Es ist schwer, ein Gott zu sein

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Filmkritik:

Mit seinem letzten Werk Es ist schwer, ein Gott zu sein schuf der russische Regisseur Aleksey German eine einzigartige Seherfahrung, die uns unheimlich viel zumutet, sich aufgrund der kompromisslosen Inszenierung auch als lohnend erweist.

Den Stoff des Films woben die renommierten russischen Science-Fiction-Autoren Arkadi und Boris Strugazki, die schon zu Andrei Tarkowskis Meisterwerk Stalker die Vorlage schrieben und erneut ein komplexes Szenario entwickelten: Während die Menschheit bereits in der Lage ist, mit Raumschiffen fremde Planeten zu erforschen, beobachten unsere Wissenschaftler einen erdähnlichen Trabanten, dessen Bewohner noch in mittelalterlichen Zuständen leben. 30 Wissenschaftler infiltrieren diese Welt als stille Beobachter, um das spannende Einsetzen einer Renaissance zu dokumentieren, wie sie unsere Erde aus dem Mittelalter in die Neuzeit geführt hat.

Bereits 1990 adaptierte der deutsche Regisseur Peter Fleischmann den Roman unter dem Titel Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein und erzählt von den Problemen der Wissenschaftler, die an den feudalen Gegebenheiten und der ausbleibenden Renaissance verzweifeln. Während einige versuchen, die prekären Verhältnisse mittels ihres gottgleichen Wissens zu verbessern, erheben sich andere zu zornigen Despoten. Doch wo Fleischmanns Werk die moralischen Fragestellungen und Science-Fiction-Elemente zumindest anschnitt und den Plot der Vorlage konventionell verfilmte, geht Es ist schwer, ein Gott zu sein einen gänzlich gegenteiligen Weg.

Die Ausformulierung des Szenarios beschränkt sich auf einige wenige Sätze per Voice-Over, davon abgesehen finden weder Narration noch Figurenentwicklung statt; eine Handlung ist im Grunde nicht vorhanden. Angesichts der reichhaltigen Implikationen und Fragestellungen des Romans ist dieser Verzicht bedauerlich und fordert vom Rezipienten zudem einen enormen Tribut – auch nach der immerhin drei-stündigen Spielzeit dürfte ohne Vorwissen selbst ein grundlegendes Verständnis des Gesehenen schwerfallen, was handlungsorientierte Zuschauer vor den Kopf stößt.

Doch was bieten diese drei Stunden für eine intensive Zeit! German wirft uns kopfüber in dieses Mittelalter und wir landen in Schlamm, Exkrementen und Blut. Die Zustandsbeschreibung der finsteren Zustände begutachten wir durch die Augen einer Kamera der Wissenschaftler und werden Zeuge von viehischen Wilden, willkürlicher Brutalität und einem Leben in allgegenwärtigem Unrat. Das Setdesign des Films strotzt nur so vor Details, die das Bild auf zig Ebenen prägen. Durch die Fülle an Kulissen, Requisiten und Statisten wirkt Es ist schwer, ein Gott zu sein wie eine diabolische, schwarz-weiße Bewegtbildversion eines Gemäldes von Bruegel dem Älteren.

Doch erst die meisterhafte Kameraarbeit macht Germans Werk zu einem hochgradig immersiven Erlebnis. Konzentriert und doch leichtfüßig schwebt sie in ellenlangen Plansequenzen durch das Geschehen, drängt sich durch Scharen entstellter Gesichter und stößt uns immer wieder mit der Nase voran in totes Getier oder noch dampfende humane Hinterlassenschaften. Weil uns der Film keine ordnenden Totalen gönnt, kommen wir nie zu Ruhe, sondern treiben stetig durch einen enorm physischen Mahl­strom.

Der immense Produktionsaufwand tritt in jeder einzelnen Einstellung deutlich zutage. Mehrere Jahrzehnte lang bereitete German sein Werk vor, bevor die Dreharbeiten im Jahr 2000 begannen und nach unzähligen Unterbrechungen 2006 abgeschlossen wurden. Es folgte eine aufwendige Postproduktion, deren Ende Aleksey German nicht mehr erlebte. Es ist schwer, ein Gott zu sein bleibt ein eindrucksvolles Vermächtnis, das seine Frau und sein Sohn beendeten.

Man muss schon lange suchen, um in der Kinogeschichte ein ähnliches Werk zu finden und landet dann bei Versatzstücken – Ästhetik und Stimmung lassen sich mit Bela Tarrs Das Turiner Pferd und den weniger zugänglichen Werken Tarkowkis vergleichen, die entrückte Fabelartigkeit findet sich auch im tschechischen Klassiker Marketa Lazarova sowie Andrei Zulawskis Filmen Der silberne Planet und Diabel. Die Vorliebe für Organisches war derart wohl nur in experimentellen Werken wie Vase de noces oder David Lynchs Eraserhead zu sehen.

Es ist schwer, ein Gott zu sein zählt zu den seltenen Grenzerfahrungen des Kinos. Germans Werk verlangt seinem Publikum alles ab und lässt die spannende Romanvorlage beinahe komplett außen vor. Trotz dieser unbefriedigenden Tendenz eröffnet das düstere Epos Fans extremer Filmkunst ungeahnte Erlebnisräume und beeindruckt durch die kolossale Bildgestaltung.

Handlung:

Eine Gruppe Historiker wurde auf einen fremden Planeten entsandt, der in seiner Entwicklung 800 Jahre hinter der Erde zurückliegt. In der Hoffnung, in dieser mittelalterlichen Zivilisation die Geburt einer Renaissance hautnah miterleben zu können, mischen sich die Forscher unbemerkt als adlige Nachkommen lokaler Gottheiten unters Volk, um die dortigen Ereignisse aufzuzeichnen und zur Erde zu übertragen. Ihre oberste Direktive dabei lautet: Bleibe unerkannt und neutral, greife niemals in das Geschehen ein und töte unter keinen Umständen einen Planetenbewohner.

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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