Der Fremde im Zug

Regie: | Jahrzehnt: | Genre: ,


Filmkritik:

Kurz vor Alfred Hitchcocks großen amerikanischen Farbklassikern wie Bei Anruf: Mord und Das Fenster zum Hof entstanden, droht Der Fremde im Zug in dessen Filmografie ein wenig unterzugehen. Zu Unrecht, denn der Thriller serviert auf der Basis einer effektvollen Handlung die für Hitchcock archetypische Mischung aus Suspense und verruchtem Humor mit handwerklicher Meisterschaft.

Der Plot stammt aus der Feder von Patricia Highsmith, die Hitchcock ihren Debütroman zur Verfügung stellte. Niemand Geringeres als Krimilegende Raymond Chandler adaptierte den Stoff für die Drehbuchfassung. Doch obwohl Chandlers vorherige Arbeiten zu großartigen Film Noirs wie Mord, mein Liebling oder Tote schlafen fest führte, fanden seine Scriptfassungen bei Hitchcock wenig Anklang, sodass Chandler der Auftrag letztlich entzogen wurde und nicht mehr nachvollziehbar ist, wie viel Chandler noch im Drehbuch steckt.

Unzweifelhaft schlagen sich hingegen Hitchcocks Lieblingsthemen nieder: Einmal mehr sinniert der Regisseur, wie schon zuvor in Cocktail für eine Leiche, über den perfekten Mord und erneut sieht sich ein Unschuldiger den Folgen eines Verbrechens ausgesetzt, das er auflösen muss, um sich selbst zu retten. Der eigentliche Täter, ein psychopathischer Mörder mit Mutterkomplex und Vaterhass, zählt zu den hinreißendsten Schurken des hitchcockschen Oeuvres. Mit seiner unberechenbaren Mischung aus vordergründiger Jovialität und gärenden geistigen Defiziten zieht er das Zuschauerinteresse magnetisch auf sich. Auch ein Verdienst des Darstellers Robert Walker, der leider kurz nach Beendigung der Dreharbeiten verstarb.

Die Dualität der beiden Figuren schafft Raum für die bei Hitchcock so beliebten süffisanten Anspielungen: Einerseits besteht zwischen den beiden Männern eine spürbare Anziehungskraft, die nach eigenem Gusto als homoerotisch interpretiert werden kann und sich durch ein reizvolles Spiel aus räumlicher Nähe und Trennung ausdrückt, andererseits lässt der Film auch den Schluss zu, es bestehe mehr als eine geistige Verwandtschaft. Unabhängig von der Frage, ob es sich um gar um eine einzige Person mit dissoziativer Persönlichkeitsspaltung handelt, gelingt es Hitchcock bravourös, auch uns Zuschauern in eine Beziehung zum Täter zu setzen und unseren Voyeurismus anzufachen.

In einer brillant inszenierten zentralen Sequenz von Der Fremde im Zug begleiten wir den Psychopathen auf einen Jahrmarkt, wo er mittels eines gekonnten, beinahe tänzerischen Spiels, ein vollkommen unsympathisches weibliches Opfer umschleicht. Hitchcock setzt nicht nur den Mord selbst großartig in Szene (er spiegelt sich in den Gläsern der auf den Boden gefallenen Brille der Frau), wir empfinden das Geschehen auch unwillkürlich positiv konnotiert – die betrügerische Schnepfe ist tot und dem Täter ein besonderes Schurkenstück geglückt.

Der Fremde im Zug hat zahlreiche weitere Highlights in petto und fesselt vor allem im letzten Drittel mit dem vielleicht spannendsten Tennismatch der Filmgeschichte, einem superb parallel montierten Missgeschick des Antagonisten und dem temporeichen Finale. Damit unterhält Hitchcocks Werk trotz einiger inhaltlicher Leerstellen durchgängig. Darüber hinaus überzeugt auch die visuelle Ebene des Films, Der Fremde im Zug zählt zu den eindrucksvollsten Schwarz-Weiß-Filmen Hitchcocks. Was zunächst noch an die Gestaltung des aufkommenden Film Noirs erinnert, geht eigentlich noch einen Schritt weiter und besinnt sich auf den Expressionismus deutscher Stummfilme, was sich insbesondere in den ungewöhnlichen Perspektiven widerspiegelt und auch Kameramann Robert Burks zuzuschreiben ist. Hitchcock und Burks bildeten in der Folge für insgesamt zwölf Filme eine konstruktive Arbeitsgemeinschaft.

Der Fremde im Zug mag nicht zu den bekanntesten Filmen des Master of Suspense zählen, er unterhält jedoch ganz vorzüglich mit sämtlichen Qualitäten, die der britische Meisterregisseur zu bieten hat.

Handlung:

Während einer Bahnfahrt wird dem Tennisspieler Guy Haines von dem exzentrischen Bruno Anthony ein makaberer Vorschlag gemacht: Mord auf Gegenseitigkeit. Bruno will Guys Ehefrau umbringen, dafür soll Guy Brunos strengen Vater beseitigen. Guy hält diesen teuflischen Vorschlag für einen schlechten Scherz, doch der unheimliche Fremde führt seinen Mordplan aus: Kurze Zeit später wird Guys Ehefrau ermordet aufgefunden. Nun wird Guy einerseits von der Polizei als Mörder verdächtigt, andererseits setzt ihn Bruno unter Druck. Denn nun liegt es an Guy, seinen Teil der Abmachung zu erfüllen…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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