Während in Deutschland vornehmlich amerikanische Gefängnisfilme wie Die Verurteilten hoch im Kurs stehen, kommen die besten Werke dieses Subgenres aus Frankreich. Neben Robert Bressons großartigem Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen begeistert vor allem ein hierzulande unbekanntes Werk von Jacques Becker: Das Loch.

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Filmkritik:

Das Loch ist ein im besten Sinne altmodischer Film und markiert 1960 den Schlusspunkt in Beckers Karriere. Zu einer Zeit, als Godard gerade mit Außer Atem die Nouvelle Vague und eine neue Art von verspieltem, selbstreflexivem Kino begründete, setzte Becker auf gänzlich Gegenteiliges und reduziert sämtliche Elemente des Films auf das Wesentliche, was an das Kino von Jean-Pierre Melville oder Robert Bresson erinnert.

Das passt hervorragend zu der simplen Handlung, die auf realen Tatsachen beruht, den Ausbruchsversuch von fünf Männern aus dem Pariser Gefängnis La Santé schildert und dabei mit einem geschickten Kunstgriff den Zuschauer involviert: Er wird schlichtweg zu den anderen Inhaftierten in die Zelle gesperrt und nicht mehr heraus gelassen – sobald sich die Zellentür nach den ersten Minuten schließt, arbeitet Das Loch knallhart mit einer internen Fokalisierung.

So entsteht ganz von selbst eine enge Bindung zu den Charakteren und ihrem Plan: Nur wenn es den Männern gelingt, ein Loch in den Betonboden zu schlagen, werden auch wir befreit und können die Zelle verlassen – effektiver kann ein Film die Motivation von Protagonisten und Zuschauer gar nicht gleichschalten.

Die Flucht gestaltet sich erwartungsgemäß alles andere als einfach und wird so ausführlich wie in keinem anderen Gefängnisdrama geschildert: Minutenlang schlagen die Häftlinge mit einer Eisenstange auf den Betonboden ihrer Zelle ein. Becker verdeutlicht den Aufwand an Muskelkraft und Zeit, der nötig ist, um dem Beton Millimeter um Millimeter abzuringen. Der Faktor Zeit erhält durch die langen Sequenzen eine ganz eigene, dynamische Brisanz, kann doch in jedem Augenblick ein Wärter das Treiben bemerken.

Im Laufe der mehrere Tage andauernden Fluchtbemühungen gelingt es den Häftlingen schließlich, durch den Boden ihrer Zelle in das darunter befindliche Netz aus alten Wartungstunneln zu brechen, doch da auch in den Kellergewölben von La Santé regelmäßige Kontrollgänge seitens des Wachpersonals durchgeführt werden, bleibt die Bedrohungslage stetig angespannt. Wenn die Häftlinge wie Ameisen durch die nächtlichen Kellergewölbe schleichen, verdichtet sich die Atmosphäre noch weiter und wird dabei durch die Film Noir-Optik treffend unterstützt.

Nicht nur die stimmungsvolle Bildgestaltung, sondern auch die Tonebene erzeugt viel Suspense: Das Loch verzichtet vollständig auf Musik, ausschließlich das Flüstern und Geraschel der Häftlinge ist zu hören und sorgt szenenweise dafür, dass man sich als Zuschauer ebenfalls jedes Geräusch verkneift. Die omnipräsente Stille lässt das Geschehen wie in einem Vakuum wirken und erhält durch das gefährlich laute Schlagen von Eisen auf Beton einen herben Kontrast.

Aufgrund des hohen Spannungsniveaus benötigt Das Loch keine dramaturgischen Akzente von außen und kann auf gängige (amerikanische) Klischees verzichten – weder sadistische Wärter, noch unbarmherzige Mithäftlinge treten auf, vielmehr besteht ein zusätzlicher Konflikt innerhalb der Gruppe der fünf Ausbrecher, die ursprünglich nur aus vier Insassen bestand und unvermutet einen Neuzugang aufnehmen und einweihen musste.

Der Neue ist nicht nur einige Jahre jünger als die anderen, sondern noch nicht einmal verurteilt und stammt zudem noch aus einer bürgerlichen Familie. Diese Faktoren sorgen für eine gute Portion Misstrauen, doch eine Wahl haben die Ausbrecher selbstverständlich nicht – entweder brechen sie alle aus oder gar nicht.

Vielleicht stellt das etwas zu schlichte Finale den einzigen kleinen Kritikpunkt an Beckers Kammerspiel dar, davon abgesehen bietet Das Loch jedoch handwerklich wie atmosphärisch herausragende Thrillerkost und ist der Referenzfilm dieses Subgenres.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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