Der Mann, der zweimal lebte
Ein Film von John Frankenheimer
Mit Der Mann, der zweimal lebte schloss John Frankenheimer seine Paranoia-Trilogie ab und formulierte eine Absage an den American Dream. Der Regisseur mixt B-Movie und europäischen Kunstfilm zu einer wilden, aber effektvollen Mischung, die inhaltlich konsequent und formal radikal daherkommt.
Filmkritik:
Der Mann, der zweimal lebte ist ein Film tiefgehender Verunsicherung, die schon evoziert wird, bevor wir in die Handlung einsteigen. Schon der Vorspann des legendären Saul Bass sorgt für Unbehagen: Er setzt Augen, Münder, Ohren in verzerrten Großaufnahmen in Szene und reduziert das menschliche Gesicht auf Einzelteile, die so singulär obszön wirken.
Der nicht minder legendäre Kameramann James Wong Howe schließt direkt daran an: Er begleitet den Protagonisten in kalten Schwarz-Weiß-Bildern durch das hektische Treiben in den Eingeweiden der New Yorker Grand Central Station. Obwohl die Auftaktsequenz mit versteckter Kamera inmitten des realen Alltags gedreht wurde, wirkt sie abstrakt: Die ungewöhnlich mobile Kamera nimmt obskure Blickwinkel auf Kniehöhe ein, das Weitwinkelobjektiv verzerrt die Perspektiven.
Der seinerzeit gewagte Beginn verdeutlicht, dass die Welt der Hauptfigur aus den Fugen geraten ist. Der leitende Bankangestellte Arthur Hamilton hat nämlich einen Anruf bekommen. Von Charlie, seinem besten Freund aus College-Tagen. Allerdings ist Charlie vor geraumer Zeit bei einem Unfall verstorben. Doch nun fragt der tote Charlie unsere Hauptfigur: „Was wäre, wenn du dein langweiliges Leben aufgeben und ganz neu anfangen könntest?“
Der Mann, der zweimal lebte ist der dritte Film einer losen Trilogie, in der John Frankenheimer die politischen und gesellschaftlichen Unsicherheiten der Sechziger Jahre verarbeitete. Botschafter der Angst (1962) thematisierte die abstrakte Furcht vor dem Kommunismus, Sieben Tage im Mai (1964) vor einem Staat im Staat. Zum Abschluss der Paranoia-Trilogie ging der Filmemacher noch einen Schritt weiter: Der Mann, der zweimal lebte stellt die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaftsordnung infrage.
Der American Way of Life verspricht: Tausche deine Tatkraft gegen Geld und gewinne damit dein individuelles Glück. Arthur Hamilton hat diesen Weg erfolgreich beschritten: Er hat Karriere gemacht, geheiratet, eine Tochter großgezogen. Doch seine innere Leere konnte das nicht füllen – der Kontakt zur Tochter ist abgerissen, von seiner Ehefrau hat er sich psychisch und physisch entfremdet. Geld und Karriere bleiben Mittel für einen undefinierbaren Zweck. Hamiltons Frau bringt die Kritik am amerikanischen Traum auf den Punkt:
„He fought so hard for what he’d been taught to wanted.“
Da kommt die mysteriöse Firma, die ein neues Leben verspricht, wie gerufen. Es ist ein Klischee aus Zeitreisefilmen: Fehler der Vergangenheit sollen mit einem Neustart korrigiert werden. Wobei es schon reichlich ironisch erscheint, dass Hamilton, der dem Versprechen des Kapitalismus schon einmal erlegen ist, nun auf das Werbeversprechen der geheimen, ganz und gar nicht vertrauenswürdigen Firma hereinfällt.
Der Mann, der zweimal lebte ist in seinem Kern ein B-Movie: Ein Mann geht einen Pakt mit einer Geheimorganisation ein und lässt seinen verbrauchten Körper gegen den eines jungen Adonis austauschen – eine Wiedergeburt, um fortan ein utopisches Leben zu führen. Trotz der reißerischen Idee erfordert Frankenheimers Film Geduld, allein schon wegen der seltsamen Struktur der Handlung.
Auf die intensive Exposition folgen eine kalte Einsamkeitsstudie, die Wiedergeburt des Protagonisten, psychedelischen Exzesse und schließlich Absturz und Ausnüchterung. Mit diesem diffusen Plot und den wechselhaften Stimmungen erzählt Der Mann, der zweimal lebte weder kohärent noch übermäßig spannend; vielmehr fühlt er sich wie ein besonders exotischer Autounfall in Zeitlupe an.
Dabei verleitet uns Frankenheimer nicht durch erzählerische, sondern durch inszenatorische Reize zum Gaffen: Der junge Regisseur bewies seine Liebe für das europäische Autorenkino mit einem seinerzeit radikalen Stil, der die Filmwelt kalt und abstrakt wirken lässt. Technisch anspruchsvolle Plansequenzen bauen eine Sogwirkung auf; Weitwinkelobjektive und unorthodoxe Perspektiven verzerren das Geschehen, unerwartete Schnitte setzen störende Akzente. Kanalisiert wird all das durch eine Vielzahl von Point of View-Shots, die das subjektive Erleben des Protagonisten auf uns übertragen.
Der bemerkenswerte Stil und der allgemeingültige Inhalt eröffnen ein weites Feld von filmischen Bezügen: Von Orson Welles‘ Kafka-Verfilmung Der Prozess über Hiroshi Teshigaharas im selben Jahr produzierten Horrorfilmessay The Face of Another, der ebenfalls eine Identitätskrise abstrahiert.
Der Kreis schließt sich mit Michelangelo Antonionis Meisterwerk Beruf: Reporter, in dem der Protagonist seine Identität wechselt und daran verzweifelt, er selbst zu bleiben. Zuletzt dürfte Der Mann, der zweimal lebte einen starken Einfluss auf Darren Aronofksys Pi ausgeübt haben; Frankenheimers Stilmittel erwiesen sich auch drei Jahrzehnte später noch als wirkungsvoll.
Eine besondere Erwähnung wert ist Rock Hudson, der hier gegen den Strich gecastet wurde und eine der besten Leistungen seiner Karriere abliefert. Es ist so tragisch wie passend, dass der auf Rollen als Frauenschwarm abonnierte Hauptdarsteller seine Homosexualität nie öffentlich ausleben konnte und dementsprechend wusste, wie sich mehrere Identitäten und die daraus erwachsenen Teufelskreise anfühlen. Hudsons glaubwürdige Darstellung verschafft dem Film die benötigte Erdung.
Seinerzeit ein Flop an den Kinokassen, entwickelte sich Der Mann, der zweimal lebte im Lauf der Zeit zum Kultfilm. Frankenheimers Werk mag nicht rundum gelungen sein, doch gerade die Unausgewogenheit, seine Ecken und Kanten, machen den Film zu einer lohnenden Erfahrung, die weit über den Abspann hinaus beschäftigt.
★★★★☆☆
1960 – 1969
Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.
Drama
Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

