Die Dame im See

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Filmkritik:

Der 1947 veröffentlichte Film Noir Die Dame im See verdankt seine Bekanntheit weniger einer außergewöhnlichen Qualität, sondern viel mehr einer damals einzigartigen experimentellen Inszenierung. Die Raymond Chandler-Adaption wurde ausschließlich in Point-Of-View-Shots gedreht und lässt uns das Geschehen komplett durch die subjektive Perspektive seines Protagonisten Philip Marlowe erleben.

Damit nahm der Hauptdarsteller und Regisseur Robert Montgomery Found-Footage-Filme wie Blair Witch Project oder Cloverfield um mehr als 50 Jahre vorweg, inspirierte Gaspar Noé zu seinem hypnotischen Meisterwerk Enter The Void und diente als Vorbild für Alexandre Ajas Serienkillerfilm Maniac. Außerdem erschien Die Dame im See acht Monate vor dem Film Noir Die schwarze Natter, der seine ersten zwanzig Minuten ebenfalls durch die Augen eines fliehenden Verbrechers zeigt, bevor dieser sich als Humphrey Bogart entpuppt.

Angesichts eines derartigen Alleinstellungsmerkmals lief das Marketing auf Hochtouren und versprach Kinobesuchern nicht nur „die größte Weiterentwicklung seit der Erfindung des Tonfilms“, sondern lässt auch im Vorspann Robert Montgomery zu Wort kommen, der uns eine gemeinsame Ermittlung in „seinem Fall“ in Aussicht stellt und mutmaßt, dass wir sogar vor ihm auf die Lösung des Rätsels kommen könnten.

Was in der Theorie nach einem unterhaltsamen Filmerlebnis klingt, entwickelt sich jedoch in der Praxis zu einem drögen Unterfangen – der Film bietet uns entgegen seiner Versprechung keinerlei Möglichkeit, tatsächlich selbst in die Ermittlungsarbeit einzutauchen; auch die subjektive Perspektive erweist sich nicht als Gewinn, sondern als bedeutende Einschränkung. In den ersten Minuten geht das Konzept noch auf, wenn die Kamera mit Marlowes Seitenblicken auf Schilder oder hübsche Sekretärinnen spielt und der Film einige lange Dialogsequenzen ohne Schnitte auffährt, doch dann weicht der erste Eindruck zunehmend einem Gefühl von Starrheit.

Zu den offensichtlichsten Problemen von Montgomerys Werk zählt das Fehlen eines Hauptdarstellers respektive einer Hauptfigur. Dass uns ausgerechnet der ikonografische Philip Marlowe vorenthalten wird, wiegt schwer, bietet der virile Protagonist doch eine unnachahmliche Projektionsfläche und lieferte in der Vergangenheit Schauspielern wie Dick Powell in Mord, mein Liebling und Humphey Bogart in Tote schlafen fest dankbare Auftritte mit großer Zuschauerbindung. Der unsichtbare Protagonist in Die Dame im See bleibt hingegen durchgängig farblos und überlässt uns einer Welt voller Nebenfiguren.

Ohne mehrdimensionale Totalen oder Halbtotalen verkommt das visuelle Stilmittel der subjektiven Kamera zu einer statischen Angelegenheit. Wie auf Schienen durchläuft sie Räume, die aufgrund der besonderen Anforderungen weder eine atmosphärische Beleuchtung, noch reizvolle Dekors zulassen. Statt herrlichem Film Noir-Chiaroscuro bietet Die Dame im See glatte Oberflächen und lieblose Sets, verfügt über keinerlei Flair und wirkt in jedem Moment wie ein konventioneller Kriminalfilm. Nur in wenigen Szenen, wie beispielsweise einer Autofahrt, gelingt es dem Film, seine Limitierung aufzubrechen. Doch spätestens, wenn der nächste Nebendarsteller unbeweglich in die Kamera schaut und brav seinen Text spricht, fühlt sich Montgomerys Werk an, als wären wir der einzige Zuschauer in einem Amateurtheater.

Damit verkommt Die Dame im See trotz interessanter Ansätze zu einer misslungen Stilübung, die unfreiwillig die Wichtigkeit von Mise en Scène und konventioneller Kameraarbeit betont.

Handlung:

Es ist kurz vor Weihnachten und Detektiv Phillip Marlowe erhält einen neuen Fall: Eine Frau läuft ihrem Mann wegen eines Liebhabers davon, klare Sache. Doch Marlowes Auftraggeberin – eine Angestellte des verlassenen Ehemannes – scheint eigene Absichten zu haben. Marlowe begibt sich auf die Spur der Verschwundenen und wird überall, wo er auftaucht, höchst unfreundlich behandelt. Als ihm dann auch noch Leichen in seinen Fall dazwischenfunken, wird Marlowe klar, dass er in einem Wespennest stochert. Doch zur Umkehr ist es inzwischen schon zu spät…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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