Singapore Sling lädt auf ein abseitiges Filmerlebnis ein und bietet einen wilden Ritt durch die Versatzstücke der Kinogenres. Regisseur Nikos Nikolaidis arrangiert eine unheilige Ehe aus Trash- und Kunstfilm, kleidet das Brautpaar in ein Kostüm aus Horror- und Krimi-Elementen und liest die Messe nach Art des Film Noir.

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Filmkritik:

Die Tour de Force spielt ausschließlich in einer abgelegenen Villa, in die es einen namenlosen Privatdetektiv verschlägt. Die Suche nach einer vermissten Frau hat ihn hierher geführt, angeschossen, halb tot. Ein seltsames Mutter-Tochter-Gespann nimmt den Verletzten zur Pflege auf – gefesselt, denn die sexuelle Ausbeutung von Gästen steht bei den Damen hoch im Kurs. Die Folter-, Sex- und Fressgelage treiben den Detektiv an den Rand des Wahnsinns.

Aufgrund der starken Bezüge zum Film Noir lohnt sich ein Blick auf die Strömung, die drei Phasen durchlief. Aus gediegenen Studio-Krimis wie Die Spur des Falken erwuchsen bald schon rüde Großstadtthriller, die im Lauf der Zeit regelrecht mutierten. Späte Vertreter wie Rattennest, Heißes Eisen oder Polizei greift ein besitzen keine konventionellen Figuren mehr, sondern werden von manischen Cops, neurotische Furien und sexuell gestörte Psychopathen bevölkert.

Singapore Sling führt diese Entwicklung zu ihrem Endpunkt und fühlt sich an, als wäre der Film Noir weitere 30 Jahre unkontrolliert vor sich hin gegoren. Das Ergebnis ist so abstoßend wie faszinierend. Das stimmungsvolle Schwarz-Weiß im altmodischen 4:3-Format zieht uns förmlich in die so dekadente wie heruntergekommene Villa.

Was hier geschieht, lässt sich nie vorhersehen, denn um die psychische Gesundheit der beiden Bewohnerinnen ist es nicht gut bestellt. Aus Misshandlung und Kindheitstraumata ist ein nymphomanischer Wahnsinn erwachsen, der uns regelmäßig mit verstörenden Fetischen und diversen Körperflüssigkeiten konfrontiert.

Folglich definiert sich Singapore Sling mehr über seine wahnwitzige Atmosphäre als über eine ausformulierte Geschichte, die nur in kurzen Handlungsfetzen angerissen wird und dabei stark mit dem Film Noir Laura spielt. Nikolaidis zitiert den Klassiker von Otto Preminger visuell und nimmt in Dialogen Bezug auf ihn; wie im Vorbild gibt es auch in Singapore Sling eine diffuse Beziehung zwischen dem Detektiv und einer Frau namens Laura, die verschwunden und mutmaßlich tot ist.

Nikos Nikolaidis eröffnet zwar einige Rätsel, die Mechanismen eines Kriminalfilms bedient Singapore Sling jedoch nicht. Er interessiert sich nicht für Ermittlungsergebnisse, sondern nutzt das Sujet nur als Folie. Am ehesten lässt sich der Film als Midnight Movie beschreiben, das die Maßstäbe des Kinos sprengt.

Nikolaidis‘ Werk ist vulgärer Trash und schicker Kunstfilm in einem, kokettiert mit seiner Skandalfilmattitüde und stellt seine B-Movie-Haftigkeit selbstbewusst heraus. Hinzu kommt eine breit gefasste Intertextualität, die sich über expressionistische Stummfilme, den Film Noir bis hin zu Laurel & Hardy erstreckt. Eine ähnliche Mischung kenne ich nur aus den exzentrischen Arbeiten von Guy Maddin (Brand Upon The Brain! und Keyhole).

Als postmoderner Film bezieht Singapore Sling auch uns Zuschauer mit ein: Seine Figuren durchbrechen die vierte Wand und sprechen zu uns, ähnlich wie später auch Michael Hanekes Versuchsanordnung Funny Games stellt er seine Stilmittel ironisch zur Schau.

In seinen besten Momenten gelingt Singapore Sling eine tolle Mischung. Etwa in einer bemerkenswerten Sexszene zwischen Mutter, Tochter und Detektiv, die dank einer ständig den Besitzer wechselnden Pistole Spannung erzeugt, in ihrer Absurdität aber auch hochgradig amüsant ist; außerdem bringen die unklaren Machtverhältnisse das Spannungsfeld zwischen Eros und Thanatos wunderbar auf den Punkt.

Derartige, mal angenehme und mal weniger angenehme Sensationen implementiert Nikolaidis am laufenden Band. Doch Singapore Sling läuft keine 80 und auch keine 90 Minuten, sondern kommt auf eine stattliche Spielzeit von zwei Stunden, und so mitreißend die anarchische Fabulierwut des Regisseurs auch ist, haben wir uns irgendwann sattgesehen.

Diese unerfreuliche Konditionierung setzt ein, weil der Film nur einen Modus kennt und das Geschehen stets so direkt wie möglich ausformuliert. Für den maximalen Effekt opfert er Zwischentöne, psychologische Spannung und Figurentiefe, was den Film zum repetitiven Oberflächenkino degradiert.

Er findet ausschließlich auf der Leinwand statt, aber nicht in unseren Köpfen. Damit geht Singapore Sling jenes Merkmal ab, das ähnlich kontroversen Werken wie David Cronenbergs Crash ihre Wiederschaubarkeit verleiht und überragenden Noirs wie Frau ohne Gewissen ihre Klasse gibt.

Daher bleibt am Ende die ganz große Befriedigung aus, Singapore Sling hinterlässt insgesamt einen zwiespältigen Eindruck. Doch das liegt eben auch in der Natur seiner Unangepasstheit, das Konzept funktioniert nur ohne Kompromisse. Konventionellen Bewertungen entzieht sich der Film ohnehin; Singapore Sling bietet aufgeschlossenen Filmfans unzweifelhaft ein besonderes Erlebnis.

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Das Horrorgenre gibt uns die Möglichkeit, Schreckensszenarien durchzuspielen und damit Stress aus unserem Unterbewusstsein abzuleiten. Der Horrorfilm bedroht immer die Normalität – sei es durch Geister, Monster oder Serienkiller. In der Regel bestrafen die Antagonisten die Verfehlungen von Sündern, inzwischen verarbeiten postmoderne Horrorfilme diese Motive jedoch auch ironisch und verbreitern damit die ursprünglichen Sujets des Genres.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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