Die sieben Samurai zählt zu den Fixpunkten der Filmgeschichte. Das Epos von Akira Kurosawa begründete das Genre des Actionfilms, modernisierte das japanische Kino, legte den Grundstein für das Hauptwerk des Regisseurs und beeinflusste Generationen nachfolgender Filmemacher.

Copyright

Filmkritik:

Die sieben Samurai spielt 1587 und zählt daher zu den Jidai-geki, den japanischen Historienfilmen. In einer politisch instabilen Ära ziehen Banditen durch das Land und überfallen die Dörfer. Als einige Bauern von einem baldigen Streifzug gegen ihr Dorf erfahren, entscheiden sie sich für den Widerstand. Sie heuern eine Gruppe herrenloser Samurai an und bereiten sich auf den Kampf vor.

In Die sieben Samurai führte Kurosawa 1954 eine Entwicklung fort, die er bereits vier Jahre zuvor mit Rashomon einleitete – eine Modernisierung des japanischen Kinos. In Rashomon brach der Regisseur mit erzählerischen Standards; dieser Paukenschlag brachte ihm den goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig ein und machte die japanische Filmkultur international bekannt.

Mit Die sieben Samurai entfernte sich Kurosawa noch deutlicher vom erhabenen japanischen Stil und wandte sich dem Kino Hollywoods zu. Sein Epos nutzt typische Topoi amerikanischer Filme: Es ist ein groß aufgezogenes Spektakel, ein Abenteuer voller Helden und Konflikte, versetzt mit unterhaltsamen Dialogen, Humor, Spannung und Tragik. Kurosawa drehte einen Blockbuster (die bis dato teuerste japanische Produktion) und den ersten Actionfilm der Kinogeschichte.

Fortan galt Akira Kurosawa als „westlichster“ der großen japanischen Regisseure. Seine Hinwendung zur amerikanischen Art des Kinos kam nicht von ungefähr, sie fußt auf Kurosawas Bewunderung für die Western von John Ford. Der Amerikaner gab sich nie mit bloßem Genrekino zufrieden. Die äußere Handlung eines Films dient bei Ford lediglich als Gerüst, um über die amerikanische Gesellschaft, gegensätzliche Wertesysteme und Begriffe wie Freiheit und Ehre nachzudenken. Kurosawa geht genauso vor und nutzt ebenfalls eine vergangene Ära für die Zuspitzung seiner Sinnfragen.

Ähnlich wie Fords Wilder Westen eignet sich auch die inhumane japanische Feudalzeit hervorragend, um über Menschlichkeit nachzudenken. Die sieben Samurai spielt in einer instabilen, unsicheren Epoche: Die lokalen Fürsten führen Kriege untereinander, die verarmte Zivilbevölkerung muss darunter leiden. Es ist offensichtlich, dass das System, das diese Zustände hervorgebracht hat, vor dem Kollaps steht – die Zeiten sind im Begriff, sich zu ändern.

Die Samurai verkörpern diesen Wandel am deutlichsten: Die stolzen, wohlhabenden Krieger sind dem Untergang geweiht. Sobald ihre Herren fallen, verlieren Sie ihr Einkommen und werden zu Rōnin, herrenlosen Kriegern. Aufgrund der leeren Kriegskassen stellen die Fürsten kaum neue Samurai ein, folglich stehen arbeitslose Krieger vor existenziellen Problemen.

Ihr Ehrenkodex, der Bushidō, sieht vor, dass ein Samurai sich in den Dienst von Moral und Ordnung stellt – ernähren kann ihn diese Berufsauffassung kaum, weshalb sich einige als Söldner durchschlagen oder sogar zum Banditen werden. Nicht wenige der Männer, die das Dorf überfallen, tragen die Ausrüstung eines Samurai.

Wir haben es hier also mit Helden zu tun, die sich ihres drohenden Untergangs bewusst sind und sich dennoch für eine moralische Haltung und einen mühevollen Weg entscheiden – das macht sie als Figuren so spannend und ambivalent. Umso besser ist es, dass sich Die sieben Samurai viel Zeit nimmt, um die Protagonisten zu ergründen, die internationale Kinofassung umfasst stattliche 207 Minuten. Allein die Exposition erhält rund eine Stunde Spielzeit und stellt uns die Samurai eingehend vor.

Das Herzstück des Films ist sein Mittelteil, in dem die Helden die Bauern schulen und das Dorf gegen den erwarteten Angriff befestigen. Hier scheinen die Filme von John Ford am deutlichsten durch, da ein unüberbrückbarer sozialer Graben zwischen den Samurai und den Bauern liegt. Die Zusammenarbeit der beiden Kasten ist geprägt von pessimistischen Vorannahmen, Missverständnissen und Unwissen.

Wie so oft verzichtet Kurosawa auf Schwarz-Weiß-Malerei und stattet alle drei Fraktionen des Films mit klar definierten Motiven aus. Folglich verstehen wir die Beweggründe für ihr Handeln, finden darüber einen empathischen Zugang zu den Figuren und erkennen ihre Schwächen und Fehler.

Seine emotionale Kraft zieht Die sieben Samurai aus der Erkenntnis, dass alle drei Fraktionen Opfer der feudalen Verhältnisse und ihrer sozialen Schicht sind, und aus dem fatalistischen Gleichmut, mit der die Protagonisten ihr Los ertragen. Die Bauern lassen sich mit Gewalt um die Früchte ihrer Arbeit bringen, die Samurai tauschen ihr Leben gegen lausige Reismahlzeiten ein und die Banditen greifen selbst dann noch an, wenn die eigene Niederlage absehbar ist.

Ein brillanter Drehbuchschachzug ist die Installation einer Figur, die als Vermittler zwischen den Bauen und den Samurai fungiert. Eigentlich sind die Samurai nur zu sechst – der siebte Held ist der Bauer Kikuchiyo, der seinen Stand verachtet und sich als Samurai aufspielt. Er durchschaut die Einfältigkeit der Bauern, spiegelt in seinem Unverständnis für den Kodex der Krieger aber auch, wie ziellos ein Samurai ohne Bushidō wäre.

Darüber hinaus fungiert Kikuchiyo als Aktivposten des Films: Toshirō Mifune spielt enorm körperlich und betreibt rigoroses Overacting. Das irritiert zunächst, macht aber Sinn – nicht Mifune, sondern seine Figur ist ein schlechter Schauspieler, der folglich maßlos übertreibt; ein Ansatz, den Jahrzehnte später auch Al Pacino in Scarface anwandte.

Das restliche Ensemble stellt den Gegenpol dazu da und spielt deutlich zurückhaltender. Hier sticht insbesondere die Präsenz von Kurosawas Stammdarsteller Takashi Shimura heraus, der den Anführer der Samurai verkörpert.

Obwohl die Rahmenhandlung lediglich als Aufhänger für die vielen vorgenannten Themen dient, entwickelt Die sieben Samurai darüber einen hohen Unterhaltungswert. Dank seiner ausgezeichneten Dramaturgie bleibt Kurosawas Werk über die vollen dreieinhalb Stunden spannend. Dem Regisseur gelingt es auch hervorragend, die Actionszenen in die Handlung zu integrieren.

Die realistische Inszenierung der Gewalt verdeutlicht einmal mehr die Empathie, mit der Kurosawa den Beteiligten auf beiden Seiten begegnet – sie mutet nicht cool, sondern bitter an. Insbesondere die beiden großen Spannungsszenen – der erste Angriff und das Finale – entwickeln eine rohe Wucht. Wie in Hollywood filmte Kurosawa das Geschehen mit drei Kameras und setzt es fulminant in Szene. Neben dem großen Aufwand und der tollen Kameraarbeit beeindruckt vor allem der fließende Schnitt, der den Kampf in ein suggestives Spektakel verwandelt.

Die sieben Samurai beeinflusste die Filmgeschichte über Jahrzehnte hinweg. Das gelungene Remake Die glorreichen Sieben zählt zu den populärsten Western, der Kodex der Samurai fand einen Widerhall in John Frankenheimers Thriller Ronin und in den Gangsterfilmen von Jean-Pierre Melville, dessen Klassiker Der eiskalte Engel im Original nicht umsonst Le samouraï heißt.

Neben Kurosawas späterer Arbeit Die verborgene Festung übte Die sieben Samurai den größten Einfluss auf Star Wars aus. Die Frage, ob ein Samurai sein Können ehrenvoll einsetzt, gipfelte im elementaren Konzept von der hellen und der dunklen Seite der Macht. Wie der feudale Krieger nutzt auch der Jedi-Ritter ein Schwert – und selbst das Wort Jedi entlieh George Lucas mittelbar von Die sieben Samurai – im englischen ist die Aussprache deckungsgleich mit Jidai(-geki), der Bezeichnung für japanische Historienfilme.

0
1-Klick-Suche bei Amazon