Der Scharfschütze zählt zu den unkonventionellsten Western seiner Zeit. Die Arbeit von Regisseur Henry King nimmt die Motive des Spätwestern um einige Jahre vorweg und besticht durch ihre fatalistische Stimmung.

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Filmkritik:

In den Dreißiger und Vierziger Jahren bot das Westerngenre die Grundlage für Geschichten über große Abenteuer und edle Helden. Der Scharfschütze entwickelte im Jahr 1950 gegensätzliche Facetten: Lange vor Vertretern wie The Wild Bunch oder Pat Garrett jagt Billy The Kid formuliert der Film einen pessimistischen Abgesang auf die Revolverhelden des Wilden Westens.

Der Film von Henry King schildert einen entscheidenden Tag im Leben des berühmten Outlaws Johnny Ringo, der nach Jahren voller Verbrechen und Duelle geläutert ist. Er reist in eine Kleinstadt, um seine dort inkognito lebende Frau zu einem gemeinsamen Neuanfang zu überreden. Einen Großteil der 80 Minuten kurzen Spielzeit verbringt Ringo im örtlichen Saloon, während er auf die Antwort seiner Frau wartet. Aus dieser simplen Prämisse und trotz der räumlichen wie zeitlichen Reduktion formt Der Scharfschütze eine durchgängig spannende Erfahrung und fährt zig Konfliktherde auf.

Nicht nur bleibt bis zum Schluss offen, ob Ringos Ehefrau ihren reuigen Ehemann zurücknimmt, die Versöhnung steht auch unter großem Zeitdruck, da drei Brüder Jagd auf den Revolvermann machen und zeitnah eintreffen. Gegenüber des Saloons postiert sich indes ein rachsüchtiger Heckenschütze, während ein Jungspund in Ringos Anwesenheit die Chance sieht, mittels eines provozierten Duells selbst zum berühmten Desperado aufsteigen zu können.

Die ständig aufrecht erhaltene Bedrohungslage sorgt für ein hohes Suspenselevel, darüber hinaus besticht Der Scharfschütze mit einem Fatalismus, der Assoziationen zum damals populären Film Noir weckt. Über dem Geschehen liegt der Schleier des Vergeblichen – es drohen zu viele Gefahren und Ringo wirkt zu abgeschlagen, als das die Geschichte gut ausgehen könnte.

Der von Gregory Peck bravourös gespielte Protagonist gewinnt schnell unsere Sympathie, da es der Film versteht, sich ihm ohne Verklärung zu nähern. Wir haben es hier nicht mit einem Antihelden zu tun, da Ringo mit seinem Leben als Gesetzloser abgeschlossen hat und im Jetzt des Films durchgängig moralisch handelt. Der Scharfschütze dekonstruiert allerdings den archetypischen Mythos des Wildwest-Revolverhelden, den andere Werke mit stilisierter Coolness glorifizieren.

Der Film von Henry King bringt auf den Punkt, was die Westernelegie Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford viele Jahrzehnte später in epischer Breite formuliert – beide Werke porträtieren einen ehemaligen Desperado, der mit Mitte Dreißig bereits am Ende seines Lebens steht. Vorzeitig gealtert und verbraucht, suchen die Protagonisten lediglich nach Frieden, besitzen jedoch keinen Zugang mehr zur Normalität.

Für Ringo erscheint es unmöglich, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – wohin er auch geht, überall fordern junge Männer den alternden Helden zum Duell auf und zwingen ihn zu töten. Ringo verfügt weder über viel Geld, noch findet er eine ehrliche Arbeit. Er besitzt keine Freunde und verließ die Frau, die er liebt, um sie zu schützen; seinen inzwischen achtjährigen Sohn hat er nie gesehen.

Der Scharfschütze legt seine melancholische Haltung auch im ungewöhnlichen Finale nicht ab und formuliert eine eindrückliche Absage an den Heroismus des Wilden Westens. Kings Werk zählt zu den erwachsensten Genrevertretern seiner Zeit, statuiert ein Exempel für die nachfolgenden Spätwestern und glänzt dank seiner Film Noir-Anleihen durch ein besonderes Flair.

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In den Fünfziger Jahren befanden sich die weltweiten Studiosysteme auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft. In den Vereinigten Staaten, Japan und Frankreich versammelten die Studios eine ungeheure Menge an Talent und veröffentlichten dank des geballten Produktionsniveaus zahllose Meisterwerke. Einen gewichtigen Anteil daran ist auch den Regisseuren zuzuschreiben, die sich innerhalb des Systems Freiheiten erkämpften und so ihr Potenzial ausspielen konnten.

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Der Western erreicht seine größte Popularität in den Fünfziger Jahren. Der Hang zum Reaktionären ließ das Genre dann zunehmend in eine Krise schlittern, bevor der Italowestern das Genre Mitte der Sechziger zur neuen Blüte trieb. Das gesellschaftskritische New Hollywood-Kino dekonstruierte den Western weiter. Heutzutage findet das Western-Setting sowohl für blutige Genrefilme als auch für Kunstfilme Verwendung.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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