Mit Die Geschichte der Nana S. setzte Jean-Luc Godard im Vergleich zu seinem vorherigen Werk, dem bunten, komödiantischen Eine Frau ist eine Frau, auf totales Kontrastprogramm und inszenierte eine düstere Passionsgeschichte, wie sie im französischen Kino durchaus Tradition hat. Godard ist sich dessen bewusst und verweist hier sogar direkt auf eines seiner Vorbilder, Carl-Theodor Dreyers Die Passion der Jungfrau von Orléans, der von seiner Protagonistin Nana im Kino angeschaut wird.

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Filmkritik:

Formal hält sich der Regisseur zurück und setzt auf ungekünstelte Milieubilder in tristem Schwarz-Weiß und eine fast schon dokumentarisch wirkende, passive Inszenierung, die ganz in Diensten der Protagonistin steht, statt sich selbst in den Vordergrund zu rücken. Dank der schlichten Präsenz von Anna Karina funktioniert das ziemlich gut.

Eigentlich könnte man Die Geschichte der Nana S. fast als ungewöhnliches Werk in Godards Filmografie bezeichnen, doch der typische Einfluss des Franzosen schlägt sich durchaus nieder – nur eben mehr auf der inhaltlichen als auf der formalen Ebene. So unterteilt Godard den Film in zwölf beispielhafte Kapitel, die jeweils von einer Texttafel eingeleitet werden und bleibt damit einmal mehr dem fragmentierten Erzählen treu. Hier passt es jedoch gut, weil der Abstieg von Nana an den einzelnen Stationen festgemacht werden kann.

Je länger der Film läuft, desto stärker verdeutlicht er zwei der typischen Kernthemen Godards. Die Geschichte der Nana S. handelt (wie auch später Die Außenseiterbande) von Freiheit und Selbstbestimmung, die beschränkt werden durch monetäre und gesellschaftliche Zwänge; andererseits verdeutlicht der Film Godards Weltanschauung in Bezug auf die moderne Gesellschaft, die hier kalt und unpersönlich dargestellt wird. Es herrschen Sprachlosigkeit und Tristesse. Damit wirkt die Welt des Films letztlich nahezu unmenschlich. Eine Ansicht, die Godard drei Jahre später in Alphaville auf die Spitze trieb.

Unterhaltsam verläuft Die Geschichte der Nana S. derweil aufgrund seines deprimierenden Charakters nicht. Der Film beweist einmal mehr, dass Godard auch ein Herz für Figuren hatte und bereit war, seine sonst so offensive Regie hinten anzustellen, wenn es dem Sujet dienlich ist.

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DER REGISSEUR

Mit seinem Debütfilm Außer Atem schrieb Jean-Luc Godard Kinogeschichte und setzte die Nouvelle Vague in Gang. Der ehemalige Filmkritiker prägte das Medium Film nachhaltig: Seine postmoderne Erzählweise und innovativen Inszenierungen, seine beißende Gesellschaftskritik und Essayfilme wurden bewundert, diskutiert und kopiert. Allein in den Sechziger Jahren drehte Godard 15 Werke, von denen die meisten inzwischen fest zum Kanon der Filmgeschichte gehören.

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DER REGISSEUR

Jean-Luc Godard

Mit seinem Debütfilm Außer Atem schrieb Jean-Luc Godard Kinogeschichte und setzte die Nouvelle Vague in Gang. Der ehemalige Filmkritiker prägte das Medium Film nachhaltig: Seine postmoderne Erzählweise und innovativen Inszenierungen, seine beißende Gesellschaftskritik und Essayfilme wurden bewundert, diskutiert und kopiert. Allein in den Sechziger Jahren drehte Godard 15 Werke, von denen die meisten inzwischen fest zum Kanon der Filmgeschichte gehören.

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DIE STRÖMUNG

Die Nouvelle Vague wischte die altmodischen „Filme der Väter“ beiseite und entwickelte das moderne Kino. Erstmals beschäftigten sich Filme selbstreferenziell mit sich selbst, anstatt lediglich Geschichten mit Bildern zu erzählen. Mit der Generalüberholung von Inszenierung, Schnitt und Erzählweise legte die Nouvelle Vague die Grundlagen unserer heutigen postmodernen Filme, Musikvideos und Werbespots.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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