Andy Warhols Dracula ist die zweite Horrorkomödie, die Regisseur Paul Morrissey unter der Schirmherrschaft von Andy Warhol abdrehte. Noch konsequenter als die ein Jahr zuvor produzierten Frankenstein-Variation vereint der Nachfolger Blut, Brüste und seltsamen Humor.

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Filmkritik:

Mit Bram Stokers Ursprungsgeschichte hat Andy Warhols Dracula nichts am Hut. Stattdessen schildert der Film, wie dem Graf in seiner Heimat das Jungfrauenblut ausgeht und dieser deshalb gen Italien zieht. Indem er Heiratsambitionen vortäuscht, kommt Dracula bei einer aristokratischen Familie unter und giert fortan nach den Hälsen der vier vermeintlich jungfräulichen Töchter des Hauses.

Wie schon Andy Warhols Frankenstein handelt es sich um einen Trashfilm, der mit niedrigem Budget in Italien gedreht wurde. Dem geneigten Zuschauer serviert Paul Morrissey einen grob herbeifabulierten Plot, für den er sich ebenso wenig interessiert wie für die Figuren. Das Geschehen erlaubt das Spiel mit Vampirklischees und nackten Frauen, der Regie geht trotzdem jede Leidenschaft ab.

Hinter der ungelenken Inszenierung ergibt sich allerdings ein interessanter Subtext – den Blutdurst des Grafen Dracula nimmt Morrisseys Werk zum Anlass für einen Klassenkampf zwischen Adel und Proletariat. Graf Dracula verkörpert sinnbildlich die im Niedergang befindliche Oberschicht. Geschwächt aufgrund seiner unfreiwilligen Diät, vegetiert er als Schatten seiner selbst dahin und verfügt nicht ansatzweise über die Virilität anderer filmischer Dracula-Inkarnationen.

Auch die Gastgeber des Grafen sind am Ende. Um die Finanzen der Aristokraten steht es schlecht, Generationen bourgeoiser Nichtsnutze haben das Geld durchgebracht. Die italienische Adelsfamilie besitzt nur noch ihre Villa, von der überall der Putz bröckelt, und ihren alten Namen. Beides wird vergehen – die unbekümmerten Töchter des Hauses haben sich längst von den althergebrachten Werten ihrer Eltern abgewandt.

Das äußert sich in den nächtlichen Ausflügen, die die jungen Frauen in die Kammer des stattlich gebauten Dieners führen. Über diese von Joe Dallesandro gespielte Figur führt der Film seine Motive zusammen. Die Sexszenen dienen der seichten Unterhaltung, in den Verschnaufpausen beschwört der gar nicht servile Diener den Kommunismus in Russland – „bald herrscht auch hier das Volk!“. Unwissentlich leistet der Domestik seinen Anteil an der kommenden Revolution: Seine Potenz steht im krassen Gegensatz zum geschwächten Dracula; indem der Diener die Frauen des Hauses entjungfert, nimmt er dem Vampir die Nahrung und somit dem Adel die Zukunft.

Abseits des nicht unbedingt hintersinnigen, aber zumindest vergnüglichen Subtextes bietet Andy Warhols Dracula die erwartbare laue Mischung aus Blut und Brüsten. Die lächerlichen Dialoge werden nur noch von den seltsamen Auftritten der Schauspieler übertroffen. Joe Dallessandro gibt einmal mehr den mürrischen Stoiker und findet seinen Gegenpart im wild grimassierenden Arno Juerging, der wie schon in Andy Warhols Frankenstein den Gehilfen des Bösewichts spielt.

Erneut schlüpft Udo Kier in die Hauptrolle und trägt wie schon im Vorgänger den gesamten Film. Kiers schauspielerische Klasse lässt sich weder von der eindimensionalen Figurenzeichnung noch vom limitierten Personal um ihn herum beeinträchtigen. Er verleiht Dracula viel Charisma und erhebt seinen Antihelden zur tragischen Figur. Erwähnenswert sind die Gastauftritte zweier großer Regisseure: Vittorio De Sica spielt das kauzige Oberhaupt der bankrotten Adelsfamilie und Roman Polanski einen Dorfbewohner.

Wie Graf Dracula siecht auch der Film in verhaltenem Tempo dahin und zieht seine Spannung eher aus Kuriositäten denn aus Qualitäten. Erst das absurd brutale Finale sorgt für eine Steigerung von Tempo und Tonfall. Andy Warhols Dracula mag kein guter Film sein, erarbeitet sich mit seinen offen ausgestellten Schwächen und dem politischen Subtext aber zumindest einen gewissen Charme.

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Die durch die neuen Wellen der Sechziger Jahre eingeleiteten Veränderungen nahmen auch in den Siebzigern Einfluss. In den USA entstand das New Hollywood und in Europa u.a. der Neue Deutsche Film. Erstmals kumulierten hohe Studiobudgets und die Kreativität junger Regisseure. Gegen Ende der Siebziger sorgte eine neue Entwicklung für die Wende: Die ersten Blockbuster erschienen und etablierten das Konzept marketinginduzierter Kino-Franchises.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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