Obwohl sich Die Reifeprüfung ganz dem Zeitgeist seiner Ära verschrieb, hält sich der Film bis heute zeitlos. Regisseur Mike Nichols schüttelte den Mief der Fünfziger ab, machte Dustin Hoffman zum Star und befeuerte das aufkommende New Hollywood-Kino.

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Filmkritik:

Die Reifeprüfung porträtiert eine schwierige Phase im Leben des 21-jährigen Benjamin Braddock, der seinen College-Abschluss geschafft hat, aber in Bezug auf seine Zukunft vollkommen ratlos ist. Seinen Sommer verbringt er mit betäubter Faulenzerei, bis ihn Mrs. Robinson, eine Freundin seiner Eltern, aus seiner Lethargie reißt. Sie zieht den schüchternen Benjamin in eine Affäre, die an Brisanz gewinnt, als Benjamin sich in die Tochter seiner Gespielin verguckt.

Auf dem Papier handelt es sich bei Die Reifeprüfung um eine romantische Komödie, dessen Held sich selbst finden muss, um seine große Liebe zu erobern; eigentlich rechnet der Film jedoch mit den Idealen der Fünfziger Jahre ab. Mike Nichols wirft einen Blick hinter die Fassade der amerikanischen Vorstadt und findet dort ein in Konventionen, Leere und Langeweile erstarrtes Bürgertum vor. Schon in seinem Debütfilm Wer hat Angst vor Virginia Woolf? behandelte der Regisseur dieses Thema.

Kein Wunder also, dass Benjamin kein Zukunftsmodell für sich findet – jede Option führt ihn unweigerlich in das seelenlose Retortenleben seiner Eltern. Diese haben inzwischen jeden Bezug zu ihrem Sohn verloren. Bezeichnend: Benjamins Eltern veranstalten eine Geburtstagsparty für ihren Spross, laden aber nur ihre eigenen Freunde ein. Der Film verdeutlicht, dass die Eltern-Generation ihre Kinder nur noch als eigenes Statussymbol wahrnimmt – ein Sohn auf der Universität gehört schlichtweg zum Lifestyle.

Der Archetyp des orientierungslosen Jugendlichen erfährt in Die Reifeprüfung eine Aktualisierung. Kämpften die Rebellen der Fünfziger Jahre – wie etwa James Dean in … denn sie wissen nicht, was sie tun – noch um Selbstbestimmung, scheitert die Generation der Sechziger nun an ihrer neugewonnenen Freiheit.

Der gesellschaftskritische Ansatz und das Hinterfragen von Rollenbildern sollten zum Markenzeichen einer neuen Filmströmung werden. Wenige Monate nach Arthur Penns Bonnie & Clyde ging Die Reifeprüfung als zweiter Film der New Hollywood-Ära in die Kinogeschichte ein. Im Gegensatz zu anderen Zeitgeistfilmen wie Fluchtpunkt San Francisco oder Easy Rider hat sich Nichols‘ Werk jedoch eine zeitlose Gültigkeit bewahrt.

Das ist ein Verdienst der unheimlich modernen, deutlich von der Nouvelle Vague beeinflussten Inszenierung, die Nichols einen Oscar für die beste Regie einbrachte. Sie erweist sich als essenzielles Bindemittel für die beiden gegensätzlichen Pole des Films und verknüpft nahtlos den Pessimismus der Gesellschaftskritik mit der Leichtfüßigkeit der Komödie.

Anstatt die Zustände seines Protagonisten über Dialoge auszuformulieren, schildert der Regisseur sie visuell. Ein Beispiel hierfür ist die Szene, in der sich Mrs. Robinson vor Benjamin entblößt: In die Nahaufnahme von Hoffmans Gesicht schneidet Nichols nur für Sekundenbruchteile nackte Körperpartien, die die Konfusion des jungen Mannes auf uns übertragen.

Nichols‘ visueller Einfallsreichtum verwandelt selbst simple Dialogsequenzen in spannende Momente. Wenn Benjamins Eltern ihren im Pool befindlichen Sohn in ein Gespräch verwickeln, nimmt die Kamera Hoffmans tiefe Perspektive ein und stellt die Eltern ins Gegenlicht der Sonne – das legt ihre Gesichter in den Schatten und lässt sie wie Aliens wirken. Auch die Kommunikationsprobleme zwischen Mrs. Robinson und Benjamin bringt Nichols auf den Punkt, wenn er einen scheiternden Dialog durch ständiges Ein- und Ausschalten einer Lampe spiegelt.

Für die Besetzung des Benjamin Braddock sahen die Produzenten ursprünglich Warren Beatty oder Robert Redford vor. Als die absagten, ergatterte Dustin Hoffman die Rolle. Der unerfahrene Darsteller war rund zehn Jahre zu alt für den Part, überzeugte jedoch beim Vorsprechen – weil er so unbeholfen und aufgeregt wirkte. Hoffmans Talent bereichert Die Reifeprüfung ungemein und bescherte ihm den Durchbruch. In den folgenden Jahren konnte er sich mit Rollen in Asphalt-Cowboy und Wer Gewalt sät den Ruf eines Charakterdarstellers aufbauen.

Als „zweiter Hauptdarsteller“ fungiert der weltberühmte Sound von Simon & Garfunkel. Die Lieder des Folk-Duos verleihen Die Reifeprüfung eine unwirkliche Stimmung. Außerdem dämpft die Musik die herbe Gesellschaftskritik ins Melancholische ab; die Wut späterer New Hollywood-Filme ist hier auch deshalb noch nicht zu spüren.

Insbesondere im letzten Drittel rückt Nichols‘ Werk von einer pessimistischen Weltsicht ab. Hier macht es sich Die Reifeprüfung ein bisschen zu einfach, wenn Benjamin seine Probleme hinter sich zurücklässt und die Konsequenzen seiner Sünden weitestgehend unsichtbar bleiben. Die letzten Minuten des Films werden von einer optimistischen Stimmung getragen, die im Hinblick auf die erste Hälfte dissonant wirkt – einmal mehr halten Inszenierung und Musik die Gegensätze zusammen.

Im Finale setzt Die Reifeprüfung dann doch noch einen kritischen Akzent: Die Schlussszene behält die Gesichter von Benjamin und seiner zukünftigen Ehefrau ungewöhnlich lange im Bild, ihr glückliches Lächeln weicht einem nachdenklichen Blick. Dieser Moment der Reflexion hinterfragt das Geschehen ein letztes Mal: Handelt es sich wirklich um ein Happy End, oder führt dieses neue Leben geradewegs in die Leere ihrer Eltern?

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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