Der dritte Grad

Regie: | Jahrzehnt: | Genre:


Filmkritik:

Schon die erste Szene von Der dritte Grad, eine schön gefilmte Plansequenz, offenbart den Ansatz von Regisseur Peter Fleischmann, die Erzählperspektive zu Ungunsten des Zuschauers auszulegen: In seinem Politkrimi sehen wir nur einen subjektiven Bruchteil des Geschehens und erfahren stets als Letzte, was gespielt wird.

Zu Beginn erinnert Der dritte Grad an Kafkas Der Prozess und zeigt ein diktatorisches System, in dem die stasiartige Geheimpolizei die Fäden zieht: Aus heiterem Himmel wird der unbescholtene Bürger Georgis verhaftet und verdächtigt, einer subversiven Organisation anzugehören. Wie auch bei Kafka ist dieser Vorwurf so dreist, dass er fast lächerlich anmutet und lustig wäre, wenn sich die Situation nicht so ernst gestalten würde. Der verhörende Beamte gibt dann auch schnell die Richtung vor und mutmaßt, dass ein Bürger, der noch nie andere „subversive Elemente“ angezeigt habe, wohl kaum staatstreu sein könne.

Da Georgis alle Vorwürfe abstreitet, soll er zu weiteren Verhören in die Hauptstadt transportiert werden, was das zweite Viertel des Films einläutet und diesen vorübergehend zum Road Movie mutieren lässt. Hier erfolgt die eigentliche Exposition des Films, der nun die Gelegenheit nutzt und seine drei Figuren vorstellt. Während wir von Georgis nur erfahren, dass er recht vernünftig und bodenständig zu sein scheint, zeichnet Der dritte Grad auch ein Bild von seinen zwei gänzlich unterschiedlichen Begleitern, die auch stellvertretend für die unterschiedlichen Ausprägungen des totalitären Staatsapparates stehen: Michel Piccoli spielt einen zurückhaltend-verbindlichen Beamten, während Mario Adorf als jovialer wie gewissenloser Fahrer auftritt.

Aufgrund des niedrigen Tempos baut das zweite Viertel nur wenig Spannung auf, sät jedoch viel Paranoia: Da wir keine Informationen bekommen, bleiben Motivation und Handeln der Figuren im Unklaren, jeder Zufall kann Teil eines Plans, jeder vermeintliche Statist eigentlich ein Protagonist sein. Im weiteren Verlauf beginnen selbst die beiden Beamte an den Geschehnissen zu zweifeln, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten. Aufgrund der zahllosen Unsicherheiten verschieben sich die Verhältnisse: Die Bösen verhalten sich gut, die Guten plötzlich böse und am Ende weiß niemand, wie das eigentlich passieren konnte und wer jetzt wen manipuliert. Auch beim Zuschauer sorgt dies für einige Ambivalenz – wem drücken wir die Daumen?

Immer wieder fördert Der dritte Grad neue Details zutage und überrascht sein Publikum, ohne seine Karten ganz auf den Tisch zu legen. Das erinnert an die klassischen, auf Paranoia bauenden Politthriller der Siebziger Jahre, an Costa-Gavras‘ Z oder an Der Spion, der aus der Kälte kam. Mit Letzterem hat Der dritte Grad die Twists gemein, die dem Zuschauer kurz eine Erkenntnis übermitteln, bevor sich die Handlungsfäden wieder ineinander verknoten; und mit Z, dem besten Politthriller überhaupt, verbindet Fleischmanns Film vor allem das Ergebnis. Beide Filme verweigern sich einfacher Lösungen oder einer Katharsis – alles endet vage und vor allem mit der Erkenntnis, dass die soeben gesehenen Vorfälle sich auf ewig wiederholen werden. Der Chef der Geheimpolizei sagt im Finale von Der dritte Grad so treffend: „Regierungen kommen und gehen, doch die Polizei, die bleibt“.

Peter Fleischmanns Werk mag nicht die ganz große Spannung erzeugen und sich bisweilen zu viel Zeit lassen, doch die gut aufgelegten Darsteller, die passende Musik von Ennio Morricone und das clevere Drehbuch sorgen dennoch für ein stimmiges Filmerlebnis. Angesichts der bekannten Akteure und des gut umgesetzten Sujets bleibt Der dritte Grad eine größere Popularität zu wünschen, denn seltsamerweise ist dieses Politkrimi-Kleinod in Deutschland vollkommen unbekannt.

Handlung:

Der einfache Bürger Georgis wird eines Tages plötzlich verhaftet und zur Geheimpolizei gebracht. Georgis soll Mitglied einer verbotenen Untergrundorganisation sein, doch er beteuert seine Unschuld. Am nächsten Morgen sollen zwei Beamte den Verdächtigen zur Zentrale in die Hauptstadt überführen. Es beginnt eine Irrfahrt, in der jeder Schein trügt und jeder Plan einen doppelten Boden hat…

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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2017-08-11T12:46:49+00:00

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