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Die Schwindler

Ein Film von 
Genre: Drama | Strömung: Italienischer Neorealismus | Erscheinungsjahr: 1955 | Jahrzehnt: 1950 - 1959 | Produktionsland: Italien
Die Schwindler nimmt zwischen den renommierten Klassikern von Federico Fellini nur eine untergeordnete Rolle ein, es handelt sich jedoch um einen interessanten Übergangsfilm: Der Regisseur schloss sein Frühwerk ab und beschäftigte sich ein letztes Mal mit dem ausklingenden Neorealismus.
Genre: Drama
Erscheinungsjahr: 1955
Jahrzehnt: 1950 - 1959
Produktionsland: Italien
Die Schwindler nimmt zwischen den renommierten Klassikern von Federico Fellini nur eine untergeordnete Rolle ein, es handelt sich jedoch um einen interessanten Übergangsfilm: Der Regisseur schloss sein Frühwerk ab und beschäftigte sich ein letztes Mal mit dem ausklingenden Neorealismus.

Filmkritik

Die Bezeichnung Schwindler verharmlost das Treiben der Protagonisten in Fellinis fünftem Film – die drei Männer erweisen sich als berufsmäßige Betrüger. Sie geben sich mit Vorliebe als Vertreter von Staat oder Kirche aus, um den Ärmeren der Gesellschaft noch die letzte Lira aus der Tasche zu ziehen.

Fellini nutzt das Sujet nicht für einen Kriminalfilm, sondern interessiert sich für das Spannungsfeld aus Moral, Verbrechen und Gesellschaft, in dem die Figuren leben. Die Schwindler markiert einen interessanten Entwicklungsschritt für den Regisseur, der seinem üblichen Stil entsagte und auch keinen typischen Vertreter des Neorealismus drehte.

Die Strömung befand sich 1955 bereits am Ausklingen, doch für Fellini bedeutete die allmähliche Neuausrichtung des italienischen Kinos kein Ungemach. Er hatte an manchem Drehbuch mitgearbeitet (u. a. beim Meilenstein Rom, offene Stadt) und den untypischen Vertreter Die Müßiggänger beigesteuert, zu den glühenden Verfechtern des Neorealismus zählte der Regisseur jedoch nie. Fellini tendierte eher zu poetischen Überhöhungen und feierte mit La Strada bereits einen Erfolg abseits der Strömung.

Mit Die Schwindler kehrte Fellini ein letztes Mal zum Neorealismus zurück und entsagte dafür seinen Vorlieben: Das Drama ist spröde und unfreundlich gehalten, es versagt sich jeder Sentimentalität und zeigt das Milieu der einfachen Leute aus der empathielosen Sicht der Betrüger. Weil sich Fellini mehr für die Täter als die Opfer interessiert, tendiert der Film eher zu Dostojewski als zum Neorealismus – die Lebenskrise der Hauptfigur gibt Anlass für eine Bestandsaufnahme ihres unmoralischen Handelns.

Augusto Rocca, der Anführer der Betrüger, wird sich nach Jahrzehnten der Gaunerei seiner dürftigen Lebensbilanz bewusst. Um vom Verbrechen leben zu können, musste er für das Verbrechen leben. Zwar erreichte er ein solides Auskommen, doch reich wurde er nicht. Dafür opferte er den Kontakt zur Ehefrau und Tochter, auch Freunde kann er sich in seinem Metier nicht leisten. Was bleibt also am Ende?

Allein durch Andeutungen und Details illustriert der Film, dass Rocca sein Leben verschenkt hat. Er hat sich selbst von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen, gehört nirgendwo hin, hat nie etwas von Wert geschaffen und wird nichts hinterlassen. Die kriminelle Karriere hat ein Leben ermöglicht, das keines ist – Rocca hat sich für ein Schattendasein entschieden, das ihn für die Polizei und die Opfer ungreifbar macht, aber auch für alles Schöne im Leben.

Für diesen Schattenmann suchte Fellini einen Schauspieler aus dem obersten Regal. Nachdem er bei La Strada eine positive Erfahrung mit Anthony Quinn gemacht hatte, wünschte sich der Regisseur erneut einen Hollywoodstar. Weil Humphrey Bogart bereits schwer krank war, engagierte der Regisseur Broderick Crawford, der sich als perfekte Wahl entpuppte.

Der lange auf B-Movies abonnierte Crawford hatte 1950 den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen, obwohl er so gar nicht den Idealen der Traumfabrik entsprach. Er war kein Schönling, sondern ein Charaktergesicht, weshalb er meist bärbeißige Helden und unbarmherzige Schurken spielte und dabei hinter seiner harten Schale undurchsichtig blieb. Gut und Böse verschwimmen bei Crawfords Figuren, was ihn für die Rolle des an sich zweifelnden Verbrechers prädestinierte.

Die Schwindler erliegt nie der Versuchung, das Treiben der Protagonisten positiv zu konnotieren. Zwar erleben wir die Beutezüge als Komplize und können die cleveren Tricks und das abgebrühte Vorgehen der Betrüger ein Stück weit bewundern, Fellini inszeniert das Geschehen aber niemals spannend oder gar cool.

Stattdessen erleben wir, dass selbst die erfolgreichen Coups nirgendwo hinführen: Die Betrüger wissen nach einer geglückten Aktion nichts mit sich anzufangen, sie ziehen ziellos durch die Bars und fahren nachts ins Nirgendwo. Wie später in Fellinis Meisterwerk Das süße Leben trinken die Protagonisten zusammen und bleiben dabei doch allein.

Der Regisseur versteht es ausgezeichnet, das Leben der Figuren vor uns auszubreiten, ohne einem Plot folgen und klassisch erzählen zu müssen. Er lässt die Bilder, Stimmungen und Details für sich sprechen. So erforscht er nicht nur die Hauptfiguren, nebenbei skizziert Fellini auch den allgemeinen Zustand Italiens.

Er zeigt eine Bevölkerung, die wenig aus sich machen kann und ihr Glück trotzdem noch gutgläubig an die Autoritäten hängt. Es ist kein Zufall, dass die Betrüger ausgerechnet als Vertreter von Kirche und Staat agieren – sie nutzen die von der Kirche über Jahrhunderte eingeimpfte Obrigkeitshörigkeit der Menschen aus; selbst der Faschismus scheint die Italiener nicht eines Besseren belehrt zu haben.

Umgekehrt bedarf es keiner großen Mühe, eine geistige Nähe zwischen den Betrügern und den Autoritäten herzustellen – beide eint dieselbe Mentalität, sie blicken despektierlich auf die Unterschicht herab. Der Film zeigt nebenbei, wie der Staat den Bau der benötigten Sozialwohnungen jahrelang hinausschiebt und der Klerus selbst bei den Armen Spenden abgreift.

Folgerichtig war die Kirche vom Film wenig begeistert, auch die Kritik watschte Die Schwindler ab; er fand wenig Resonanz bei den Filmfestspielen von Venedig und wurde nur eingeschränkt vertrieben. Doch bei retrospektiver Betrachtung handelt es sich um den interessantesten Film aus dem Frühwerk Fellinis – einen derart präzisen, scharfen Stil nutzte der Regisseur nie wieder, seine fünfte Arbeit fügt dem späten Neorealismus einen sehenswerten Vertreter hinzu.

★★★★☆☆

Italienischer Neorealismus

Noch während des Zweiten Weltkrieges schwang sich der Italienische Neorealismus zu einer bedeutenden Filmströmung auf, die sich nach dem Ende des Krieges voll entfaltete. Die Werke dieser Ära schildern die kläglichen Lebensumstände der unteren Bevölkerungsschichten und nutzen dabei eine semidokumentarische Inszenierung, die den Filmen zugunsten der Wahrhaftigkeit alles Künstliche austreiben sollte.

Filmszene aus Bitterer Reis

Drama

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.
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