Filmkritik:

Kenneth Angers 29 Minuten kurzer Avantgardefilm Scorpio Rising zählt zu den Meilensteinen des Undergroundkinos seiner Zeit, inspirierte zahllose Filmemacher und nahm die MTV-Ästhetik der Musikvideos um Jahrzehnte vorweg.

Scorpio Rising verzichtet auf Dialoge und unterlegt das Geschehen stattdessen durchgängig mit bereits damals altmodischen Songs aus den Fünfziger Jahren. Angers Budget für die Dreharbeiten betrug 8.000 Dollar, doch den gleichen Betrag gab er für die Lizenzierung bekannter Lieder aus, sodass bekannte Interpreten wie Elvis Presley („Devil in Disguise“) oder Ray Charles („Hit the Road Jack“) zu hören sind, auch Bobby Vinton mit „Blue Velvet“ oder Ricky Nelson mit „Fools Rush In“ sind dabei.

Zu dieser Musik schildert Anger eine kleine, eher assoziative als ausformulierte Geschichte. Der unspektakuläre Beginn des Films zeigt einen jungen Mann, der liebevoll an seinem Motorrad schraubt, es poliert und Teile montiert. Es ist die Vorbereitung auf einer Party, die auch ein zweiter Motorradrocker besuchen wird – in der zweiten Sequenz von Scorpio Rising staffiert er sich aus und legt geradezu ritualisiert seine Lederkluft an.

Hier spielt Anger deutlicher mit Symbolik und Inszenierung: Er montiert Leder, Nieten und Totenkopfringe zu nackter Haut, verweist über Poster und einen Fernseher auf die Klassiker des Kinos der Halbstarken, Der Wilde mit Marlon Brando und … denn sie wissen nicht, was sie tun mit James Dean, zeigt den Konsum von Koks und Comics.

Die Party der Motorradrocker nimmt die zweite Filmhälfte ein und rief mit seiner subversiven Darstellung diverser Exzesse die Behören auf den Plan. Die Polizei beschlagnahmte die Filmrollen, Scorpio Rising geriet zum Gegenstand von Gerichtsverhandlungen. Das verwundet wenig: Aufgrund von Masken und Verkleidungen mutet die Party der jungen Männer zunächst wie ein Halloween- oder Mardi Gras-Fest an, entwickelt sich jedoch zur alkoholgeschwängerten homosexuellen Orgie: Penisse blitzen auf, ein nackter Mann wird mit warmer Erdnussbutter eingeschmiert, in die fröhlichen Lieder mischt sich verstörend das panische Quieken von Schweinen.

Angers Verbindung von Nazi-Insignien und Sex kam der späteren Welle von Naziploitation-Filmen und kontroversen Klassikern wie Der Nachtportier zuvor, der Regisseur besitzt zudem die Chuzpe für eine weitaus offensivere Frevelei und schnitt Bilder aus Bibelfilmen in das unzüchtige Geschehen, um eine Verbindung zwischen Jesus, dessen Jüngern und dem Treiben der Party anzudeuten.

Abseits des provokativen Inhalts besitzt Scorpio Rising einen immensen gestalterischen Einfluss auf die amerikanische Kinogeschichte, der heute wohl nur noch verstanden, aber beim Ansehen selbst nicht mehr verspürt werden kann. Nie zuvor setzte ein Filmemacher Musikstücke derart kommentierend, ironisch und widersprüchlich ein. Kenneth Anger inspirierte damit nachweislich Martin Scorseses Inszenierung von Hexenkessel und Dennis Hoppers Easy Rider. Mittelbar erstreckt sich der Einfluss auch auf die Filme von David Lynch und den hippen Einsatz von Popklassikern in den Werken von Quentin Tarantino.

Aufgrund der Konditionierung durch moderne Filme und Musikvideos mag Scorpio Rising auf uns heute nicht mehr so drastisch wirken wie auf die Zuschauer in den New Yorker Undergroundkinos der Sechziger Jahre, als Monument der Sub- und Gegenkultur hat Kenneth Angers Film jedoch nichts von seiner Relevanz verloren.

Handlung:

Zwei junge Männer bereiten sich auf eine ausschweifende Party von Motorradrockern vor und besuchen diese anschließend. Es wird ein rauschendes Fest voller Verkleidungen, Rauschmittel und pro­mis­ku­i­tiven Sex.

0

E

E

C

Bei Amazon anschauen

Auch aus diesem Genre:

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.