Whiplash

Regie: | Jahrzehnt: | Genre:


Filmkritik:

Whiplash erzählt vom ambitionierten jungen Musikstudenten Andrew Neiman, der unter der Leitung des so berühmten wie rücksichtslosen musikalischen Leiters Terence Fletcher zum virtuosen Jazzdrummer reifen will. Dabei unterscheidet sich der Film von Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle deutlich von ähnlich gelagerten Werken, deren Protagonisten von ihrem Talent durch die Handlung getragen werden und dank dieser Art Superkraft jedes vermeintliche Hindernis überwinden; in Whiplash sind alle Protagonisten mit Talent gesegnet, doch ohne die totale Hingabe ist die reine Veranlagung keinen Pfifferling wert.

Die jungen Musiker zur Höchstleistung anzuspornen zählt zum Aufgabenbereich des von J. K. Simmons brillant gespielten Übungsleiters Fletcher, der das Geschehen wie ein zorniger Gott in jeder Szene dominiert. Er schreit und flucht, beleidigt und droht, wie es seit dem Auftritt des Gunnery Sergeant Hartman in Stanley Kubricks Full Metal Jacket nicht mehr zu sehen war. Mit seinen brutalen Methoden sondert Fletcher die überdurchschnittlich begabten, aber willensschwachen Musiker aus und versucht, eine unkaputtbare Elite zu formen, die ihr Leben voll und ganz der Kunst widmet.

Damit erhält Whiplash allerdings auch eine potenziell bedenkliche Note: Chazelle beobachtet das durch Qualen getriebene Streben nach dem ultimativen Leistungszenit durchaus mit großer Faszination für seinen diabolischen Folterknecht Fletcher, sodass der Eindruck entsteht, diese anti-sozialen, beinahe schon faschistischen Methoden wären aufgrund der erfolgreichen Ergebnisse gerechtfertigt. Eine derartige Aussage wäre für jedes ernst zu nehmende Drama untragbar.

Doch Whiplash ist alles andere als ein konventionelles oder gar realistisches Musikdrama – Chazelle drehte einen rassigen Genrefilm, weshalb ein ideologischer Maßstab am Kern des Films vorbeigeht. So wenig wie ein hochgradig stilisierter Film Noir vom echten Alltag eines Privatdetektivs berichtet, so wenig handelt es sich bei Whiplash um eine realistische Auseinandersetzung mit einer Musikerlaufbahn. Damien Chazelles Werk ist viel mehr ein packender Thriller. Ein Musikthriller, sozusagen.

Chazelles Werk erweist sich in jeder Hinsicht als artifiziell: Die Welt des Films besteht aus diffusen, nichtssagenden Räumlichkeiten, die Zeitebene der Handlung bleibt durchweg ohne Maßstab und der extrem verdichtete Plot kennt ausschließlich Konfliktsituationen und blendet alles Alltägliche aus, sodass der Eindruck entsteht, Andrew lebe in einer Parallelwelt der existenziellen Bedrohungen und Krisen.

Neben der ausgezeichneten Bildgestaltung, den herausragenden Darstellern und den schlagkräftigen Dialogen begeistert vor allem Chazelles hochgradig ökonomisches Drehbuch, das gerade über seine konsequente Reduktion eine unerhört angespannte Atmosphäre erzeugt – nichts lenkt von den Konflikten ab, für uns Zuschauer gibt es ebenso wenig eine Abkürzung wie für Andrew. Chazelles Script hält eine ganze Reihe von Siegen und Niederlagen bereit, führt durch Blut und Wut direkt in einen unvorhersehbaren Schlusstwist, dessen Perfidität mit jedem anderen Thriller konkurrieren kann.

Doch während Fletcher und Andrew im mitreißenden Finale nach gegenseitiger Vernichtung trachten, entwickelt sich plötzlich etwas Unerwartetes. Wie zwei Boxern, die sich vor einem Kampf wochenlang verleumden, um sich im Ring dann doch gegenseitigen Respekt abzuringen, ergeht es auch den beiden Protagonisten. Am Ende von Whiplash geht es nicht mehr ums Gewinnen, sondern um die Kunst, einen Zweikampf auf höchstem Niveau auszutragen. Wie Chazelle diese Momente der Ebenbürtigkeit artikuliert, ist ganz großes Kino.

Handlung:

Der 19-jährige Jazz-Schlagzeuger Andrew Neiman träumt von einer großen Karriere. Nach dem Scheitern der Schriftsteller-Laufbahn seines Vaters ist er fest entschlossen, sich durchzukämpfen und es auf dem renommiertesten Musikkonservatorium des Landes ganz nach oben zu schaffen. Eines Nachts entdeckt der für seine Qualitäten als Lehrer ebenso wie für seine rabiaten Unterrichtsmethoden bekannte Band-Leiter Terence Fletcher den jungen Drummer beim Üben. Der Beginn einer Weltkarriere oder der Anfang vom Ende eines großen Traums?

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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