Mit Maskulin – Feminin adaptierte Godard zwei Kurzgeschichten von Guy de Maupassant und verlagerte sie ins Zeitgenössische. Obwohl der Film aufgrund seines Bezugs zum Vietnamkrieg und den Sechziger Jahren klar ein Kind seiner Zeit ist, erstaunt dessen Allgemeingültigkeit. Godard gelang es mit seinen suggestiven Szenen, das Lebensgefühl der Vergangenheit intuitiv verständlich zu machen.
Der erweiterte Titel des Films – Die Kinder von Marx und Coca Cola – verweist auf den politischen Zwiespalt seines jungen Protagonisten, der von Nouvelle Vague-Idol Jean-Pierre Léaud gespielt wird und einerseits mit linken Idealen sympathisiert, andererseits jedoch die Vorzüge eines kapitalistischen Landes schätzt.
Fortwährend befragt er seine Mitmenschen und erfährt doch nie etwas; er scheint auch gar nicht in der Lage zu sein, mit etwaigen Antworten etwas anzufangen und wird trotz des eigenen intellektuellen Anspruchs stets auf seinen allein schon aufgrund seiner geringen Lebenserfahrung beschränkten subjektiven Erfahrungsschatz zurückgeworfen.
Wie schon in anderen Werken von Godard stehen auch in Maskulin – Feminin Kommunikationsprobleme im Mittelpunkt, viele Menschen können sich nicht ausdrücken oder verständlich machen. Zudem wirkt Paris trotz seiner vielen Bewohner seltsam leer.
Immer wieder schildert der Film in amüsanten kleinen Szenen die Dysfunktionalität der Großstadt: Eine Frau erschießt ihren (Ex-?)Mann, eine andere einen Afrikaner in der Straßenbahn. In diesem Film misst Godard Schüssen einiges Gewicht zu, unterlegt er doch die ständig auftauchenden marxistischen Texttafeln mit Pistolenschussgeräuschen.
Im Vergleich zu Godards vorherigem Essayfilm Eine verheiratete Frau wirkt Maskulin – Feminin unpersönlicher und weitaus weniger sinnlich. Das lässt die Schlussfolgerung zu, der Autorenfilmer wende seinen Blick nicht mehr dem Individuum innerhalb der Gesellschaft, sondern mehr und mehr der Gesellschaft als Ganzes zu.
In meinen Augen bleibt Maskulin – Feminin jedoch eher eine Ergänzung des umfangreichen Œuvres von Godard, fällt weniger vielschichtig und visuell weniger ausgereift aus als viele andere seiner Werke. Dass Raoul Coutard ausnahmsweise nicht die Kamera führte, macht sich bemerkbar.