Filmkritik:

Jean Renoirs Toni ist der wichtigste Vertreter aus der frühen Phase des Poetischen Realismus und besitzt eine große filmhistorische Bedeutung. Renoirs dokumentarischer Ansatz legte die Grundlage für spätere Werke der Strömung und nahm auch den Italienischen Neorealismus um ein Jahrzehnt vorweg.

Toni spielt in der französischen Kleinstadt Martigues und porträtiert den italienischen Gastarbeiter Antonio „Toni“ Canova, der aufgrund der wirtschaftlichen Schieflage in seinem Land ausgewandert ist, um im Steinbruch von Martigues zu arbeiten. Der Film bedient sich des typischen Fundaments des Poetischen Realismus und schildert ein tragisches Melodram, das auf einer realistischen Milieubeschreibung fußt.

Um ein Höchstmaß an Authentizität zu erreichen, ließ Renoir den Komfort des Filmstudios zurück und drehte konsequent an Originalschauplätzen. Der Regisseur lebte einige Wochen lang in Martigues, um den Geist der Kleinstadt adäquat einfangen zu können. Anschließend engagierte er die Bewohner des Ortes als Statisten für die Dreharbeiten, auch die Hauptrollen besetzte Renoir mit Laien.

Die immense Entwicklung der Filmsprache bringt der Vergleich zwischen Toni und Renoirs wenige Jahre zuvor gedrehtem Melodram Die Hündin zutage. Letzterer wirkt mit seinen Studiokulissen altmodisch und gekünstelt, Toni nutzt hingegen die Möglichkeiten, die der echte Raum ihm bietet. Die Landschaft Südfrankreichs dient nicht als bloße Kulisse, sondern als Ausdrucksmittel, das ebenso viel erzählt wie Dialoge und Figuren.

Mit seiner realistischen Herangehensweise setzte Renoir Maßstäbe, die nicht nur von späteren Vertretern des Poetischen Realismus wieder aufgegriffen wurden, der Regisseur inspirierte auch nachfolgende Filmemacher wie Robert Bresson, der in Zum Beispiel Balthasar ähnlich vorgeht. Den größten Einfluss übte Toni jedoch auf das Kino eines anderen Landes aus: Kein geringerer als Luchino Visconti arbeitete als Praktikant des Regisseurs mit und trug dessen dokumentarischen Ansatz später nach Italien, wo er 1943 mit Ossessione die Grundlage für den Italienischen Neorealismus legte.

Abgesehen von seinem filmhistorischen Einfluss ist Toni auch schlichtweg ein guter Film. Wie er seinen Protagonisten in eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen stürzt und Dramatik mit Realismus verbindet, beeindruckt noch heute. Trotz der kurzen Spielzeit von 84 Minuten entwickelt der Film zahlreiche emotionale Höhepunkte, findet ein packendes Finale und eine letzte Einstellung, in der sich der erzählerische Kreis perfekt schließt.

Handlung:

Weil es in Italien wenig Arbeit gibt, wandert Antonio „Toni“ Canova nach Südfrankreich aus und findet in der beschaulichen Kleinstadt Martigues eine Anstellung in einem Steinbruch. Tonis Leben scheint sich endgültig zum Besseren zu wenden, als seine Vermieterin ein Auge auf ihn wirft und er ihren Avancen nachgibt. Doch dann lernt Toni die spanische Einwanderin Josepha kennen und verliebt sich unsterblich in sie, was schwerwiegende Folgen hat …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.