Mit Der eiskalte Engel inszenierte Jean-Pierre Melville einen ikonografischen Klassiker des französischen Kinos und etablierte einen der ersten Antihelden des Kinos. Damit avancierte er zum Vorbild unzähliger Nachfolger wie Taxi Driver, Leon der Profi, Drive oder The Killer.

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Filmkritik:

Melvilles Werk handelt von einem Auftragskiller, über den wir wenig erfahren. Er redet nicht gerne, bleibt meist für sich allein und erledigt seine Arbeit so unaufgeregt wie präzise.

Als Der eiskalte Engel 1967 erschien, war der Figurentyp des einzelgängerischen Antihelden noch nicht weit verbreitet. 1941 trat ein solcher im wegweisenden Film Noir Die Narbenhand auf, große Popularität gewann er jedoch erst 20 Jahre später durch Akira Kurosawas Samuraifilm Yojimbo. Der eiskalte Engel kreuzt die beiden Filme gewissermaßen: Seine Welt ist die amerikanischer Gangsterfilme, sein Protagonist orientiert sich hingegen an japanischen Idealen.

Der Originaltitel von Melvilles Werk lautet Le samouraï und spielt damit bereits auf die stoische Persönlichkeit des Protagonisten Jef Costello an, dessen Zurückhaltung nicht unbedingt selbst gewählt ist. Die tolle Eröffnungsszene deutet noch eine andere Leseart an: Während die Namen der Beteiligten eingeblendet werden, sehen wir Costello rauchend auf seinem Bett in einem abgedunkelten Zimmer liegen.

Und dann passiert etwas – bevor Costello sich aufsetzt und die Handlung startet, verschiebt sich die Kameraperspektive minimal. Melville benutzt hier dezent Hitchcocks berühmten Vertigo-Effekt, um das Bild zu manipulieren und zu zeigen, dass etwas nicht ganz stimmt mit diesem Mann; der Regisseur äußerte später, Costello als schizoide Persönlichkeit darstellen zu wollen.

Gespielt wird Costello von Alain Delon, den Melville nach einiger Überzeugungsarbeit verpflichten konnte. Nahezu wortlos etabliert Delon eine beeindruckende Coolness; darüber hinaus gelingt Delon mit minimalem Spiel eine magische Wirkung: In seltenen Momenten blitzt der Hauch einer Regung durch diese alles abschirmende Maske und beweist, dass Jef Costello kein Roboter ist.

Dabei unternimmt der Film keinen Versuch, seinen Antihelden zu charakterisieren oder sein Tun zu werten. Das ist typisch für das Kino von Jean-Pierre Melville, der uns lieber Dinge zeigt, statt sie zu erzählen. Dass wir diesen Jef Costello selbst ergründen dürfen, zählt zu den Reizen von Der eiskalte Engel.

Die kalte, abweisende Gangsterwelt schildert Melville in gewohnt großartiger Manier. Das offenbaren schon die ersten zehn Minuten, in denen viel passiert, aber kein Wort gesprochen wird. Stimmig untermalt von Jazz-Musik, schildert der Regisseur ungemein präzise ein trostloses, graues Paris und die halbseidenen Gestalten, die es bevölkern.

So wie die Protagonisten sich keine Emotionen leisten, geht auch der visuellen Ebene jeglicher Schnickschnack ab – die inszenatorische Herangehensweise spiegelt die Welt der Figuren exakt wider und erzeugt Melvilles typischen Fatalismus, der Meisterwerke wie Der Teufel mit der weißen Weste oder Armee im Schatten dominiert.

Dramaturgisch bleibt Der eiskalte Engel etwas hinter den vorgenannten Filmen zurück und konzentriert sich stark auf die Stimmung. Das ist nachvollziehbar, denn das Finale kündigt sich wie so oft bei Melville lange im Voraus an. Am Ende kommt kaum jemand davon, doch darum geht es dem Regisseur ohnehin nicht. Viel mehr interessiert es den Franzosen, ob seine Protagonisten ihren Frieden finden. Insofern bietet Der eiskalte Engel dann doch eine Art von Happy End.

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DER REGISSEUR

Jean-Pierre Melville zählt zu den wichtigsten europäischen Autorenfilmern. Um seine Eigensinnigkeit ausleben zu können, produzierte er seine Filme selbst, schrieb Drehbücher und führte Regie. Melvilles Kriminalfilme bestechen durch ihren fatalistischen Tonfall und ihren ausgeprägten Hang zur Coolness. Die unterkühlten Darsteller und die akribisch durchkomponierten Bilder tragen erheblich dazu bei.

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DAS GENRE

Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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