Der wilde Planet

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Filmkritik:

Der wilde Planet zählt zu den unumstrittenen Klassikern des Animationsfilms. Das Werk von René Laloux vereint den für Midnight Movies typischen Hang zum Absonderlichen mit einer vieldeutigen Science-Fiction-Geschichte.

Die vordergründige Handlungsebene mag zunächst schlicht erscheinen, doch von einem Kinderfilm ist Der wilde Planet weit entfernt. Die von Roland Topor (Romanvorlage zu Roman Polanskis Der Mieter) konzipierte Handlung spielt auf dem Planeten Ygam, wo die gigantischen Draag primitive Menschen namens Oms als Haustiere halten. Indem der Film den Status quo der Menschheit auf den Kopf stellt und uns die Position an der Spitze der Nahrungskette nimmt, lässt er geschickt unser Selbstverständnis kippen und verändert unsere Perspektive.

Während wir den schwachen, versklavten Menschen beim Kampf gegen die so übermächtigen wie willkürlichen Draag die Daumen drücken, macht uns der Film geschickt bewusst, wie unsere Spezies in der Realität die Erde regiert. Trotz großen technischen Fortschritts und einer weit entwickelten gesellschaftlichen Ordnung wirken die Draag erstaunlich kleingeistig – ihr Weltbild ist ausschließlich auf sie selbst ausgerichtet, aufgrund ihrer Allmacht interessieren sie sich nicht für die Welt um sie herum. Wie die Draag zerstören auch wir Menschen trotz unserer Errungenschaften unseren Planeten und kümmern uns ausschließlich um uns selbst; der Film macht diese Attitüde geschickt von außen erlebbar.

Wenn ein entlaufender Om seine Artgenossen im Laufe des Films zu Sklavenaufstand und Revolution anstiftet, erhält Der wilde Planet auch eine politische Leseart. Laloux‘ Werk in Tschechien co-produziertes Werk entstand nur wenige Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und deutet das pessimistische Klima der damaligen Ära an. Der Film suggeriert, dass sich ein versklavtes Volk nur seiner zahlenmäßigen Stärke besinnen und Zusammenhalt finden müsse, um sich der diktatorischen Herren entledigen zu können.

Neben der inhaltlichen Vielseitigkeit bleiben auch die Schauwerte im Gedächtnis, obwohl die größtenteils statischen Animationen altmodisch und simpel erscheinen; das Design der Bilder ist hingegen einmalig. Die Flora und Fauna des Planeten Ygam erinnert an die surrealen Gemälde von Salvador Dalí und Hieronymus Bosch, die seltsamen Lebewesen Ygams sorgen für einige denkwürdige Augenblicke und faszinieren den gesamten Film über. Im Zusammenspiel mit der ungewöhnlichen musikalischen Untermalung lässt sich sofort nachvollziehen, warum die marihuanageschwängerten Mitternachtsvorstellungen von Der wilde Planet in den Siebziger Jahren eine so große Popularität gewannen.

Die größte Schwäche des Films tritt im Finale zutage, das nicht mit einem Höhepunkt endet, sondern enttäuschend verläuft. Anstatt die Konflikte auf die Spitze zu treiben und sich den zuvor aufgeworfenen Grundsatzfragen zu stellen, zieht sich Der wilde Planet mittels eines faulen deus ex machina aus der Affäre und kanzelt die spannende Ausgangssituation anschließend mit einem Fazit aus wenigen Sätzen ab. Eine Viertelstunde mehr Spielzeit hätte dem 73 Minuten kurzen Werk einen deutlich effektvolleren und homogeneren Eindruck beschert.

Trotz des unbefriedigenden Finales bietet Der wilde Planet einen psychedelischen Trip in eine faszinierende Filmwelt. Seit kurzer Zeit ist Laloux‘ Werk in einer wunderschönen Edition erstmals in Deutschland erhältlich.

Handlung:

Auf dem Planeten Ygam herrschen die gigantischen Draag. Das Volk verfügt über hochentwickelte Technologien und frönt einer für sie essentiellen Spiritualität. Als versehentlich einige Menschen von einem Erkundungsflug nach Ygam gebracht werden, taufen die Draag sie Oms und halten die für sie winzigen Menschen als Haustiere. Doch nach vielen Generationen in Sklaverei, flieht ein Om-Junge in die Wildnis, lernt dort wilde Oms kennen und zettelt eine Revolution an …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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