Die Nouvelle Vague

Ein Überblick über die Erneuerungsbewegung, die das moderne Kino schuf

Die Nouvelle Vague

Ein Überblick über die Erneuerungsbewegung, die das moderne Kino schuf

Einführung

Die Nouvelle Vague markiert die Geburtsstunde des modernen Kinos. Ende der Fünfziger Jahre initiierte eine Generation junger Regisseure eine Erneuerungsbewegung, die mit Traditionen brach. Die Filmemacher dachten das Medium Film neu: Sie sicherten sich die künstlerische Kontrolle und erneuerten Genres durch postmoderne Tendenzen und einen Hang zur Popkultur. Die Vitalität der Nouvelle Vague verbreitete sich auf der ganzen Welt – nach dem Prinzip der französischen Strömung folgten Neue Wellen in Japan, Osteuropa, Deutschland und den Vereinigten Staaten.

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Worum geht es bei der Nouvelle Vague?

Autoren- statt Produzentenkino

Filmszene aus Cléo - Mittwoch zwischen 5 und 7

Die Nouvelle Vague ging auf Distanz zum klassischen Studiokino, dessen Filme der Macht der Produzenten unterlagen und als industrielle Auftragsarbeiten abgewickelt wurden.

Die französische Strömung übertrug hingegen dem Regisseur die volle künstlerische Kontrolle. Als maßgeblicher Autor konnte dieser persönliche Filme mit Wiedererkennungswert drehen. Die Grundlage für dieses Konzept lieferte François Truffauts Autorentheorie, die weiter unten ausführlich beschrieben wird.

Kino statt bebilderter Literatur

Filmszene aus Alphaville - Lemmy Caution gegen Alpha 60

Das Kino vor der Nouvelle Vague lässt sich als literarisch beschreiben – Filme bedienten sich derselben erzählerischen Muster wie Romane. Nicht von ungefähr dient das Drehbuch als Grundlage einer Filmproduktion.

Mit dieser visuell nacherzählten Literatur gaben sich die Vertreter der Nouvelle Vague nicht länger zufrieden. Das Medium Film sollte keine Buch-Geschichten, sondern dezidierte Geschichten des Kinos erzählen. Um die Macht des Literarischen zu brechen, strebten die Regisseure nach neuen narrativen und inszenatorischen Ausdrucksformen für ihre Inhalte.

Selbstreflexive Filme und Postmoderne

Filmszene aus Fahrstuhl zum Schafott

Die Filmemacher der Nouvelle Vague arbeiteten daran, dem Medium Film ein selbstbewussteres Image zu verleihen. Folgerichtig mussten die Filme stärker auf ihre Einzigartigkeit verweisen – und damit auf sich selbst.

Und so richten sich die Filme direkt an uns Zuschauer: In Godards Außer Atem spricht Jean-Paul Belmondo in die Kamera, in Eine Frau ist eine Frau denken die Figuren lautstark darüber nach, ob sie „eine Komödie oder eine Tragödie“ spielen.

Zu diesen selbstreflexiven Bezügen gesellen sich postmoderne Ansätze: Gängige Plotelemente und Figurentypen werden auf den Kopf gestellt, erzählerische Muster durch comichafte Übertreibungen und verschmitzte Ironie gebrochen.

Ein guter Einstieg

Neugierig geworden? Probiere es mit folgendem Einstiegsfilm:

Einstiegsfilm: Außer Atem

Filmszene aus Außer Atem

Außer Atem zählt unzweifelhaft zu den einflussreichsten Werken der Kinogeschichte – und vielleicht auch zu den coolsten.

Jean-Luc Godards selbstreferenzielles Spiel mit seinen US-Vorbildern und die Maßstäbe setzenden Jump-Cuts überzeugen ebenso wie die Darsteller. Jean-Paul Belmondo als Möchtegern-Bogart und die zauberhafte Jean Seberg bilden ein tolles Gespann.

Die besten Filme der Nouvelle Vague

Filmkritiken zu den aktuell am besten bewerteten Filmen der Strömung

LETZTES JAHR IN MARIENBAD

AUẞER ATEM

PARIS GEHÖRT UNS

DIE VERACHTUNG

HIROSHIMA, MON AMOUR

GLÜCK AUS DEM BLICKWINKEL DES MANNES

Die Autorentheorie –

das Herzstück der Nouvelle Vague

Regisseur François Truffaut

1952 schrieb der junge François Truffaut einen 14-seitigen Artikel in der Filmzeitschrift Cahiers du cinema. Unter dem Titel Eine gewisse Tendenz im französischen Film kritisierte Truffaut die zunehmende Industrialisierung des Kinos.

Aus seiner Sicht fertigten übermächtige Produzenten oberflächliche Massenware – zig Drehbuchautoren fügen Versatzstücke zusammen, ein als Auftragshandwerker engagierter Regisseur dreht die Vorlage brav ab.

Filmszene aus Eine verheiratete Frau

Dieses produzentengetriebene cinéma de papa lehnte Truffaut ab. Die künstlerische Weiterentwicklung des Kinos stagnierte, weil die Studios Werke ohne Ecken und Kanten produzierten, um den Profit zu maximieren. Truffaut monierte, diese Monotonie entfremde den Kinogänger vom Film.

Truffaut verehrte einige wenige Regisseure, die aus dem Einerlei hervorstachen. Filmemacher wie Alfred Hitchcock entwickelten eine eigene Handschrift und trotzten damit gewissermaßen dem Diktat der Studios und Drehbuchautoren. Trotz deren Einfluss blieb Hitchcocks persönliche Note im Endprodukt enthalten. Nicht mehr das Drehbuch, sondern dessen Inszenierung rückte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Filmszene aus Die Geschichte der Nana S.

Daraus schlussfolgerte Truffaut, ein moderner Film dürfe nicht länger ein unpersönliches Produkt vieler Beteiligter sein, sondern müsse einem maßgeblichen Autor unterstehen. Ein Regisseur sollte die volle inhaltliche und künstlerische Kontrolle erhalten, um eine persönliche Vision umsetzen zu können.

Diese Sichtweise wurde kontrovers diskutiert. Als Autorentheorie wurde sie vielfach angenommen und umgesetzt. Fortan bezeichneten sich viele Regisseure als Autorenfilmer. Wo früher Studios und Stars die Aushängeschilder der Kinobranche waren, erarbeiteten sich die Regisseure nun ebenfalls einen Ruf und stiegen zur Marke auf.

Die Vorbilder der Nouvelle Vague

Um die Regisseure der Nouvelle Vague besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf ihre Vorbilder.

Im französischen Kino dienten die Filme von Jean Renoir und Robert Bresson als positive Beispiele. Die Regisseure der Nouvelle Vague bewunderten aber vor allem jene Kollegen, die sich innerhalb des mächtigen amerikanischen Studiosystems bewahren konnten. Das gelang Orson Welles, John Ford und den folgenden Regisseuren:

Zwei Ufer, zwei Gruppierungen

Die zwei Gruppierungen

Filmszene aus Paris gehört uns
Die Nouvelle Vague vermittelt auf den ersten Blick das Bild einer homogenen Strömung, doch dieser Eindruck trifft nicht ganz zu. Die meisten Schöpfer der neuen Welle lassen sich einem von zwei verschiedenen Lagern zuordnen. Die beiden Gruppen setzten durchaus unterschiedliche Schwerpunkte.

Die Truppe der Cahiers du cinéma

Regisseur Jean-Luc Godard

Die Redakteure der Filmzeitschrift Cahiers du cinéma werden gemeinhin als Mittelpunkt der Nouvelle Vague wahrgenommen. Tatsächlich legte Chefredakteur André Bazin die theoretischen Grundlagen und kann als geistiger Vater der Strömung angesehen werden.

Die Filmkritiker der Cahiers brachten die Neue Welle ins Rollen. Die Debütfilme von Claude Chabrol, François Truffaut und Jean-Luc Godard interpretierten gewöhnliche Kinostoffe auf eine völlig neue Weise. Die Redakteure Jacques Rivette und Eric Rohmer taten es ihnen nach.

Die Rive Gauche-Bewegung

Regisseurin Agnès Varda

Zeitgleich formierte sich eine zweite Clique: Die lose Gemeinschaft des Rive Gauche – des linken Flussufers – setzte sich andere Ziele. Anstatt das bestehende Kino auf neue Art zu interpretieren, strebten Filmemacher wie Alain Resnais, Agnès Varda oder Chris Marker an, das Kino gleich ganz neu zu denken.

Die Rive Gauche-Truppe, zu der auch Louis Malle, William Klein, Jacques Demy und Jean Eustache gerechnet werden, arbeitete experimenteller als die Regisseure der Cahiers du cinéma. Sie testeten Erzählformen und setzen gesellschaftskritische und politische Schwerpunkte, wo Godard und Co. noch ihren Vorbildern nacheiferten und konventioneller filmten.

Die nachfolgenden Wellen

Der Einfluss der französischen Strömung ist immens:

Die radikalen Neuerungen der Nouvelle Vague erzeugten ein weltweites Echo. Die jungen Filmschaffenden begeisterten sich für die gestalterischen Freiheiten und die Studios für die finanziellen Rahmenbedingungen. Es dauerte also nicht lange, bis ähnliche Strömungen in anderen Ländern aufkamen:

Die wichtigsten Filme der Nouvelle Vague

1958 – Die Enttäuschten (Claude Chabrol)

1958 – Fahrstuhl zum Schafott (Louis Malle)

1959 – Hiroshima, mon amour (Alain Resnais)

1959 – Sie küssten und sie schlugen ihn (François Truffaut)

1960 – Außer Atem (Jean-Luc Godard)

1960 – Schießen Sie auf den Pianisten (François Truffaut)

1961 – Letztes Jahr in Marienbad (Alain Resnais)

1961 – Paris gehört uns (Jacques Rivette)

1962 – Die Geschichte der Nana S. (Jean-Luc Godard)

1962 – Jules und Jim (François Truffaut)

1962 – Mittwoch zwischen 5 und 7 (Agnès Varda)

1963 – Die Verachtung (Jean-Luc Godard)

1964 – Die Außenseiterbande (Jean-Luc Godard)

1964 – Eine verheiratete Frau (Jean-Luc Godard)

1964 – Die Regenschirme von Cherbourg (Jacques Demy)

1965 – Elf Uhr nachts (Jean-Luc Godard)

1965 – Glück aus dem Blickwinkel des Mannes (Agnès Varda)

1967 – Weekend (Jean-Luc Godard)

1967 – Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß (Jean-Luc Godard)

Zeige deinen Freunden, wie besonders die Nouvelle Vague ist:

ALLE WERKE DER NOUVELLE VAGUE IM FILMFINDER

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ANDERE STRÖMUNGEN DER KINOGESCHICHTE

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Strömung: Nouvelle Vague

Maskulin – Feminin

Maskulin – Feminin war das erste Werk von Jean-Luc Godard, das dieser nach dem Abschluss der von ihm selbst als „romantisch“ bezeichnete Schaffensphase drehte. Auf seinen bemerkenswerten Farbfilm Elf Uhr nachts folgte wieder einmal gänzlich Gegenteiliges: Erneut drehte der [weiterlesen]

Maskulin – Feminin

Elf Uhr nachts

Fünf Jahre nach seinem fulminanten Debüt drehte der Autorenfilmer Jean-Luc Godard mit Elf Uhr nachts bereits sein zehntes Werk. Im Stile eines Road Movies führt Godard sein Publikum durch zahllose comichaft überspitzte Genres und gab später an, mit diesem [weiterlesen]

Elf Uhr nachts

Eine verheiratete Frau

Nachdem Jean-Luc Godard mit Die Verachtung einen überaus gelungenen, aber untypischen Film drehte, kehrte er mit Eine verheiratete Frau wieder in sein gewohntes Arbeitsfeld zurück: Wie schon mehrmals zuvor steht eine Frau im Mittelpunkt einer nur sporadisch formulierten Handlung, [weiterlesen]

Eine verheiratete Frau

Die Verachtung

Die Verachtung ist ein Film der Dissonanzen und Zwischentöne. Doch obwohl dem Klassiker von Jean-Luc Godard nachgesagt wird, er sei verschlossen und beliebig zugleich, wohnt ihm eine seltsame Spannung inne, die ihn bei jedem Schauen noch so unergründlich wie [weiterlesen]

Die Verachtung

Die Karabinieri

Die Karabinieri zählt zu den unbekannteren Werken von Jean-Luc Godard, hat es jedoch in vielerlei Hinsicht in sich: Es ist der einzige Antikriegsfilm der Nouvelle Vague und verdeutlicht die Abkehr des Franzosen von seinem beschwingten Frühwerk. Mit diesem hat [weiterlesen]

Die Karabinieri

Die Geschichte der Nana S.

Mit Die Geschichte der Nana S. setzte Jean-Luc Godard im Vergleich zu seinem vorherigen Werk, dem bunten, komödiantischen Eine Frau ist eine Frau, auf totales Kontrastprogramm und inszenierte eine düstere Passionsgeschichte, wie sie im französischen Kino durchaus Tradition hat. [weiterlesen]

Die Geschichte der Nana S.

Eine Frau ist eine Frau

In seinem dritten Werk Eine Frau ist eine Frau wagte Jean-Luc Godard etwas Neues und drehte erstmals in Farbe und Cinemascope. Wieder schrieb sich der Franzose die Dekonstruktion eines Genres auf die Fahnen und liefert hier eine eigene Version [weiterlesen]

Eine Frau ist eine Frau

Außer Atem

Direkt mit seinem ersten Film Außer Atem revolutionierte Jean-Luc Godard das Kino und setzte den Impuls für eine ganze Flut von kreativen französischen Filmen, die später als Nouvelle Vague zusammengefasst werden würde. [weiterlesen]

Außer Atem

Die Außenseiterbande

Die Außenseiterbande zählt zu den essenziellsten und archetypischsten Werke der Nouvelle Vague und bildet überdies einen guten Einstiegspunkt in das Schaffen Jean-Luc Godards. Im Gegensatz zu späteren Werken schildert der Franzose seine Handlung hier noch relativ konventionell und zusammenhängend [weiterlesen]

Die Außenseiterbande

Der kleine Soldat

Nach seinem großen Erfolg Außer Atem inszenierte Jean-Luc Godard sein zweites Werk Der kleine Soldat als postmoderne Melange aus Politthriller und Essayfilm und sorgt damit für ein wechselhaftes Seherlebnis. Während die ersten zwei Drittel ein recht trockenes Voice-Over und spröde [weiterlesen]

Der kleine Soldat