Der Fuhrmann des Todes markiert den Höhepunkt des skandinavischen Stummfilmkinos. Der innovative Fantasyfilm von Victor Sjöström imponiert mit handwerklicher Finesse und einer komplexen Erzählweise.

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Filmkritik:

Der Fuhrmann des Todes basiert auf der gleichnamigen Novelle der Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf, die eine schwedische Legende neu interpretierte. Der Sage nach erhält der zuletzt gestorbene Mensch eines Jahres eine mythische Aufgabe: Er muss im kommenden Jahr für den Tod arbeiten und als dessen geisterhafter Fuhrmann die Seelen der Verstorbenen einsammeln.

Dieses Schicksal droht auch dem mittellosen Alkoholiker David Holm, der in der Silvesternacht von zwei Saufkumpanen erschlagen wird. Als ihm der Fuhrmann erscheint, muss Holm – ähnlich wie Scrooge in Charles Dickens‘ Eine Weihnachtsgeschichte – eine Reise in die eigene Vergangenheit antreten und die entscheidenden Momente seines Lebens erneut ansehen.

Die Wechsel zwischen Leben und Tod, Gegenwart und Vergangenheit transportiert Der Fuhrmann des Todes mittels einer komplexen Erzählstruktur. Wie Lagerlöfs Novelle benutzt auch die Verfilmung zahlreiche Rückblenden und setzt darin sogar weitere Rückblenden ein.

Das Storytelling des bald 100-jährigen Films wirkt immer noch unheimlich modern: Wie viele aktuelle Werke entzieht er sich simplen Genrezuschreibungen und kombiniert Elemente verschiedener Spielarten des Kinos. Im Kern handelt es sich um eine moralische Fabel, die zwischen Melodram und Fantasyfilm pendelt. Die religiösen Tendenzen wirken bisweilen altbacken, den Kontrast dazu setzen einige Szenen, die direkt aus einem Horrorfilm stammen könnten.

Stellvertretend dafür sei ein besonderer Moment genannt, in dem Holm Frau und Kind Gewalt antun will. Mit einer Axt arbeitet er sich wie von Sinnen durch eine verschlossene Tür und nimmt damit eine der berühmtesten Sequenzen des Horrorgenres um 80 Jahre vorweg – Jack Nicholsons Türdurchbruch in Stanley Kubricks Shining. Kein Zufall, denn Kubrick zählte Der Fuhrmann des Todes zu seinen Lieblingsfilmen.

Das Schauspiel überrascht durch eine für damalige Verhältnisse ungewohnte Bodenständigkeit. Neben der Regie und dem Drehbuch übernahm Victor Sjöström auch die Hauptrolle und spielt – wie auch die anderen Darsteller – weniger übertrieben als in Stummfilmen üblich.

Seine Wirkung erzielt Der Fuhrmann des Todes über bemerkenswerte Doppelbelichtungseffekte. Durch sie finden Realität und Geisterwelt zusammen, was für grandiose Bilder sorgt: Wenn der Geist des toten Holm sich erhebt und auf die eigene Leiche starrt oder wenn der Fuhrmann mit seiner Kutsche über das Meer fährt und die Seelen Ertrunkener einsammelt. Im Zusammenspiel mit der gelungenen Viragierung erzeugt die Doppelbelichtung eine magische Stimmung.

Mit den Effekten gelang dem Regisseur ein deutlicher Fortschritt: Wo expressionistische Horrorfilme wie Das Cabinet des Dr. Caligari mit ihren artifiziellen Bühnenkulissen und aufgemalten Schatten zur Zweidimensionalität tendieren, vergegenwärtigt Sjöström seine Illusionen dreidimensional.

Der Regisseur nutzt die Doppelbelichtung nicht nur als Spezialeffekt, sondern auch als maßgebliches erzählerisches Mittel. Dank der Technik muss Sjöström nicht zwischen fantastischen Genre-Elementen und sozialem Realismus wählen, sondern kann beide Ebenen nahtlos zusammenfügen. Indem er mehrere Bilder zu einem verschmilzt, kann Sjöström seine Szenen mit größerer Bedeutung aufladen und war seiner Zeit mit diesem visuellen Erzählen voraus.

Die Magie von Der Fuhrmann des Todes begeisterte auch den 15-jährigen Ingmar Bergman, der Sjöströms Werk fortan einmal jährlich ansah und davon nachhaltig beeinflusst wurde. Wie sein Vorbild untersuchte Bergman das menschliche Sein unter der Wechselwirkung aus Realität und dem Irrealen, stieg zu einem der profiliertesten Regisseure der Kinogeschichte auf und drehte sogar einen Film mit seinem Idol: 1957 besetzte er Victor Sjöström als Hauptdarsteller von Wilde Erdbeeren.

2012 wählten schwedische Filmkritiker Der Fuhrmann des Todes – noch vor den Meisterwerken Bergmans – zum besten schwedischen Film aller Zeiten.

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DIE GATTUNG

Alles andere als staubig – noch immer lohnt es sich ungemein, Stummfilme zu schauen. Die einmalige Ästhetik der Ära hat einige der größten Filme der Kinogeschichte hervorgebracht. Durch die zunehmende Professionalisierung ab 1910 beeindrucken viele Stummfilme mit enormen Produktionsaufwand, immer ausgefeilteren Effekten und zunehmend komplexerer Erzählweise.

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DAS GENRE

Zusammen mit seinen nahen Verwandten, dem Horror- und dem Science-Fiction-Kino, widmet sich der Fantasyfilm dem Übersinnlichen, der Magie und den Monstern. Das Genre lädt uns in besonderem Maße dazu ein, wieder Kind zu sein: Es entführt uns in märchenhafte Welten mit eigenen Gesetzen, die bevölkert werden von Helden, Schurken und Ungeheuern.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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