Mit dem Independentfilm Reservoir Dogs startete Quentin Tarantino seine Karriere. Schon in diesem Debüt benutzt der Regisseur seinen typischen Stil: Er zitiert Filme aus aller Welt und zieht das Geschehen postmodern auf. Da das nie zum Selbstzweck verkommt, bietet Reservoir Dogs im Gegensatz zu unzähligen Epigonen ein nach wie vor sehenswertes Filmerlebnis.

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Filmkritik:

Der Großteil des Films spielt in einer Lagerhalle, in die sich einige Gangster flüchten, nachdem ein Juwelenraub gründlich schiefgelaufen ist. Da die Polizei offensichtlich von dem Coup wusste, müssen die Männer von einem Verräter in den eigenen Reihen ausgehen. Das führt zu Spekulationen und Misstrauen – Gewalt liegt in der Luft.

Als wichtigste Inspirationsquelle nannte Tarantino das Drehbuch von Jean-Pierre Melvilles Der Teufel mit der weißen Weste. Nach der Komplexität des französischen Meisterwerkes strebt Reservoir Dogs nicht, die thematischen Parallelen treten dennoch deutlich zutage: Beide Werke beschreiben, wie Gangster durch einen verratenen Coup in eine fremdgesteuerte Situation taumeln, die es ihnen unmöglich macht, ihren Ehrenkodex unter Dieben aufrecht zu erhalten.

Ursprünglich plante Tarantino, sein Drehbuch mit einigen Freunden und dem privaten Budget von 30.000 Dollar zu drehen. Als das Script über Umwege bei Harvey Keitel landete, ermöglichte dieser dem jungen Filmemacher den Durchbruch: Keitel beteiligte sich nicht nur als Hauptdarsteller, sondern stieg auch als Produzent ein und hob das Budget auf 1,5 Millionen Dollar. Damit konnte Tarantino deutlich freier arbeiten und aufstrebende Darsteller wie Steve Buscemi, Michael Madsen und Tim Roth engagieren.

Das exzellente Drehbuch und die talentierte Besetzung prägen Reservoir Dogs: Jeder der Gangster besitzt eine klar umrissene Persönlichkeit, die Dialoge sitzen und der Plot entwickelt trotz seiner Reduktion auf das Wesentliche eine gehörige Portion Spannung. Die wechselnden Verhältnisse zwischen den Protagonisten und die Rückblendenstruktur sorgen für ein hohes Tempo.

Tarantino begnügte sich nicht damit, einen konventionellen Gangsterfilm zu drehen. Aus der Masse des Genres stach Reservoir Dogs seinerzeit heraus, weil der Regisseur dem Geist der Nouvelle Vague huldigt. Die französische Strömung stellt einen maßgeblichen Baustein für Tarantinos filmische Sozialisierung dar und lehrte ihn, das Kino als Zeichensystem zu begreifen.

Werke wie Jean-Luc Godards Außer Atem und François Truffauts Schießen Sie auf den Pianisten stellen ihre Kriminalgeschichten selbstreferenziell als Kinoprodukt aus. Tarantino tut es seinen Vorbildern gleich und zeigt sich als zitatfreudiger Liebhaber internationaler Genrefilme: Die Namen seiner Gangster entlehnt er dem US-Thriller Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123, die Folterung eines Polizisten findet in einer Szene des Italowesterns Django ihr Pendant, der Mexican Standoff am Ende des Films verweist auf die Hongkong-Actioner von John Woo und Ringo Lam.

Tarantino erweitert das Geschehen nicht nur durch Filmverweise, er zeigt seine Gangster auch abseits ihrer Rolle. Zwei Jahre, bevor sich die Protagonisten in Pulp Fiction über europäische Burger unterhalten sollten, debattieren sie hier bereits über die Bedeutung von Madonnas Like A Virgin. Den popkulturellen Einschlag führt der Regisseur mit der bemerkenswerten Musikauswahl fort: Wie schon Martin Scorsese in Hexenkessel erzeugt Tarantino durch den Einsatz alter Songs ein besonderes Flair.

Mit seiner Ironie und Gewalt sowie der Konzentration auf Popkultur und Postmoderne setzte Reservoir Dogs ein Ausrufezeichen. Zusammen mit Pulp Fiction beeinflusste der Film das Kino der nächsten 20 Jahre und schwemmte eine Flut von Epigonen in die Videotheken. Eigenständige Vertreter wie Fargo, The Big Lebowski oder Lost Highway stellten die Ausnahme zwischen unzähligen mauen B-Movies dar.

Gerade im Vergleich zu den missratenen Nachahmern (und den weniger gelungenen Werken von Tarantino selbst) tritt die Qualität von Reservoir Dogs hervor: Seine Coolness bleibt durchgängig unbekümmert, seine reduzierte Ästhetik frei von Prätention. Reservoir Dogs liefert unverfälschtes Genrekino in einer zeitlosen Form.

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DER REGISSEUR

Quentin Tarantino startete als Videothekar mit enormem Filmwissen und arbeitete sich zu einem der wichtigsten Regisseure seiner Zeit empor. Indem er seine Filme mit zahlreichen Anspielungen auf andere Werke spickt und sie als Element der Popkultur betrachtet, verleiht er ihnen den typischen Tarantino-Stil. Sein Talent für geschliffene Dialoge und die Auswahl der Filmmusik sind längst legendär.

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DAS GENRE

Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auf formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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