Letztes Jahr in Marienbad verkörpert die Magie des Kinos wie kaum ein anderer Film – das Meisterwerk von Alain Resnais entsagt gewöhnlichen Maßstäben und erreicht durch eine nahtlose Symbiose von Inhalt und Form eine zeitlose Perfektion, die sich als unantastbar für Alterserscheinungen oder Geschmack erweist.

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Filmkritik:

Resnais‘ Film fußt auf einer simplen Prämisse: In einem noblen Kurhotel trifft ein namenloser Mann auf eine namenlose Frau und versucht, sie davon zu überzeugen, die Affäre des letzten Jahres fortzuführen. Doch die Frau kann oder will sich nicht daran erinnern. Der Mann beschwört die Anziehung der Vergangenheit und das Versprechen, in diesem Jahr gemeinsam fortzugehen.

Nach seinem Debütfilm Hiroshima mon amour greift Alain Resnais erneut auf den Stil des Nouveau roman zurück und verpflichtete den größten Namen der literarischen Strömung als Drehbuchautor. Das Script von Alain Robbe-Grillet setzt die Geschichte der beiden Protagonisten als kaleidoskopisches Erlebnis in Szene: Tatsächliche Begebenheiten, Träume, Gedanken und Erinnerungen verschwimmen zu suggestiven Szenenfolgen, deren Realität fortwährend hinterfragt werden muss.

Auch die Zeitebene verweigert sich ihrer Funktion als zur Orientierung anleitende Konstante: Szenen in der Gegenwart lassen sich kaum von Rückblenden unterscheiden; Dialoge kreisen um vergangene Ereignisse, die jedoch erst später im Film eintreten; der geniale Schnitt von Jasmine Chasney und Henri Colpi hebt alle Grenzen zwischen Raum und Zeit auf. Die konsequente Inszenierung sorgt dafür, dass sich Letztes Jahr in Marienbad nicht in seine Einzelteile auflöst, der Film erweist sich trotz der dekonstruierten Elemente als geschlossenes Werk.

Die labyrinthische Erzählweise findet ihre Entsprechung in den barocken Bilderfluten des Kurhotels. Die Kamera schwelgt in den Verzierungen und Ornamenten der Salons, schwebt durch die Zimmerfluchten und endlose Flure, die immer neue Räume gebären und das Innere des Anwesens ins Unendliche potenzieren. So wie ein Wort seinen Sinn verliert, wenn es oft genug wiederholt wird, lassen die überbordenden Bilder den Ort der Handlung immer unwirklicher erscheinen.

„Birgt dieses Hotel viele Geheimnisse?“, fragt die Frau. „Unendlich viele.“, antwortet der Mann. Was ist das für ein Ort, an dem Bäume keine Schatten werfen und die Hotelgäste regelmäßig wie ferngelenkte Puppen wirken? Die seltsam apathischen Kurgäste mit ihren trivialen Konversationen und ihrem erstarrten Lächeln, hinter dem sich keine echten Emotionen verbergen, scheinen beinahe zum Inventar des Hotels zu gehören, Teil einer phantasmagorischen Kulisse zu sein.

Doch wenn es sich nicht um eine weltliche Sphäre handelt, wo befinden wir uns dann? Letztes Jahr in Marienbad bietet zahllose Interpretationen an. In seinem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft zeichnet Jean-Paul Sartre die Hölle nicht als feurige Unterwelt, sondern als Raum voller Menschen, die einander allein durch ihre unzulängliche Anwesenheit quälen. Resnais‘ Werk spiegelt diesen Ansatz ebenso wider wie den Mythos von Orpheus, der in die Hölle hinabsteigt, um seine Eurydike zurückzuholen.

Etwas bodenständiger gedacht, lässt sich Letztes Jahr in Marienbad auch im buñuelschen Sinne interpretieren: Als Bild einer leblosen Bourgeoisie, deren totem Materialismus die junge Frau zum Opfer zu fallen droht, wenn die Liebe des Mannes sie nicht davor bewahrt. Da bei diesen Ansätzen weder der (diabolische?) Ehemann der Frau, noch die freudianischen Motive oder die im Raum stehende Vergewaltigung berücksichtigt wurden, ist klar: Resnais‘ Werk besitzt ebensoviele Deutungsmöglichkeiten, wie das Kurhotel Zimmer hat.

Der Bilderrausch, die zu vordergründige Orgelmusik und die dauerpräsente Erzählerstimme fordern Geduld ein, ein prätentiöser Eindruck kommt jedoch trotz der forcierten Repetivität nie auf. Die Stilmittel unterstützen viel mehr die unterbewusste Wahrnehmung des Films. Letztes Jahr in Marienbad gleicht einer Projektionsfläche, die sich auf geniale Weise der Imagination des Rezipienten zur Verfügung stellt.

Damit verläuft kein Besuch des mysteriösen Kurhotels wie der vorherige. Die Topografie der Gartenanlagen und Flure scheint sich jedes Mal zu verändern, das Handeln der Figuren anders nuanciert zu sein. Immer wieder ist es an uns, in diesem Labyrinth aus Zeit und Raum einen neuen Ausweg zu finden.

Selten war der Begriff Gesamtkunstwerk passender als bei diesem Film. Die postmoderne Erzählweise und die visuelle Brillanz bilden eine untrennbare Einheit und heben Resnais‘ Werk in den Olymp der Kinogeschichte. Letztes Jahr in Marienbad wohnt eine Magie inne, die nicht von dieser Welt sein kann.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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