldentaten, sondern Verwaltungsarbeiten.
Ihr Kampf gegen die Macht eines ganzen Staates bleibt selbst unter Einsatz ihres Lebens eine Fußnote. Dazu agiert ihr Feind stets gesichtslos – sie kämpfen gegen die deutsche Maschine, nicht gegen Einzelpersonen; Armee im Schatten bietet uns keinerlei Antagonisten à la Hans Landa an, gegen den wenigstens ein Pyrrhussieg zu erringen wäre. Indem Melville die deutsche Perspektive ausblendet, beschränkt er unser Erleben auf den tristen Alltag der Widerstandskämpfer.
Die existenzielle Kälte des Lebens im Untergrund transportierte Armee im Schatten auch visuell. Melville drehte (nach Der eiskalte Engel) zum zweiten Mal in Farbe, was hier nicht wörtlich zu nehmen ist – die Palette bleibt gedeckt und etabliert eine triste, stahlgraue Welt. Die vorzügliche Kameraarbeit verstärkt die pessimistische Atmosphäre noch: Die Zwänge von Wehrmacht und Gestapo scheinen nicht nur Frankreich zu unterjochen, sondern auch die Kadrage: Die Bilder sind eng und geometrisch aufgebaut, die Protagonisten ihre Gefangenen.
Einen Kontrast dazu setzt eine kurze Sequenz in London. Auch hier herrscht Krieg, durchweg fallen Bomben; doch die Bilder auf englischem Boden sind hell und belebt, denn es ist ein regulärer Krieg – die Briten kämpfen, um ihre Freiheit zu erhalten. Die Franzosen hingegen haben ihr Land bereits verloren, was den Widerstandskämpfern eine fundamental andere Geisteshaltung aufzwingt. Ihr asymmetrischer Krieg für eine verlorene Sache mutet wahnsinnig an.
Das Bewusstsein um die eigenen Limitierungen drückt sich im konsequenten Underacting der Darsteller aus. Es ist ein großer Genuss, das nuancierte Spiel zu beobachten, wird es doch von einer Riege der vorzüglichsten Charakterdarsteller des französischen Kinos dargeboten. Insbesondere die Gravitas von Lino Ventura, dessen Figur fortwährend Dinge tut, die sie hasst, sowie Simone Signorets fatalistischer Pragmatismus bleiben im Gedächtnis.
Selbst nach dem Finale des Films lässt sich Melville nicht dazu verleiten, seine Vergangenheit und die ehemaligen Kameraden hochleben zu lassen. Statt eines letzten großen Hurras gesteht der Regisseur seinen Protagonisten lediglich einige nüchterne Texttafeln zu, die über ihr weiteres Schicksal informieren. Die Kompromisslosigkeit, mit der Melville seinen tragischen Thriller inszeniert, transformiert den historischen Stoff zu einem universell gültigen, zeitlosen Meisterwerk.
★★★★★☆
Jean-Pierre Melville
Jean-Pierre Melville zählt zu den wichtigsten europäischen Autorenfilmern. Um seine Eigensinnigkeit ausleben zu können, produzierte er seine Filme selbst, schrieb Drehbücher und führte Regie. Melvilles Kriminalfilme bestechen durch ihren fatalistischen Tonfall und ihren ausgeprägten Hang zur Coolness. Die unterkühlten Darsteller und die akribisch durchkomponierten Bilder tragen erheblich dazu bei.
Thriller
Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auf formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

