Martha

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Filmkritik:

1974 drehte Rainer Werner Fassbinder eine Art Horrorfilm: Martha liefert die gleichnamige Protagonistin den erstarrten Konventionen des Bürgertums aus und schildert ihre Ehe mit einem kultivierten Sadisten als ultimativen Albtraum der Bürgerlichkeit.

Die Zwänge unserer Gesellschaftsordnung waren Fassbinder schon immer ein Gräuel. In Martha nimmt er eine der traditionellsten Institutionen überhaupt aufs Korn: Die Ehe. Als Vorlage griff sich der Autorenfilmer eine Kurzgeschichte des amerikanischen Krimiautors Cornell Woolrich, der unter anderem auch die Geschichte von Hitchcocks Das Fenster zum Hof schrieb.

Die Leidensgeschichte seiner neurotischen Hauptfigur setzt Fassbinder einmal mehr theaterhaft in Szene. Vor allem zu Beginn irritiert die plakative Inszenierung, die gestelzten Dialoge und die altmodischen Dekors wirken seltsam künstlich, das Spiel vom Margit Carstensen pendelt zwischen Extremen. Beinahe unfreiwillig komisch, zumindest aber ironisch wirken viele Szenen: Da stirbt Marthas patriarchalischer Vater auf der Spanischen Treppe in Rom an einem Herzinfarkt und ihr fällt nichts Besseres ein, als ihre gestohlene Handtasche zu betrauern; auch die folgenden Szenen in der deutschen Botschaft geraten zur Farce, wenn Fassbinder ein einseitiges Telefongespräch ins Absurde zieht.

Je weiter der Film voranschreitet und dabei seinen Tonfall konsequent beibehält, desto deutlicher stellt sich Fassbinders Herangehensweise als clevere Methode heraus. Die melodramatische Abstraktion spiegelt lediglich die Affektiertheit der bürgerlichen Verhältnisse, die Fassbinder in vielen seiner Werke als bloße Fassade entlarvt. In dem der Regisseur die filmische Konventionen ignoriert, nimmt er uns Zuschauern den sicheren Boden und illustriert geschickt den Strudel aus Demütigung und Selbstaufgabe, in den Martha sich willentlich begibt.

Geerdet wird diese Tour de Force durch den teuflisch guten Karlheinz Böhm, der mit seiner Zurückhaltung – dem diabolischen Lächeln und den verschränkten Armen – sogar noch bösartiger wirkt als in seiner ungleich bekannteren Rolle als psychpathischer Mörder in dem britischen Thriller Augen der Angst.

Gehörig Eindruck schinden konnte auch Kameramann Michael Ballhaus, der für einen besonderen Moment des Films, die erste Begegnung zwischen Martha und ihrem zukünftigen Ehemann, eine zeitlupenartige 360-Grad-Kamerafahrt ersann, der die Bedeutung dieser Szene unterstreicht und ihr eine besondere Magie verleiht. Mit der Geburt des Ballhaus-Kreisels empfahl sich der Kameramann einmal mehr für Hollywood, wo er später für Martin Scorsese GoodFellas und Die Farbe des Geldes drehte.

Der Eleganz der Kamera zum Trotz lässt sich Martha absolut nicht als unterhaltsames Werk bezeichnen; die bedrückende Stimmung treibt Fassbinders Werk jeglichen Spaßfaktor aus, zurück bleibt die Fassbinder-Version eines Psychothrillers.

Handlung:

Martha ist Anfang dreißig, ledig und durchaus attraktiv. Auf einer Urlaubsreise nach Rom erleidet ihr Vater einen Herzinfarkt und stirbt. In der deutschen Botschaft in Rom lernt sie ihre große Liebe Helmut kennen. Die beiden heiraten. Schon auf der Hochzeitsreise beginnt Helmut auf sanfte, aber unnachgiebige Art Martha „zu erziehen“. Wieder zurück in Deutschland, mietet er für sie beide ein Haus, in dem er Martha zunehmend von der Außenwelt isoliert. Er läßt das Telefon entfernen und kündigt hinter ihrem Rücken ihre Anstellung in der Bibliothek. Aus Liebe läßt Martha sich alles gefallen…

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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