The Face of Another ist ein Kunstfilm im besten Sinne: Er entzieht sich gewöhnlichen Maßstäben und verbindet Essayfilm und Horrorgenre zu einer ungewöhnlichen filmischen Form, die ihre Wirkung vornehmlich durch Dialektik erzeugt und daher mehr im Kopf des Zuschauers als auf der Leinwand stattfindet.

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Filmkritik:

Im Zentrum des Films steht der Geschäftsmann Okuyama, dessen Gesichtshaut bei einem Unfall entstellt wurde. Da er dauerhaft einen Kopfverband trägt, ist ihm eine gesellschaftliche Teilhabe kaum möglich, er entfremdet sich zunehmend von seiner Umwelt. Die latexartige Maske eines Spezialarztes soll Okuyama einen Neuanfang ermöglichen, damit drohen ihm aber auch der endgültige Verlust seiner Identität und das Abdriften in eine Psychose.

Der Stoff stammt aus der Feder des Schriftstellers Kobo Abe, der einmal mehr ein Triumvirat mit Regisseur Hiroshi Teshigahara und Komponist Toru Takemitsu bildete. Die drei Genies schufen von 1962 bis 1968 ein Gesamtkunstwerk aus vier Filmen, von denen das Meisterwerk Die Frau in den Dünen und der anschließend entstandene The Face of Another herausstechen.

Teshigaharas drittes Werk belegt zudem, warum der Regisseur zu den Vertretern der Japanischen Neuen Welle zählt, aber darin aufgrund seiner Eigenständigkeit eher ein Randgebiet besetzt. Wie diverse Kollegen bricht auch Teshigahara traditionelle Standards mit einer Vielzahl ungewöhnlicher Stilmittel auf, doch inszeniert Teshigahara vollkommen anders als Shôhei Imamura oder Yasuzô Masumura – er übersteigert die Erzählebene nicht nur, er transzendiert sie.

Obwohl The Face of Another typische Horrorsujets bedient und dabei einen Schnittpunkt zwischen dem Universal-Klassiker Der Unsichtbare, dem kafkaesken Thriller Der Mann, der zweimal lebte und Augen ohne Gesicht bildet, verweigert er sich seinem Genre größtenteils und ignoriert erzählerische Konventionen. Ein Großteil der zweistündigen Spielzeit ist als Exposition angelegt und das Tempo bleibt durchweg niedrig.

Zudem verpasst Teshigahara dem sonst so auf Immersion angelegte Genre eine distanzierte Inszenierung – mit surrealen Einschüben, Beleuchtungswechseln und dem Einfrieren von Bildern weist der Regisseur mehrfach auf die Künstlichkeit des Szenarios hin, womit Teshigaharas Nähe zum Dokumentarfilm zum Tragen kommt.

Die Melange aus Horror- und Dokumentarfilm mündet in essayistischen Anwandlungen – mit dem Protagonisten als Marionette führt uns Teshigahara in per Voice-over geäußerten Gedanken und diversen Dialogen durch eine Vielzahl von Überlegungen. Insbesondere die erste Filmhälfte denkt über die elementaren Funktionen unseres Gesichtes nach, das als Spiegel der eigenen Identität und als Werkzeug zur Teilhabe am sozialen Miteinander dient.

Trotz der distanzierten Inszenierung und einer gewissen Versuchslabor-Atmosphäre entwickelt The Face of Another eine untergründige Spannung: Da Okuyama nicht mehr ausdrücken kann, wer er ist, ist er niemand mehr – im Zusammenspiel mit den kalten, verfremdeten Schwarz-Weiß-Bildern formuliert Teshigahara somit existenziellen Horror par excellence. Okuyama wirkt derart aus jedem sozialen Gefüge herausgelöst, dass sein Handeln unvorhersehbar wird. Diese Unberechenbarkeit verleiht ihm selbst in alltäglichen Szenen eine bedrohliche Aura.

Doch im Gegensatz zu psychologischen Horrorklassikern wie Roman Polanskis Ekel leitet der Film daraus keine dramatischen Reaktionen auf der Leinwand ab, sein Schrecken ist überwiegend dialektischer Natur und findet in unserem Kopf statt. Mit Okuyama als worst case kratzt Teshigahara die vermeintliche Selbstverständlichkeit unserer Identität an, die jederzeit erschüttert, deformiert, gespalten werden kann.

Dabei greift der Regisseur auch auf einen Nebenplot um eine junge Frau zurück, die von der Atombombe auf Nagasaki mit einer vernarbten Gesichtshälfte gezeichnet wurde. Ihre Szenen brechen die eisige Stimmung auf, verschleppen aber das ohnehin schon zähe Tempo und vertiefen die Thematik des Hauptteils nur unwesentlich.

Von diesen Episoden abgesehen, verlässt sich The Face of Another ganz auf seinen Hauptdarsteller Tatsuya Nakadai, der seiner illustren Karriere einen weiteren Meilenstein hinzufügte. Zuvor hatte er bereits unter fast allen großen Regisseuren gedreht und insbesondere in Masaki Kobayashis Barfuß durch die Hölle-Trilogie brilliert.

Seine Wandlungsfähigkeit kommt ihm auch hier zupass – Nakadai baut trotz langer Phasen mit Kopfverband eine klar fassbare Figur auf und trägt ihren psychologischen Wandel effektvoll nach außen. Dabei folgt er dem abweisenden Tonfall der Regie und legt sein Spiel unnahbar an; insbesondere die stark reduzierte Mimik in der zweiten Filmhälfte lässt seine Schauspielkunst erkennen und verdeutlicht die Fremdartigkeit zwischen der Figur und ihrem zweiten Gesicht.

Nakadais Spiel steht sinnbildlich für diesen Film, der den Gegenpol zum sinnlichen Die Frau in den Dünen bildet. The Face of Another fühlt sich aufgrund seiner konsequenten Ästhetik leblos an und fordert seinem Publikum damit einiges ab. Dazu passt ein Finale, das in konventionelleren Werken eher den Beginn der Handlung markieren würde und aufgrund der Vielzahl an offenen Fragen etwas unbefriedigt zurücklässt.

Trotzdem wirkt Teshigaharas dialektischer Horror: Der Mann ohne Identität mag von der Leinwand verschwinden, aber in unseren Gedanken, da bleibt er.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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