Twentynine Palms

Regie: | Jahrzehnt: | Genre:


Filmkritik:

Twentynine Palms lässt sich sowohl als metaphorisches Horrordrama wie auch als existenzielle Zustandsbeschreibung der Menschheit im 21. Jahrhundert lesen und nimmt selbst in der an kompromisslosen Inszenierungen nicht armen Filmografie von Bruno Dumont einen Sonderplatz ein.

Dumont gelingt nicht weniger als das zweite Meisterwerk nacheinander. Doch während er mit seiner Kriminalfilm-Dekonstruktion Humanität zumindest einen groben Handlungsrahmen etablierte, geht der ehemalige Philosophiedozent in seinem dritten Werk noch konsequenter vor und bricht mit narrativen Normen: In fragmentarischen Episoden dokumentiert Twentynine Palms einige Tage im Leben zweier Menschen als Abfolge von belanglosen Alltagsgesprächen und rauen Sexszenen. Besonders viel tun der Amerikaner David und die aus Osteuropa stammende Katia nicht: Mit einem Jeep durchstreifen die beiden ziellos die kalifornische Wüste um die titelgebende Stadt herum. Er sucht beruflich nach nicht näher bestimmten Locations, sie begleitet ihn privat.

David und Katia haben sich so wenig zu sagen, weil ihre Sprachbarriere tief gehende Gespräche verhindert. Niemand beherrscht die Muttersprache des anderen, sodass sie sich auf Französisch unterhalten müssen, das beide nur in Grundlagen beherrschen. Damit gerät jeder Kommunikationsversuch zur anstrengenden Auseinandersetzung, die bei Problemen nur wortlose Resignation als Ausweg zulässt. Auch der rüde Sex kann die fruchtlosen Verständigungsversuche nicht reparieren, sondern trägt eher dazu bei – hier schafft der Akt weder Nähe noch Vertrautheit, sondern verkommt zur seelenlosen Biomechanik mit archaischer Ausprägung.

Die seltsame Beziehung von David und Katia mag vielleicht noch im pulsierenden Großstadtleben funktionieren, ist jedoch in der kalifornischen Wüste von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Dabei dienen die tristen Sandformationen nicht nur als Katalysator für die Figurenentwicklung, sondern bilden das Innenleben der Protagonisten ab und spiegeln ihre innere Leere.

Wie der von ihm geschätzte Maler Henri Matisse rückt Dumont nicht das zentrale Motiv in den Mittelpunkt, sondern konzentriert sich auf die Anordnung der Dinge drum herum. Wo der europäische Blick die amerikanische Weite gerne poetisch verklärt (wie beispielsweise in Wim Wenders‘ Paris, Texas), erzeugen Bruno Dumont und sein Kameramann Georges Lechaptois durch statische Bildausschnitte und unkonventionell getimte Schnitte grob wirkende Bilder.

Der daraus resultierende Stillstand des filmischen Erlebens und die ungemütliche Landschaft versinnbildlichen eine im Niedergang befindliche Welt. Das Leben erscheint hier erstarrt und kalt, die Wüste groß, weit und hässlich. David und Katia gehören hier offensichtlich nicht hin und wirken wie verirrte Marsmenschen, die von ihrer Umgebung sowohl physisch, als auch seelisch regelrecht erdrückt werden. Ihre Unfähigkeit zur Kommunikation wiegt an diesem Ort besonders schwer und gefährdet den so wichtigen Zusammenhalt.

Dabei benutzt Twentynine Palms nicht nur die strenge Form eines Robert Bresson und porträtiert die zwischenmenschliche Unfähigkeit seiner Protagonisten wie die besten Werke von Michelangelo Antonioni, sondern etabliert auch eine latent bedrohliche Stimmung. Hinter dem vordergründig Alltäglichen scheinen sich wie im Kino von David Lynch Abgründe aufzutun. Die subtil-bedrückende Geräuschuntermalung und die kargen Bilder malen die Wüste als feindlichen Ort: In der Einsamkeit der Stadt Twentynine Palms verkörpert jeder Fremde eine potenzielle Bedrohung, jedes vorbeifahrende Auto eine Gefahr.

Inmitten der inneren wie äußeren Leere ist eine Flucht unmöglich. Ganz auf sich selbst zurückgeworfen, können David und Katia ihrem Dasein selbst durch zunehmend hoffnungslosere sexuelle Existenzbezeugungen keine Bedeutung mehr verleihen. Ihr regelrecht alttestamentarisches Scheitern inszeniert Dumont mit derartiger Wucht, dass sich der kathartische Effekt erst mit deutlicher Verzögerung einstellt. Twentynine Palms zählt zu den seltenen Seherfahrungen, die geradezu körperlich spürbar sind. Wie die verzweifelten Orgasmen von David und Katia ist auch dieser Film ein kleiner Tod.

Handlung:

Der Amerikaner David und seine osteuropäische Freundin Katia durchstreifen auf der Suche nach „Locations“ die kalifornische Wüste um die Stadt Twentynine Palms. Aufgrund ihrer Sprachbarriere sprechen sie wenig. Wenn sie nicht gerade ausgedehnte Autofahrten unternehmen, haben sie wilden Sex. Immer wieder entstehen Streitigkeiten zwischen ihnen. Die Umgebung wirkt zunehmend feindlicher…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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