A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm

Ein Film von Richard Linklater

 

 | Erscheinungsjahr: 2006

 | Jahrzehnt: 2000 - 2009

 | Produktionsland: USA

 | Gattung: Animations-/Trickfilm

A Scanner Darkly geht wie so viele Science-Fiction-Filme auf einen Stoff von Philip K. Dick zurück und setzt dessen dystopische Welt mit einem ungewöhnlichen Animationsverfahren um. Auf dieser Basis gelingt es Richard Linklater außerordentlich gut, die diffusen Stimmungen der Vorlage einzufangen.

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Filmkritik:

A Scanner Darkly spielt in einer nahen Zukunft, in der weite Teile der amerikanischen Bevölkerung von der Droge Substance D abhängig sind. Um dem Produzenten auf die Spur zu kommen, setzt der Staat auf eine massive Überwachung seiner Bürger. Auch der Undercover-Ermittler Bob Arctor spioniert für die Behörden und verliert durch den Drogenkonsum zunehmend den Bezug zur Realität.

Philip K. Dick ist eine Koryphäe der Science-Fiction-Literatur und verfasste weit über 100 Kurzgeschichten, auf deren Ideen Hollywood regelmäßig eigene Plots aufsetzt. Minority Report, Total Recall und Paycheck funktionieren in erster Linie als Star-Vehikel, Dicks Tiefgang kommt am besten in Blade Runner und A Scanner Darkly zum Tragen.

Letzterer fußt nicht auf einer kurzen Story, sondern auf einem Roman und wurde von Richard Linklater vorlagengetreu umgesetzt, sodass wir keine von Hollywood aufgeblasene Idee, sondern die komplette Vision des Autors erleben. Das ist allerhand, denn A Scanner Darkly fällt deutlich persönlicher und pessimistischer als andere Geschichten Dicks aus.

Bis in die Siebziger Jahre hinein galt Science-Fiction als minderwertiges Genre der Literatur (und des Kinos), doch ähnlich wie sein britischer Kollege J. G. Ballard (Crash, High-Rise) verfasste Dick keine Raumschiff-Abenteuer für Heranwachsende, sondern setzte sich unter den futuristischen Folien mit der Gegenwart auseinander.

Zu Beginn der Siebziger Jahre beobachtete Dick einen gesellschaftlichen Verfall: Von innen rissen tragische Drogenschicksale Lücken in seinen Freundeskreis, von außen arbeitete die Nixon-Administration mit ihren Feindbildern und Restriktionen an einer Spaltung der Menschen. Zudem stand der Autor als Protagonist der Counterculture selbst im Fadenkreuz obskurer Ermittlungen.

Seine Erfahrungen zwischen Drogenszene und staatlicher Paranoia verarbeitete Dick in A Scanner Darkly, wo die amerikanische Gesellschaft regelrecht zerfasert: Soziale Interaktionen verkümmern, die Menschen werden immer apathischer und über allem schwebt ein anonymer Überwachungsstaat. Im Buch wie im Film bestimmen eine tiefgehende Paranoia und die Ausweglosigkeit der von Substance D abhängigen Protagonisten den Tonfall.

„D is dumbness and despair, desertion of you from your friends, your friends from you, everyone from everyone. Isolation and loneliness … and hating and suspecting each other. D is finally death.“

Das manifestiert sich im besonderen Maße im drogensüchtigen Protagonisten Bob Arctor, der mit anderen Abhängigen in einer WG wohnt und zugleich unter dem Namen Fred als verdeckter Ermittler für den Staat tätig ist. Da die Identität der Informanten selbst den Behörden verborgen bleibt, kommt es zu einem kafkaesken Dilemma: Fred erhält den Auftrag, gegen Bob Arctor zu ermitteln.

Fortan fällt Arctor die Trennung zwischen dem Leben als Junkie und als Cop immer schwerer, zumal Substance D bei Langzeitkonsumenten zu Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsstörungen führt. Arctor verspürt eine schleichende Unsicherheit und droht letztlich, sich im Vakuum zwischen seinen Persönlichkeiten zu verlieren.

Im Gegensatz zum Roman löst der Film die zunehmende Aufspaltung seines Protagonisten nicht auf, sondern konfrontiert uns ständig mit subtilen schizoiden Brüchen. Die Erzählung gerät unzuverlässiger und entwickelt Widersprüche: Wenn Fred im Voice-over über Arctor spricht, als sei dieser eine andere Person, müssen wir uns fragen, wer eigentlich das Original und wer das Alter Ego ist. Sehen wir Arctor als Polizist und Familienvater, der für den Staat in die Junkie-Tarnung schlüpft oder als Junkie, der seine Familie vor Jahren aufgab und bisweilen für den Staat schnüffelt?

A Scanner Darkly evoziert auch auf der visuellen Ebene ein Gefühl für Arctors verschobene Wahrnehmung: Wie schon in Waking Life entschied sich Richard Linklater für animierte Bilder. Er drehte den Film mit den Darstellern an realen Sets in nur 23 Tagen ab und ließ die Bilder anschließend mittels eines Rotoskopie-Verfahrens bearbeiten. 18 Monate lang wurden die realen Bilder digital nachgezeichnet und erhielten so eine ungewöhnliche Ästhetik.

Der Comic-Look irritiert zunächst, denn die Rotoskopie sorgt für unsaubere Animationen. Ständig bewegen sich kleine Farbflächen, erzeugen Unruhe und weisen die Bilder als nicht-realistisch aus; sich bewegende Objekte wirken bisweilen zweidimensional und perspektivisch falsch. Durch die Nachbearbeitung spiegelt der Film gekonnt die nie ganz fassbare Welt der Protagonisten und konfrontiert uns mit ihrer unvollständigen, fehlerbehafteten Wahrnehmung.

Trotz der pessimistischen Grundierung zielt A Scanner Darkly nicht auf die bleierne Stimmung von Dystopien wie 1984 ab, sondern besitzt auch witzige Momente. Wie die Vorlage schildert Richard Linklater auch den Alltag der schrägen Figuren und ihre drogeninduzierten Nonsens-Gesprächen. Dabei konnte der Regisseur auf Vorerfahrung zurückgreifen, denn er startete seine Karriere mit Slacker und Dazed and Confused, zwei Filmen über ziellose Jugendliche, die Rauschmitteln nicht abgeneigt sind.

Diesmal hatte Linklater eine prominente Besetzung zur Verfügung: Neben Keanu Reeves als Arctor/Fred bewohnen Robert Downey Jr. und Woody Harrelson die Drogen-WG. In einer Nebenrolle als neurotischer Süchtiger macht Rory Cochrane auf sich aufmerksam und offenbart die Nachteile der Rotoskopie – nur ein Bruchteil der Mimik dringt durch den Comic-Filter, was die guten Leistungen des Ensembles abschwächt.

Trotzdem verliert A Scanner Darkly nicht an Wirkung: Linklater trifft die ambivalente Stimmung der Vorlage und dessen Vision eines dystopischen Alltags. Zwar erreicht die Adaption nicht die tragische Wucht des Romans, dessen pessimistische Weltsicht vermittelt sie aber ebenso wie die Hoffnung auf einen letzten Funken inmitten einer endlosen schwarzen Nacht.

★★★★★★

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