Der griechische Neo-Noir Mittwoch 04:45 erzählt eine Kriminalgeschichte in Zeiten der Finanzkrise: Er verbindet Existenzialismus mit Ökonomie und treibt seine Figuren in einen Strudel aus Schulden und Ausweglosigkeit.

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Filmkritik:

Mittwoch 04:45 spielt innerhalb einer Zeitspanne von 32 Stunden, die über das weitere Leben des Athener Jazzclubbesitzers Stelios entscheiden. 17 Jahre lang hat er sein Etablissement aufgebaut und dafür seine Familie vernachlässigt, nun steht alles vor dem Zusammenbruch: Seine Frau will die Scheidung und die rumänische Mafia ihr Geld. Stelios schuldet den Gangstern 148.000 Euro. Er fühlt sich müde, ausgelaugt, alt. Ein letztes Mal muss er sich noch aufraffen, um endlich seinen Frieden zu finden.

Wie es sich für einen Film Noir gehört, startet Mittwoch 04:45, wenn schon alles vorbei ist. Die ersten Szenen des Films sind die letzten, eine bruchstückhafte Rückblende sorgt für Stimmung und ist unterlegt mit einer müden Erzählerstimme, die über die Vergeblichkeit allen Tuns sinniert.

Das ist nicht nur souverän inszeniert, sondern negiert von Anfang an jede postmoderne Ironie. In Mittwoch 04:45 nutzt Regisseur Alexis Alexiou den Film Noir nicht als Pose, sondern aus Alternativlosigkeit. Die Form ist dem Sujet immanent, es erfordert diese Ausgestaltung aus sich selbst heraus, wie es auch die Verlierergeschichten der Vierziger Jahre taten.

Die Hauptfigur von Mittwoch 04:45 reiht sich problemlos in die Reihe dieser Loser ein. Stelios ist ein tragischer Romantiker, den die Zeit längst überholt hat. Ein moderner Sisyphos, der seinen Wünschen hinterherrennt und sie doch nie erreicht. Ein Mann, der Probleme nicht mehr lösen kann und sie deshalb nur noch aufschiebt, umschichtet, verschleppt.

Darin gleicht Stelios dem Stripclubbesitzer Cosmo Vitelli aus John Cassavetes’ Mord an einem chinesischen Buchmacher (1976). Beide Figuren verlieren die Möglichkeit, das eigene Schicksal zu bestimmen. Wie ein Schiff ohne Anker treiben sie durch ihre Geschichten, die in beiden Werken einen ähnlichen Ansatz verfolgen, Charakterstudie und Kriminalfilm zugleich sind.

Wo Cassavetes‘ Filmwelt sich in ein „realistisches“ Milieu einfühlt, tendiert Mittwoch 04:45 stärker in Richtung Abstraktion, was sich vor allem visuell widerspiegelt. Ein Großteil des Films spielt in regnerischen Nächten, die Bildgestaltung erinnert an Neo-Noir-Highlights wie Driver oder die Arbeiten von Michael Mann.

Wie in Thief und Collateral bestimmt Neonlicht die Szenerie, das Orange-Grün-Gemisch lässt die Großstadt lebensfeindlich wirken, die ständigen Lens Flares entwickeln eine enervierende Wirkung. Hinzu kommen einige Unschärfen, die Stelios‘ schwindenden Kontakt zu seiner Umwelt vermitteln.

Dass es mal einen anderen, tatkräftigen Stelios gegeben hat und ein anderes, freundlicheres Athen, daran erinnern nur noch die griechischen Schlager, die der Film immer mal wieder wie Echos aus der Vergangenheit einstreut. Wie konnte es nur so weit kommen?

Mittwoch 04:45 ist 2015 erschienen, spielt aber im Jahr 2010, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Dabei geht es Alexis Alexiou gar nicht mal so sehr um die Schulden an sich. Sowohl die volkswirtschaftlichen Milliarden Griechenlands als auch das Mafiadarlehen für Stelios bleiben abstrakt; stattdessen beschreibt der Regisseur einen Zustand.

Es geht um Abhängigkeiten, die der Film wie nebenbei aneinanderreiht. In diesen Abhängigkeitsketten zwischen großen und kleinen Gangstern, Chefs und Angestellten, Männern und Frauen, Vätern und Söhnen ist kein Platz mehr für Nicht-Ökonomisches. Die Schulden, das ist vor allem der Druck, der nicht ausgehalten werden kann und daher weitergegeben werden muss an jene, die noch ein bisschen weiter unten stehen.

Mittwoch 04:45 erzählt von einem, der nicht mehr von Atempause zu Atempause hetzen will, sondern nach dauerhafter Ruhe sucht. Im Film Noir ist das ein doppelbödiger Wunsch.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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