Seit inzwischen mehr als anderthalb Jahrzehnten steht der Regisseur Alejandro González Iñárritu für düstere, schwere Dramen wie beispielsweise 21 Gramm, doch beim oscarprämierten Birdman reichert der Mexikaner seinen Stoff deutlich mit komödiantischen Spitzen an.

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Filmkritik:

Wie schon einige Jahre zuvor Darren Aronofskys The Wrestler gelang auch Birdman ein für sich sprechender, wunderbar ironischer Coup bei der Besetzung der Hauptrolle. Der Mitte der Neunziger Jahre zum millionenschweren Star aufgestiegene Batman-Darsteller Michael Keaton, dessen Karriere nach den beiden Comicverfilmungen jedoch einen Knick erlitt, spielt einen mit Superheldenfilmen zum Star gewordenen und ebenfalls wieder in der Versenkung verschwundenen Schauspieler – das passt perfekt.

Iñárritu zählt zu den Regisseuren mit einer ausgeprägten, viel gepriesenen Schauspielerführung, der Höchstleistungen aus seinem Personal kitzelt – angesichts des mit Keaton, Naomi Watts, Edward Norton und einigen guten Nebendarstellern ausgestatteten Casts eine dankbare Aufgabe, doch nichtsdestotrotz begeistern die Mimen allesamt.

Es lässt sich festhalten, dass Birdman kein unfassbar tiefgehendes Sujet verhandelt, sondern lediglich gekonnt seine Theaterromantik ausspielt und uralte Themen bearbeitet: Der Gegensatz von Kunst und Kommerz, von praktischem Handwerk und immer theoretisch bleibender Kritik, von Rolle und echtem Leben werden aufgegriffen, angeschnitten und wieder fallen gelassen. Auch der Sinn des Alter Egos von Keatons Figur bleibt vage. Zudem überrascht auch, dass Edward Nortons Protagonist nach der Hälfte der Spielzeit regelrecht aus dem Film verschwindet.

Das Beharren auf der soliden inhaltlichen Basis von Birdman wird Iñárritus Werk jedoch nicht gerecht. Die Dialoge des Films sind schlichtweg fantastisch geschrieben, zählen wahrscheinlich zu den besten der letzten Jahre – sie pendeln wunderbar zwischen sardonischem Humor und offenem Zynismus, strahlen aber auch Wahrhaftigkeit aus und besitzen ein überragendes Timing. Im Zusammenspiel mit der so famosen wie ungewöhnlichen musikalischen Untermalung, die hauptsächlich aus Perkussionssets des Jazz-Drummers Antonio Sánchez besteht, erzeugt der Film viel Verve und vermeidet jeglichen Leerlauf.

Das große Alleinstellungsmerkmal von Birdman ist derweil ein anderes: Die Weltklasse-Inszenierung, die Iñárritu zusammen mit einem der besten Kameramänner der Gegenwart, Emmanuel Lubezki, austüftelte. Ohne sichtbaren Schnitt gleitet die Kamera unfassbar elegisch durch die Welt des Films und lässt das Geschehen wie aus einem Guss wirken. Wie sie – teilweise rückwärts – durch die engen Theatergänge schwebt, immer in Bewegung bleibt und dabei trotzdem nie das Geschehen überdeckt, sondern ihm dient, imponiert ungemein und rechtfertigt allein das Schauen des Films. Birdman mag nur ein weiterer Hollywoodfilm, der über sein eigenes Wesen erzählt, ohne über ein wenig selbstironisches Augenzwinkern hinaus zu kommen, sein, doch das exquisite Handwerk aller Beteiligten sichert dennoch ein schönes Filmerlebnis.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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