Ein Kriminalfilm ist Pickpocket nicht, wie Regisseur Robert Bresson mittels einer Texttafel anmerkt, doch trotz seiner Absage an den Genrefilm handelt es sich um das konventionellste Werk des französischen Auteurs, der hier sogar mit Spannungsszenen arbeitet und seine zugänglichste Arbeit vorlegt. Damit eignet sich der Film (auch wegen der kurzen Spielzeit von nur 75 Minuten) ideal als Einstieg in das Schaffen Bressons.

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Filmkritik:

Pickpocket erschien 1959 und damit in jenem Jahr, in dem François Truffaut mit Sie küssten und sie schlugen ihn und Jean-Luc Godard mit Außer Atem die Nouvelle Vague ins Rollen brachten. Von den stilistischen Neuerungen der aufstrebenden Regisseure ließ sich Bresson jedoch nicht anstecken und pflegte weiter seinen eigenen Stil.

Bresson hält seine Inszenierung gewohnt passiv und reduziert Kamerabewegung und Schnittfrequenz auf ein Mindestmaß. Dennoch wirkt Pickpocket in seinem Minimalismus ungemein elegant und souverän. Der Film beweist, wie wenig handwerkliche Meisterschaft mit pompöser, offen ausgestellter Regiearbeit zu tun haben muss und beeindruckt mit einem Realismus, der sich paradoxerweise wie bestes Kino anfühlt.

Die vielen Aufnahmen von beengten Zimmern verdeutlichen die Isolation des Protagonisten und sind nicht ausschließlich räumlich zu verstehen – auch in Bezug auf seine Lebensplanung und -führung bleibt der junge Michel ohne Antrieb oder Ziel, einzig die Taschendiebstähle helfen zunächst über seine innere Leere hinweg, betäuben sein Gefühl der Orientierungslosigkeit und dominieren zunehmend sein Tun.

Die Szenen, in denen Michel ahnungslosen Opfern das Portemonnaie aus den Jackettaschen fingert, stellen die einzige ungewöhnliche Komponente in Bressons zurückhaltender Filmsprache dar und erweisen sich als hochspannend, sodass auch wir Michels Faszination für sein Hobby nachvollziehen können und denselben Kick dabei verspüren wie der Protagonist. Das inspirierte auch den amerikanischen Regisseur Samuel Fuller, der für seinen schmissigen Film Noir Polizei greift ein eine Taschendiebstahlszene nach Vorbild Bressons einbaute.

Mit dem in sich geschlossenen Sujet, den ausdruckslosen Laiendarstellern und dem nüchternen Voice-Over findet Pickpocket eine spannende Schnittstelle zwischen dem Existenzialismus von Albert Camus oder Jean-Paul Satre, der lebensklugen Beobachtungsgabe Dostojewskis und Bressons Katholizismus. Allerdings handelt es sich nicht zwingend um ein Werk, das eine bestimmte Moral vertritt oder eine philosophische Botschaft ausformuliert, Bressons Filme bieten immer nur eine Oberfläche an, die unsere eigene Interpretation spiegelt.

Michels Dilemma aus Amoral und Perspektivlosigkeit steigert sich im Laufe des Films und muss irgendwann zwingend in seinem Untergang münden. Der finale Fauxpas kommt für ihn dennoch genauso überraschend wie für uns Zuschauer und spricht einmal mehr für Bressons enormes inszenatorisches Vermögen, das im Kleinen die großen Dinge abbildet. Michels Scheitern bei einem Diebstahl zieht schlussendlich die Bestrafung seiner Sünden nach sich und bringt seinen Turm aus Selbstbetrug zum Einsturz.

Doch Bresson verweigert sich nicht nur weiterhin einer Wertung, sondern formuliert sogar mit großem Humanismus ein gleichermaßen tragisches wie hoffnungsvolles Ende. In den letzten Szenen von Pickpocket klärt sich Michels Blick auf die eigenen Wünsche: In der Liebe findet er den ultimativen Wegweiser für seinen späteren Werdegang und damit die langersehnte Berufung, um der inneren Leere entfliehen zu können. Doch der Moment der Erkenntnis kommt für ihn zu spät, denn er sitzt bereits hinter Gittern und hat durch seine Taten das Recht verwirkt, über die eigene Zukunft bestimmen zu können. Ob Michel daran zerbricht oder trotz seiner Haft Hoffnung schöpft, überlässt Bresson wie immer den Gedanken des Rezipienten, die noch lange nach dem Schauen um diesen Film kreisen.

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DER REGISSEUR

Für Robert Bresson dienten Filme nie dem Zweck, Geschichten zu bebildern. Dem „literarischen Kino“ schwor er ab und entwickelte eine eigene Filmsprache, deren spröde Strenge uns Zuschauer herausfordert. Bressons markante Inszenierung ist für die Trennung von Bild- und Tonebene berühmt und ermöglicht uns, tiefere Wahrheiten zu entdecken. Die Größe von Bressons reduziertem Kino entsteht nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf des Zuschauers.

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Für Robert Bresson dienten Filme nie dem Zweck, Geschichten zu bebildern. Dem „literarischen Kino“ schwor er ab und entwickelte eine eigene Filmsprache, deren spröde Strenge uns Zuschauer herausfordert. Bressons markante Inszenierung ist für die Trennung von Bild- und Tonebene berühmt und ermöglicht uns, tiefere Wahrheiten zu entdecken. Die Größe von Bressons reduziertem Kino entsteht nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf des Zuschauers.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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