Mit A History Of Violence schlug David Cronenberg eine neue Richtung in seinem Schaffen ein. Nachdem der kanadische Regisseur 25 Jahre lang abseitige Horrorfilme gedreht hatte, veröffentlichte er mit dem Hollywood-Thriller sein bis dato konventionellstes Werk. Cronenbergs typische Motive finden trotzdem ihren Platz, da er sich dem Stoff auf eigene Weise nähert.

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Filmkritik:

Zu Beginn entwirft der Film das idyllische Bild der amerikanischen Kleinstadt Millbrook, wo Tom und Edie Stall mit ihren beiden Kindern einen beschaulichen Alltag verleben. Damit ist es schlagartig vorbei, als Tom durch eine Heldentat das Interesse der irischen Mafia aus dem fernen Philadelphia auf sich zieht.

Der Gangster Foggarty erscheint in Millbrook und meint, in Tom Stall einen untergetauchten Schwerverbrecher zu erkennen. Je vehementer Stall widerspricht, desto mehr zweifelt auch Edie an der Vergangenheit ihres Mannes.

Die Handlung entstammt einer gleichnamigen Graphic Novel und bedient ein typisches Sujet Cronenbergs. Von seinem Debütfilm Shivers über das Meisterwerk Videodrome bis zu seiner bekanntesten Arbeit Die Fliege beobachtet der Regisseur den Einbruch des Irrationalen in den Alltag. In Cronenbergs Filmen löst sich die vermeintliche Realität Stück für Stück auf und eröffnet den Raum für unterdrückte Sehnsüchte und verborgene Sünden.

A History Of Violence weist äußerlich keine Gemeinsamkeiten zu Cronenbergs früheren Arbeiten auf. Von der gerne unter Body Horror verschlagworteten Abseitigkeit bleiben lediglich einige blutige Gewaltszenen übrig. Inhaltlich fügt sich der Film jedoch nahtlos in das Gesamtwerk des Kanadiers ein.

Auch hier zerfällt plötzlich die Realität – nicht wörtlich im Sinne früherer Horrorfilme, aber in den Köpfen der Figuren. Edie Stall wacht nicht mehr neben ihrem geliebten Ehemann auf, sondern neben einem Fremden, der noch dazu ein potenzieller Mörder sein könnte. Der zentrale Konflikt des Films besteht daher auch nicht in der äußeren Bedrohung durch die Gangster, sondern im Vertrauensverlust innerhalb der Familie.

Wir Zuschauer können diese Spannungen problemlos nachvollziehen. A History Of Violence lässt auch uns lange im Unklaren darüber, ob Tom Stall ein blutrünstiger Ex-Gangster ist. Die psychologische Ausgestaltung dieses Dilemmas unterscheidet den Film vom Genre-Einerlei Hollywoods: Cronenberg markiert den Wandel innerhalb des familiären Binnenklimas durch zwei Sexszenen, wie es sie im modernen US-Kino nicht mehr gibt.

Vor Stalls Heldentat überrascht Edie ihren Mann in einem Cheerleader-Kostüm, um die längst verlorene Unschuld der Jugend wieder aufleben zu lassen. Später droht die heile Welt durch die hereinbrechende Gewalt zu zerfallen, was zu einer bemerkenswerten Eruption der Zweifel und Ängste führt: Wie die Tiere fallen die beiden Eheleute über einander her – ruppig und rücksichtslos auf den Stufen einer Treppe.

Leider lässt die 95-minütige Laufzeit keine tiefer gehende Figurenzeichnung zu. Als Genrefilm veranschlagt A History Of Violence einen Großteil der Kapazitäten für die Auseinandersetzungen zwischen Tom Stall und den Gangstern. Dabei geht dem Film allerdings der Einfallsreichtum ab.

Der vernarbte Foggarty (Ed Harris) baut anfangs eine bedrohliche Aura auf, wandelt im Verlauf jedoch zunehmend an der Grenze zur Karikatur. Foggartys verbale Angriffe auf die Stalls sind unkonkret und ziellos, seine Drohungen löst er nicht ein. Auch das gewalttätige Finale enttäuscht und verläuft zu schematisch. Cronenbergs Inszenierung der Action wirkt distanziert und generiert keine Spannung.

Seinen Drive erzeugt der Film dank der namhaften Besetzung. Cronenberg setzt ganz auf die Ausstrahlung von Viggo Mortensen, Ed Harris und William Hurt. Das emotionale Zentrum von A History Of Violence verortet er bei Edie Stall, die von Maria Bello hervorragend verkörpert wird. Bellos Schmerz-Wut-Gemisch und ihre unsichere Körpersprache tragen mehr Dynamik in den Film als die harte Action.

Der Spagat zwischen figurengetriebenem Drama und actionbetontem Genrefilm führt zu einem Ungleichgewicht, das nicht ganz befriedigt zurücklässt. Zwei Jahre später verbesserte David Cronenberg die Rezeptur: In seinem ähnlich gelagerten Thriller Tödliche Versprechen greifen die Elemente besser ineinander.

A History Of Violence versöhnt durch eine ausgezeichnete Schlussszene – ein wortloses Abendessen der Familie Stall. Die in den Raum gestellte Frage, ob die gewaltinduzierte Transformation eine Rückkehr in das alte Leben zulässt, beschäftigt über den Abspann hinaus.

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DER REGISSEUR

Der kanadische Regisseur David Cronenberg zählt zu den Größen des Genrefilms, fing aber klein an. Schon seine frühen, mit wenig Budget produzierten Horrorfilme beeindrucken durch ihre Hintersinnigkeit. Cronenbergs Faible für psychologische Abgründe und körperliche Transformationen prägte den Begriff Body Horror. Seine Filme sind selten perfekt, aber immer herausfordernd.

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DAS GENRE

Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auf formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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