Der Film Noir On Dangerous Ground begeistert durch ein finsteres erstes Drittel. Die nihilistische Stimmung und ein erbarmungsloser Antiheld prägen den Film. Doch nach der ersten halben Stunde gibt On Dangerous Ground alle Stärken auf und wandelt sich zum gewöhnlichen Melodram.

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Filmkritik:

Der starke Auftakt dient nicht dem Handlungsaufbau, sondern einzig der Figurenzeichnung. Nicholas Ray beschreibt den Berufsalltag des Protagonisten Jim Wilson. Der vom großartigen Robert Ryan gespielte Detective hasst seinen Job und pflügt rücksichtlos durch die Milieus der Großstadt.

Weil er „ein Gangster mit einer Polizeimarke“ ist und disziplinarische Maßnahmen drohen, schickt ihn sein Chef zu einer Mordermittlung aufs Land, wo die restlichen zwei Drittel des Films spielen.

On Dangerous Ground erschien 1952 und ist damit der Spätphase des Film Noir zuzurechnen. Warum Paul Schrader diesen Zeitraum als „Phase der psychotischen Handlungen und selbstmörderischen Triebe“ bezeichnet, lässt sich am ersten Filmdrittel von Nicholas Rays Werk nachvollziehen.

Alles an diesem Auftakt schreit nach Verdammnis. Wir sehen eine finstere Großstadt voller Schmutz und degenerierter Menschen. Dieses moderne Babylon brodelt vor Spannung, die durch die umwerfende Musik von Bernard Herrmann (Psycho, Taxi Driver) weiter gesteigert wird.

Inmitten dieses Molochs bewegt sich Detective Jim Wilson: Auf der Suche nach mehreren Kriminellen schreckt er nicht davor zurück, Zeugen zu bedrohen und Gewalt anzuwenden. Selbst eine Frau schlägt er zusammen, obwohl die erpressten Informationen ihren Tod bedeuten.

Die bittere Ironie liegt darin, dass Wilson abseits seiner Exzesse ein hervorragender Ermittler wäre. Doch egal wie fähig er ist, die täglichen Verbrechen kann er nicht eindämmen. Stattdessen ist er dazu verdammt, immer neue Kollateralschäden mitzuerleben.

Irgendwann vor dem Geschehen des Films sprang Wilsons Sicherung dann raus. Als Vorgänger von Frank Bono (Blast Of Silence) und Travis Bickle (Taxi Driver) hasst er die ganze Welt und seinen Platz darin. Da er ihr nicht entfliehen kann, steuert er auf einen seelischen Abgrund zu.

Kurz bevor On Dangerous Ground den finalen Kulminationspunkt dieser Entwicklung erreicht, wendet er sich von allem ab. Er lässt die so grandios gezeichnete Großstadtwelt hinter sich und schickt den Protagonisten in ein ländliches Nirwana.

Alles, was diesen Film Noir in der ersten halben Stunde so großartig gemacht hat, verpufft nun. Wilson lässt nicht nur den nächtlichen Großstadtdschungel hinter sich zurück, sondern auch Flair, Spannung und Tempo des Films.

Stattdessen widmet sich On Dangerous Ground nun einem Mordfall in einer verschneiten Berglandschaft, die den zynischen Cop mit einer idealistischen Blinden zusammenführt. Zwischen Ida Lupino und Robert Ryan entwickelt sich keinerlei Chemie, Lupinos Figur wandelt überdies dicht am Klischee. On Dangerous Ground mutiert vom nihilistischen Reißer zum seichten Melodram.

Diese Spielart beherrscht Nicholas Ray wie nur wenige andere Regisseure; Ein einsamer Ort und Eine Handvoll Hoffnung zählen zu den besten amerikanischen Melodramen. In On Dangerous Ground schimmern Rays Qualitäten nur in Ansätzen durch.

Ich vermute, das ist überwiegend der Einmischung der Produzenten geschuldet. Das Studio ordnete zahlreiche Änderungen und einen Nachdreh an. Der ohnehin zweigeteilte Film wirkt dadurch noch zerfahrener. Der Wandel Wilsons vom Saulus zum Paulus bleibt nicht nachvollziehbar und das ohne Regisseur Ray gedrehte Finale enttäuscht.

Insgesamt hinterlässt On Dangerous Ground einen unbefriedigenden Eindruck und die Erkenntnis, welch immenses Potenzial der Film verschwendet. Doch selbst die Makel können den wuchtigen Eindruck des gewaltigen ersten Drittels nicht negieren – der Auftakt von Rays Werk zählt zum Besten, was der Film Noir zu bieten hat.

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DER REGISSEUR

Die Filme von Nicholas Ray suchen stets das Extreme: Die immer einige Nummern zu dick aufgetragenen Inszenierungen mögen artifiziell wirken, spielen aber virtuos mit Stimmungen und Gefühlen. Insbesondere in seinen Farbfilmen erzeugt der Regisseur eine große emotionale Fallhöhe und eine atemlose Spannung. In den USA wurde Nicholas Ray lange verschmäht, doch für die Urheber der Nouvelle Vague zählte er zu den größten Vorbildern.

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DIE STRÖMUNG

Rund zwanzig Jahre lang bereicherte Hollywood die Kinos mit düster gestalteten Kriminalfilmen. Deren heruntergekommende Detektive und abgebrühte Femme Fatales gingen ebenso in die Popkultur ein wie ihr pessimistischer Tonfall. Damit zählt die Schwarze Serie auch abseits seiner zahllosen Klassiker zu den einflussreichsten Strömungen der Filmgeschichte.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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