An den Kinokassen entwickelte sich Solaris zum veritablen Flop. Kein Wunder – einerseits erscheint der berühmte Science-Fiction-Roman von Stanislav Lem wenig kompatibel zum Unterhaltungskino Hollywoods, andererseits musste sich Steven Soderberghs Adaption an der brillanten Verfilmung von Andrei Tarkowski messen lassen. Seinem schlechten Ruf zum Trotz entwickelt Soderberghs Version jedoch einen ganz eigenen Reiz und ist einen Blick wert.

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Filmkritik:

Solaris bewegt sich dichter an Tarkowskis Adaption als am Roman. Beide Filme interessieren sich weniger für das Science-Fiction-Setting und rücken stattdessen die zwischenmenschlichen Konflikte in den Mittelpunkt. Auch hier begibt sich der Psychologe Chris Kelvin auf eine Mission zu einer Raumstation im Orbit des Planeten Solaris, dessen Aura seltsame Dinge in Gang setzt. Kelvin soll herausfinden, warum die Arbeit der Wissenschaftler stagniert, gerät jedoch selbst in den Bann des Planeten und trifft eines Morgens auf seine Ehefrau. Doch Rheya ist seit Jahren tot – der Planet hat eine Kopie erzeugt. Kelvin muss sich seinen lange verdrängten inneren Dämonen stellen.

Da Solaris denselben Weg wie Tarkowskis Opus Magnum einschlägt, muss sich Soderbergh den Vergleich zum „Original“ gefallen lassen. Dabei kann die Neuverfilmung nur verlieren: Das russische Werk nimmt sich ganze drei Stunden Zeit, um in langen Dialogkaskaden über das Wesen der Menschheit nachzudenken und philosophische Überlegungen anzustellen; Soderberghs 99-minütige Version wirkt dagegen wie eine Light-Fassung und bietet Melodram statt Tiefgang.

Das Spannende am Schaffen von Steven Soderbergh ist dessen Ambiguität. Der US-Amerikaner lässt sich nicht festlegen und wechselt seit jeher zwischen kleinen Filmen wie Sex, Lügen und Video und Hochglanzunterhaltung wie der Ocean’s-Reihe hin und her. Spätestens seit seiner Groteske Der Informant! wissen wir, dass sich der Regisseur dabei durchaus traut, sein Publikum zu brüskieren.

So auch bei Solaris, den Soderbergh als Arthousefilm im Hollywood-Deckmantel inszeniert. Ein Jahr nach dem Erfolg von Ocean’s Eleven dürften viele Zuschauer erneut bestes Unterhaltungskino erwartet haben, zumal George Clooney erneut als Hauptdarsteller fungierte. Doch Soderbergh verweigert sich den Konventionen des Mainstreams. Solaris bedient weder dramaturgisch noch narrativ gängige Muster, verzichtet vollständig auf Action und betreibt keine ausgedehnte Effekthascherei mit Special Effects.

Vom Vergleich mit Tarkowskis Klassiker können wir uns ebenso freimachen. Beide Filme tendieren in dieselbe inhaltliche Richtung, doch Soderberghs Version verkehrt das Konzept des russischen Werkes ins Gegenteil. Wo Tarkowski seine Themen mit tiefgehenden Dialogen seziert, beschränkt Soderbergh das Geschehen auf maximale Oberflächlichkeit und erzielt damit einen erstaunlichen Effekt.

Die erste halbe Stunde entspricht noch erzählerischen Standards, sie liefert eine brave Exposition mit solidem Spannungsaufbau. Doch je weiter die Spielzeit von Solaris voranschreitet, desto fundamentaler geraten die Konflikte. Auch Soderbergh lässt seine Figuren über Irdisches und Außerirdisches, Leben und Tod sowie das Wesen von Realität reflektieren. Allerdings zerreden die Protagonisten diese Themen nicht – sie ergeben sich ihnen.

Die zweite Hälfte von Solaris beschrieben zahllose Kritiker schlichtweg als „langweilig“. Dem stimme ich nicht zu. Die Protagonisten stehen vor unlösbaren Problemen und werden von diesem permanenten Ausnahmezustand schlichtweg überwältigt. Statt wie im konventionellen Hollywoodfilm eine Lösung zu finden, ziehen sie sich in sich selbst zurück.

Je stärker der Planet Solaris die vermeintlichen Gewissheiten der Protagonisten erschüttert, desto hilfloser werden sie. Die Struktur des Films spiegelt das wider und zerfranst zunehmend. Soderbergh versetzt uns damit ungemein elegant in Lage der Figuren – ohne auflockernde Actioneinlagen bleibt uns nichts anderes übrig, als uns ebenfalls mit der Situation zu arrangieren.

Da sich die visuelle Ebene auf Oberflächen konzentriert, erweist sich George Clooney als perfekte Wahl für die Hauptrolle. Clooney, der mindestens so sehr Werbefigur wie Schauspieler ist, bleibt vergleichsweise blass, bedient damit aber die Methodik des Films. Für den Ausgleich sorgen starke Charakterdarsteller: In den Nebenrollen mit Terence Davies, Ulrich Tukur und Viola Davis, in der zweiten Hauptrolle mit der fantastischen Natascha McElhone (Ronin).

Solaris überzeugt als verwunschenes Kammerspiel im Weltraum, als Melodram und als Science-Fiction-Film. Soderbergh drehte einen der ungewöhnlichsten Hollywoodfilme seiner Zeit und erreicht dabei nie das Niveau von Tarkowskis Meisterwerk, findet jedoch spätestens im bemerkenswerten Finale eine ganz eigene Magie.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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