Mit Der eiskalte Engel inszenierte Jean-Pierre Melville einen ikonografischen Klassiker des französischen Kinos und bietet ein anschauliches Beispiel für den Strom von Einflüssen, der die Filmgeschichte durchzieht. Melvilles Werk um einen stoischen Auftragskiller nutzt den Figurentypus des einzelgängerischen Antihelden, den es damals noch gar nicht so lange gab: 1941 trat erstmals ein solcher auf, im seinerzeit ungewöhnlichen Film Noir Die Narbenhand. Groß heraus kam der Typus dann genau zwanzig Jahre später durch Akira Kurosawas Samuraifilm Yojimbo. Melvilles Der eiskalte Engel stellt nun gewissermaßen eine Kreuzung dieser beiden Werke da, popularisierte den Antiheldentypus erneut und avancierte nunmehr selbst zum viel zitierten Klassiker, der nachfolgende Werke wie John Woos The Killer, Taxi Driver, Leon der Profi oder Drive beeinflusste.

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Filmkritik:

Der französische Originaltitel des Films lautet Le samouraï und spielt damit bereits auf die stoische Persönlichkeit des Protagonisten Jef Costello an, die nicht unbedingt eine selbst gewählte Maske darstellt, denn die großartige Eröffnungsszene deutet noch eine andere Leseweise an: Während die Namen der Beteiligten eingeblendet werden, sehen wir Costello rauchend auf seinem Bett in einem abgedunkelten Zimmer liegen.

Und dann passiert etwas – nachdem der letzte Name verschwindet und bevor Costello sich aufsetzt und die Handlung startet, scheint sich etwas im Zimmer zu verschieben. Melville benutzt hier dezent Hitchcocks berühmten Vertigo-Effekt, um das Bild zu manipulieren und zu zeigen, dass etwas nicht ganz zu stimmt mit diesem Mann in diesem Zimmer; der Regisseur äußerte, Costello als schizoide Persönlichkeit darstellen zu wollen.

Gespielt wird Costello von Alain Delon, den Melville nach einiger Überzeugungsarbeit verpflichten konnte. Nahezu wortlos etabliert Delon eine beeindruckende Coolness; noch beachtlicher ist aber, wie Delon hinter dieser alle Emotionen abschirmenden Mauer in seltenen Momenten dann doch einen Hauch von Gefühl durchblitzen lässt und beweist, dass seine Figur durchaus kein Roboter ist. Einer der großen Reize des Films äußert sich darin, dass der Zuschauer keinerlei Psychologisierung präsentiert bekommt, sondern den mysteriösen Charakter Costellos selbst ergründen und bewerten darf.

Die kalte, abweisende Welt von Der eiskalte Engel schildert Melville in gewohnt großartiger Manier, wie bereits die tollen ersten zehn Minuten offenbaren, in denen viel passiert, aber kein Wort gesprochen wird. Stimmig untermalt von Jazz-Musik, schildert der Regisseur ungemein präzise ein trostloses, graues Paris und die halbseidenen Gestalten, die es bevölkern.

Genauso, wie diese sich keine Emotionen leisten, geht auch der visuellen Ebene jeglicher Schnickschnack ab – die inszenatorische Herangehensweise spiegelt hier die Welt des Protagonisten und erzeugt den Melville-typischen Fatalismus, der auch die späteren Meisterwerke wie Vier im roten Kreis oder Armee im Schatten dominiert. Dramaturgisch bleibt Der eiskalte Engel etwas hinter den vorgenannten Filmen zurück, ist vielleicht auch 15 Minuten zu lang geraten. Am Ende kommt kaum jemand davon, doch darum geht es ohnehin selten in einem Werk von Melville. Viel mehr interessiert es den Regisseur, ob seine Protagonisten ihren Frieden finden. Insofern bietet Der eiskalte Engel dann doch eine Art von Happy End.

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DER REGISSEUR

Jean-Pierre Melville zählt zu den wichtigsten europäischen Autorenfilmern. Um seine Eigensinnigkeit ausleben zu können, produzierte er seine Filme selbst, schrieb Drehbücher und führte Regie. Melvilles Kriminalfilme bestechen durch ihren fatalistischen Tonfall und ihren ausgeprägten Hang zur Coolness. Die unterkühlten Darsteller und die akribisch durchkomponierten Bilder tragen erheblich dazu bei.

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Jean-Pierre Melville zählt zu den wichtigsten europäischen Autorenfilmern. Um seine Eigensinnigkeit ausleben zu können, produzierte er seine Filme selbst, schrieb Drehbücher und führte Regie. Melvilles Kriminalfilme bestechen durch ihren fatalistischen Tonfall und ihren ausgeprägten Hang zur Coolness. Die unterkühlten Darsteller und die akribisch durchkomponierten Bilder tragen erheblich dazu bei.

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DAS GENRE

Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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