Point Blank

Ein Film von John Boorman

Genre: Thriller

 | Strömung: New Hollywood

 | Erscheinungsjahr: 1967

 | Jahrzehnt: 1960 - 1969

 | Produktionsland: USA

 

Point Blank öffnete die Tradition des amerikanischen Genrekinos für den durch die Nouvelle Vague induzierten Zeitenwandel: John Boormans kunstvolle Dekonstruktion eines eigentlich rohen Thrillers ist ein frühes Meisterwerk der New Hollywood-Ära.

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Filmkritik:

Der Film basiert auf dem von Donald E. Westlake unter Pseudonym verfassten Roman The Hunter und schickt seinen Protagonisten auf einen Rachefeldzug: Bei einem Überfall auf der Gefängnisinsel Alcatraz wird der Mann namens Walker von seinem besten Freund und seiner Frau betrogen und zum Sterben zurückgelassen. Nach seiner Genesung will der Antiheld zumindest seinen Anteil an der Beute zurück und arbeitet sich durch die Nahrungskette eines Verbrechersyndikats, um jemanden zu finden, der die Schuld begleichen kann.

Der hartgesottene Profidieb Walker bevölkert inzwischen 24 Romane, die sich durch einen präzisen, ungeschminkten Stil auszeichnen. Boormans Adaption folgt der Vorlage und reduziert das Genre auf seine essenziellsten Motive. Der Plot von Point Blank erweist sich als derart rudimentär, dass er beinahe comichaft wirkt.

Das Drehbuch kennt keine wichtigen Nebenfiguren, keine Nebenhandlungen oder gar ironische Brüche. Es lässt Lee Marvins Protagonisten wie einen Panzer durch den Film walzen, immer geradeaus und mit dem Kopf durch die Wand. Walker sucht stets eine Zielperson und wiederholt fortwährend denselben Satz, bevor er sie bedroht, verprügelt oder erschießt:

„I want my money!“

Unter gewöhnlichen Umständen wäre dies ein todsicheres Rezept für jene Dutzendware, die ein Jahrzehnt später Charles Bronson oder Sylvester Stallone eine Heimat geben sollte; doch Point Blank entstand 1967, im bemerkenswertesten Jahr der amerikanischen Kinogeschichte, das den Beginn des New Hollywood-Kinos markiert.

Die Strömung ließ sich damals noch nicht formulieren, doch sie lag bereits in der Luft und manifestierte sich in drei Filmen. Zwei davon feierten einen enormen Erfolg und zählen inzwischen zum Kanon des Kinos: Die Reifeprüfung und Bonnie & Clyde nutzten gewagte Themen und ausgefallene Stilmittel, um die gesellschaftliche Ordnung anzugreifen. Sie sorgten für Kontroversen und befeuerten durch ihren Erfolg eine künstlerische Erneuerung Hollywoods.

Point Blank ist als dritter im Bunde deutlich weniger bekannt; es handelt sich eben um einen Genrefilm ohne Bezug zum Leben außerhalb der Leinwand. Darin liegt allerdings auch die Stärke von Boormans Werk: Wo die vorgenannten Filme mit ihrer Vieldeutigkeit brillieren, erweist sich Point Blank mit seiner angestrebten Eindeutigkeit als purer – er verkörpert ein zeitloses Kino, das ganz auf sich selbst fokussiert ist und damit dem Wunschbild der Nouvelle Vague entspricht.

Das wichtigste Anliegen der französischen Strömung war es, dem Medium Film eine eigene Sprache zu verleihen, anstatt wie im altmodischen Erzählkino lediglich den Drehbuchtext zu bebildern – die Erzählung sollte nicht in den Dialogen verankert, sondern visuell veranlagt sein. Point Blank erfüllt dieses Ideal wie kein anderer amerikanischer Film seiner Zeit: Mithilfe einer Vielzahl von Stilmitteln transformiert er einen simplen Text zu einer komplexen Filmerfahrung.

Boormans geniale Filmsprache arbeitet bisweilen direkt gegen die Narration, reißt sie in Stücke und setzt die Einzelteile collagenhaft zusammen. Dabei kommt dem Schnitt eine besondere Bedeutung zu: Boorman nutzt eine assoziative Montage, um das aktuelle Geschehen mit anderen, nicht sichtbaren Zeit- und Bedeutungsebenen zu verbinden.

So erzählt Point Blank die Vorgeschichte vom Betrug an Walker in einer vierminütigen Exposition, die gleich drei Zeitebenen miteinander kollidieren lässt, wobei die Bilder und Tonspuren einander überlappen, doppeln und zersetzen. Boormans eleganter Kniff komprimiert die Vorgeschichte auf das absolut Notwendige und etabliert durch den delirierenden Stil zugleich die grundlegende Stimmung für den Rest der Spielzeit.

Szenen wie diese verdeutlichen, dass die Gegenwart des Films immer auch die Summe der Vergangenheit bildet; immer wieder blitzt sie auf, in wenige Sekunden kurzen Flashbacks, als Artefakt auf der Tonspur oder in tranceartigen Zeitlupen. Diese narrativen Ellipsen sind nicht nur ungemein effektvoll inszeniert, sie entrücken das Geschehen, filtern es durch die Wahrnehmung des Antihelden, dessen Trauma in seinem Tun rekurriert.

You died at Alcatraz!“ wirft ihm eine Frau vor, weil der ohnehin abgebrühte Gangster nun vollends zum Psychopathen mutiert und keine menschlichen Regungen mehr kennt. Walkers hard boiled attitude kennzeichnet Point Blank als Neo-Noir, der die Abstraktion späterer Vertreter wie Driver oder Drive vorwegnahm. Die Figuren reden wie Roboter und scheinen keine Persönlichkeit zu besitzen. Sie bewegen sich durch eine Großstadt, die wie ein abstraktes Betonlabyrinth und nicht wie ein sozialer Lebensraum anmutet.

You died at Alcatraz!“ – wir können dieses Zitat aber auch wörtlich nehmen und den Film als Todestraum lesen. Tatsächlich zeigt uns Point Blank noch im Intro, wie Walker im Stacheldrahtzaun des Gefängnisses hängt. Doch es handelt sich um ein Standbild und somit bleibt unauflösbar, ob der schwer verletzte Protagonist bei der Überwindung des Hindernisses oder im Moment seines Todes eingefangen wird.

Führen wir den Gedanken fort, fügen sich viele Details des Films wunderbar zusammen: In der fragmentierten Narration, dem Mäandern von Bild und Ton, den artifiziellen Schauplätzen, irrealen Dialogen und roboterhaften Figuren manifestiert sich für uns die kollabierende Gedankenwelt eines Sterbenden. Doch Point Blank legt sich auf keine Version fest und vergnügt sich mit dem mehrdeutigen Schwebezustand, anstatt sich möglichst clever zu geben.

Ob Todestraum oder rassiger Neo-Noir – beiden ist eine artifizielle Filmwelt gemein, deren Eindruck Boorman zu steigern versteht. Schon in seinem ersten Farbfilm beweist der Regisseur ein Gespür für dessen Möglichkeiten und entwickelt eine expressive Farbgebung. Die Dekors und die Kostüme formen ein gemeinsames Schema, das im Lauf des Films von gelb und grün zu orange und rot wechselt. Bisweilen ließ Boorman Teile der Sets spontan übermalen, um den Look abzurunden.

Alles andere als rund kommt hingegen der überaus kantige Lee Marvin als Hauptdarsteller daher, der hier ganz Körper ist und mit seiner Präsenz imponiert. Obwohl Walker kaum Emotionen zeigt, mutiert seine Figur nie zum Terminator. In Marvins Darstellung kommt eine immense Energie zum Tragen, die nur unzureichend hinter den Knöpfen des Maßanzuges eingesperrt ist und jederzeit herauszubrechen droht.

Marvin, der aufgrund seines Einflusses bei den Produzenten auch künstlerisch stark eingebunden war und das nutzte, um Boorman mehr Freiheiten zu verschaffen, unterfüttert die Rohheit seiner Figur aber auch mit einer latenten Verletzlichkeit. Die äußert sich immer mal wieder in einem ratlosen Innehalten und einer zunehmenden Müdigkeit; einzig die manischen Gewaltausbrüche scheinen Walker am Laufen zu halten. Auch dank solcher Nuancen zählt er zu den bemerkenswertesten Gangstern der Kinogeschichte und neben Michael Caines Carter aus Get Carter zu den eindrucksvollsten Psychopathen unter ihnen.

Der Vollständigkeit halber darf auch Porter nicht unerwähnt bleiben, der von Mel Gibson in Payback gespielt wird. Brian Helgelands Thriller ist eine zweite Adaption der Romanvorlage von Point Blank und durchaus einen Blick wert; sie beweist in ihrer angestrengten Coolness aber zuallererst, wie genial  das „Original“ ist.

Im Gegensatz zur Neuverfilmung erlaubt Boormans Werk seinem Protagonisten keine Katharsis, Point Blank behält seine Mehrdeutigkeit bis zum Ende bei. Es bleibt zu hoffen, dass Walker trotzdem seinen Frieden gefunden hat, irgendwo in den Betonschluchten einer Großstadt oder im Stacheldraht auf Alcatraz.

★★★★★★

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