Die 30 besten Filme

von 1990 bis 1999

Waren die Achtziger Jahre dank der VHS noch das Jahrzehnt des Home Entertainments, sollten die Neunziger Jahre auch durch das Aufkommen des Internets das Jahrzehnt von Popkultur und Postmoderne werden.

Filmforen und Websites boten vielfältige Möglichkeiten, sich mit Filmthemen zu beschäftigen und einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Dieser konnte durch den wachsenden Heimkinomarkt leichter als zuvor befriedigt werden. Dabei differenzierte sich die Filmlandschaft weiter aus: Blockbuster, Independent- und Autorenfilm existierten nebeneinander und gingen zunehmend ineinander auf.

Bestenlisten verkünden keine objektiven Wahrheiten, sie sind per se subjektiv und imperfekt. Die hier aufgeführten persönlichen Favoriten sollten daher als inspirierende Ergänzung zu eigenen Lieblingsfilmen verstanden werden.

Honorable Mentions

Bestenlisten leiden unter chronischem Platzmangel, viele sehenswerte Filme finden keine Berücksichtigung. Sie sollen jedoch zumindest erwähnt werden:

Wenn viele gleichrangige Filme auf der Kippe stehen, streiche ich bisweilen die Vertreter mit dem größten Bekanntheitsgrad, um die weniger populären Werke ins Rampenlicht zu rücken, die nicht schon auf jeder anderen Bestenliste zu den Neunziger Jahren stehen.

Fehlen Martin Scorseses Großtaten Casino und GoodFellas hier? Absolut. Doch die dürften den meisten Lesern ebenso bekannt sein wie Léon – Der Profi, Das Schweigen der Lämmer, Heat, Die üblichen Verdächtigen oder den beliebtesten Film der Welt, Die Verurteilten. Auch Paul Thomas Andersons Magnolia und Boogie Nights konnte ich nicht mehr unterbringen.

Das sind allesamt tolle, für die Neunziger Jahre emblematische Werke, aber einen Bekanntheitsschub benötigen sie nicht. Lieber hätte ich einer ganzen Reihe von kleineren amerikanischen Filme intergriert: Den aus dem Verkehr gezogenen The Wire-Vorgänger City of Hope etwa, die grandiose Satire Election, das kontroverse Copdrama Bad Lieutenant oder den eindringlichen Independentfilm Clean, Shaven.

Apropos Low-Budget und Independent: Der 1999er Sommerhit Blair Witch Project landete genauso auf dem fiktiven 31. Platz wie Darren Aronofskys wirkungsvoller Debütfilm Pi und der erste Film des jungen Quentin Tarantino, Reservoir Dogs.

Weitere empfehlenswerte US-Filme sind die Theaterkomödie Noises Off!, Clint Eastwoods Western Erbarmungslos sowie Walter Hills Yojimbo-Remake Last Man Standing. Auch die Science-Fiction-Filme 12 Monkeys und Dark City sollen erwähnt sein. Aus dem fantastischen Sektor blieb leider kein Platz mehr für Interview mit einem Vampir, The Sixth Sense oder From Dusk Till Dawn.

Wenden wir uns nun dem europäischen Kino zu und starten mit ganz hartem Tobak: Der polnische Thriller Die Schuld, das dänische Drama Bleeder und Michael Hanekes österreichische Medienkritik Funny Games bleiben nachhaltig im Gedächtnis. Das gilt auch für Alexej Balabanow russischen Gangsterfilm Bruder und Gaspar Noés erschütternden Debütfilm Menschenfeind.

Wenn wir schon in Frankreich sind, können auch noch das mitreißende Banlieu-Drama Hass und die skurrile Komödie Delicatessen erwähnt werden, sowie der französisch-italienische Mysterykrimi Eine reine Formalität.

Schließen wir die europäische Aufzählung ab: Mit dem tristen Coming-of-Age-Drama Ratcatcher, der beschwingten Tragikomödie Peter’s Friends, dem schwedischen Kleinod Raus aus Åmål sowie der schmissigen deutschen Satire Das schreckliche Mädchen.

Auch eine ganze Reihe asiatischer Werke hat eine Platzierung nur knapp verpasst. Dazu zählen die chinesischen Dramen Leben!, Rote Laterne und Der blaue Drachen, aus Hongkong ist Wong Kar-Wais Chungking Express zu nennen, aus Taiwan sollen Vive l’Amour, Ein Sommer zum Verlieben und Das Hochzeitsbankett zumindest erwähnt werden.

Nach vielen schwierigen Entscheidungen blieben am Ende 30 grandiose Werke übrig – kommen wir nun zu den 30 besten Filmen von 1990 bis 1999:

Filmszene aus Hard Boiled

Platz 30

Hard Boiled

John Woo | 1992 | Hongkong

Mit Hard Boiled krönte John Woo seine Arbeit als Actionregisseur und verabschiedete sich mit dem größtmöglichen Knall aus Hongkong. Sein Film ist mit Chow Yun-Fat, Tony Leung und Anthony Wong erstklassig besetzt und belässt es inhaltlich beim Genre-Standard. Woo verzichtet auf die bedeutungsschwangere Melodramatik seiner vorherigen Arbeiten und fokussiert sich auf pure, kompromisslose Actionsequenzen. Schon die legendäre Teehaus-Schießerei zu Beginn des Films ist meisterhaft choreografiert und gefilmt, das 40-minütige (!) Finale definiert bis heute den Gipfel des Actionkinos.

Filmszene aus Pusher

Platz 29

Pusher

Nicolas Winding Refn | 1996 | Dänemark

In seinem Debütfilm Pusher schildert Nicolas Winding Refn das unglamouröse Leben eines Kopenhagener Drogendealers. Dabei lebt der Film von seiner Unmittelbarkeit: Er ist ungekünstelt inszeniert, nutzt Handkameras und Originalschauplätze. Dem starken Ensemble um Kim Bodnia und Mads Mikkelsen (ebenfalls Debüt) gelingt der Spagat zwischen memorablen Figuren und authentischem Spiel. Damit erzeugt Pusher eine nahbare Milieuzeichnung, die das Gefälle zwischen banalem Alltag und dramatischen Drogengeschäften schon beinahe tragikomisch konnotiert. Dennoch ist die Abwärtsspirale der Protagonisten schonungslos erzählt und wird in Pusher II würdig fortgesetzt.

Filmszene aus Die Sieger

Platz 28

Die Sieger

Dominik Graf | 1994 | Deutschland

Obwohl die Produzenten Dominik Grafs Traum vom deutschen Genrekino mehrfach beschnitten, zählt Die Sieger zu den Höhepunkten der deutschen Filmgeschichte. Der Thriller über ein Sondereinsatzkommando ignoriert Genre-Konventionen zugunsten spannender Indifferenzen; er nimmt sich viel Zeit, um Stimmungen nachzuspüren, in Figuren hineinzuhorchen und Zwischentöne übereinanderzuschichten. Gerade weil er keine ausgewogene Balance sucht, bildet Die Sieger seine aus den Fugen geratene Welt so effektvoll ab, hält ein durchgängiges Suspense und bietet darüber hinaus intensive Spannungsszenen.

Filmszene aus Basic Instinct

Platz 27

Basic Instinct

Paul Verhoeven | 1992 | USA

Basic Instinct überführte den Film Noir in die Neunziger Jahre und erzählt die klassische Story von der Femme fatale und dem hard-boiled Hero auf skandalträchtige Weise – die zeigefreudigen Sexszenen sorgten für Schlagzeilen. Der Erfolg zog zahlreiche Epigonen nach sich, doch keiner erreicht das Niveau des Originals, denn Basic Instinct hat deutlich mehr zu bieten als schlüpfrige Tatsachen. Paul Verhoeven beweist ein untrügliches Gespür für unsere Schaulust und spielt mit Erwartungen; die Dialoge treffen durchweg ins Schwarze; die Chemie zwischen Michael Douglas und Sharon Stone ist umwerfend.

Filmszene aus Glengarry Glen Ross

Platz 26

Glengarry Glen Ross

James Foley | 1992 | USA

Glengarry Glen Ross beruht auf einem mit dem Pulitzerpreis prämierten Theaterstück von David Mamet, der auch das Drehbuch für die Filmadaption schrieb und gar nicht erst versucht, die Bühnenherkunft zu kaschieren. Der Film von James Foley verlässt sich auf die Stärken der Vorlage: Er formuliert einen galligen Abgesang auf den modernen Raubtierkapitalismus und schwelgt dafür in den brillanten, oft mehrminütigen Wortwechseln der zynischen Protagonisten. Dabei profitiert der Film von einer Spitzenbesetzung um Al Pacino, Jack Lemmon und Ed Harris und der pessimistischen Stimmung, die durch die kammerspielartige Inszenierung noch verstärkt wird.

Filmszene aus Ronin

Platz 25

Ronin

John Frankenheimer | 1998 | USA

Altmeister John Frankenheimer drehte 1998 einen im besten Sinne altmodischen Thriller, der den Geist der Klassiker von Jean-Pierre Melville atmet. Ronin arbeitet sich konzentriert und schnörkellos durch klassische Genremotive und vereint dabei das amerikanische mit dem europäischen Kino – Ersteres liefert das Budget und die Stars, Letzteres das Gespür für die Grauzonen der Charaktere. Trotz der brachialen Action und mehrerer Verfolgungsjagden dominiert eine melancholische Stimmung, zu der das überzeugende Ensemble um Robert De Niro und Jean Reno entscheidend beiträgt.

Filmszene aus Nikita

Platz 24

Nikita

Luc Besson | 1990 | Frankreich

Nikita bedeutete den internationalen Durchbruch für Luc Besson, der das gefühlsbetonte Cinéma du look auf das Thriller-Genre anwandte und so einen Hybridfilm schuf, der Melodramatik mit brachialer Action kombiniert. Der Regisseur kleidet das Geschehen in eine raue Musikvideoästhetik und verstärkt damit den Eindruck des Unwirklichen. Dem gegenüber steht eine aufs Wesentliche reduzierte Erzählweise, die die Zeitebene aufbricht und die Figuren kaum charakterisiert – wir können ihr Tun und ihre Gefühle nie ganz einschätzen, womit sich Nikita eine spannende Unvorhersehbarkeit bewahrt.

Filmszene aus Humanität

Platz 23

Humanität

Bruno Dumont | 1999 | Frankreich

Ein Sexualmord in einer Kleinstadt bildet den erzählerischen Rahmen von Humanität, doch wie so oft dekonstruiert Bruno Dumont ein Genre. Hier formt er aus einem Kriminalfilm eine existenzielle Zustandsbeschreibung des ermittelnden Polizisten. Mit quälender Langsamkeit beobachtet Dumont den meist stummen, meist passiven Protagonisten, um hinter der regungslosen Miene eine gärende Entwicklung hervorzubringen. Das Innenleben der Hauptfigur findet ihre Entsprechung in der nihilistischen Welt um sie herum: Inmitten der tristen, erstarrten Bilder erscheint ein Miteinander für die Menschen unmöglich.

Filmszene aus The Big Lebowski

Platz 22

The Big Lebowski

Joel & Ethan Coen | 1998 | USA

The Big Lebowski steht wie kaum ein anderer Film der Neunziger Jahre für die Blüte des postmodernen Kinos. Der Kultfilm dekonstruiert die Motive des Film Noir: Mit kuriosen Einfällen ziehen die Coen-Brüder ihre Kriminalgeschichte ins Absurde und lassen sie immer weiter zerfasern, was auch mit der Passivität des kultigen Protagonisten zusammenhängt – der Dude führt die Idee des Heldentums ad absurdum. Um ihn herum drapiert der Film ein skurriles Figurenkonglomerat, das bis in die Nebenrollen von spielfreudigen Darstellern getragen wird.

Filmszene aus Following

Platz 21

Following

Christopher Nolan | 1998 | Großbritannien

Vor seinem Durchbruch mit Memento drehte Christopher Nolan den 70-minütigen Low-Budget-Thriller Following. Der Debütfilm des damals 28-jährigen Regisseurs besticht schon durch jene Qualitäten, die ihn später weltberühmt machen sollten: Nolan entwickelt den Plot in nicht-chronologischen Episoden, die erzählerische Lücken lassen. Damit ist es an uns Zuschauern, die richtige Reihenfolge zu antizipieren und die Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Die ständige Unsicherheit erzeugt viel Suspense und und eine eiskalte Stimmung – Following gibt sich schließlich als fatalistische Film Noir-Variation zu erkennen, die das eigentlich simple Szenario mit einigen Twists clever ausreizt.

Filmszene aus Millers Crossing

Platz 20

Miller’s Crossing

Joel & Ethan Coen | 1990 | USA

Miller’s Crossing steht zu Unrecht im Schatten der populäreren Werke der Gebrüder Coen, die einen der modernsten Hollywoodfilme seiner Zeit drehten und das Schaffen Quentin Tarantinos vorwegnahmen. Die Coens huldigen dem Film Noir und Jean-Pierre Melville, sie variieren die Tropen des Gangsterfilms und übersteigern sie ironisch. Allerdings kippt der Witz schnell ins Bittere, wenn die Gewaltszenen und der Zynismus der Figuren durchschlagen. Dabei ist Miller’s Crossing ein einziges Vergnügen: Die erstklassigen Darsteller, die prächtigen Dekors und die geschliffenen Dialoge sind meisterhaft.

Filmszene aus L.A. Confidential

Platz 19

L.A. Confidential

Curtis Hanson | 1997 | USA

Wie die Romanvorlage von James Ellroy huldigt auch die Filmversion dem Film Noir: L.A. Confidential siedelt eine komplexe Kriminalgeschichte in einer durch und durch verkommenen Welt an und begleitet drei gegensätzliche Polizisten (Russell Crowe, Guy Pearce, Kevin Spacey) bei den Ermittlungen. Die stimmungsvollen Bilder, die charismatischen Stars und die eloquenten Dialoge sorgen für einen hohen Unterhaltungswert, dennoch bewahrt sich der Film den Pessimismus der Schwarzen Serie – Helden gibt es hier keine, nur lauter Bad Cops in unterschiedlichen Ausprägungen.

Filmszene aus Bringing Out the Dead

Platz 18

Bringing Out the Dead

Martin Scorsese | 1999 | USA

23 Jahre nach Taxi Driver drehten Martin Scorsese und Paul Schrader ein weiteres New Yorker Einzelgängerporträt. Bringing Out the Dead handelt von einem Rettungssanitäter und schickt diesen Mann zwischen Leben und Tod durch mehrere Nachtschichten, die zunehmend surrealer geraten: New York wird von Geistern und Fast-Toten bevölkert, zahlreiche religiöse Motive laden den Film mit Bedeutung auf und Scorseses rauschhafte Inszenierung verwischt die Realität des Geschehens. Nicholas Cage liefert eine seiner besten Leistungen ab und erhält von den Nebendarstellern (John Goodman, Ving Rhames und Tom Sizemore) die bestmögliche Unterstützung.

Filmszene aus American Beauty

Platz 17

American Beauty

Sam Mendes | 1999 | USA

Sam Mendes schuf bereits mit seinem Debütfilm ein Meisterwerk: Die Tragikomödie American Beauty reißt die Fassade der amerikanischen Vorstadtidylle ein und unterzieht den American Dream einer kritischen Bestandsaufnahme. Obwohl der Film dafür zu beißender Ironie greift, bleibt er aufrichtig: Er nutzt zwar archetypische Figuren, gibt ihnen jedoch Herz und macht sich nie über sie lustig. Ihre verbalen Scharmützel dienen keinen billigen Gags, sondern kleiden pointierte Wahrheiten in ein tragikomisches Korsett. Dabei wird American Beauty von herausragenden Schauspielleistungen getragen – Kevin Spacey und Annette Bening waren selten besser.

Filmszene aus Harry außer sich

Platz 16

Harry außer sich

Woody Allen | 1997 | USA

Harry außer sich zählt zu den Höhepunkten in Woody Allens Filmografie und bringt alle Facetten des Regisseurs zusammen – vom Slapstick der Anfangszeit bis zu den Bezügen zu filmischen Vorbildern. Wie gewohnt unternimmt Allen eine kritische Bestandsaufnahme von menschlichen Beziehungen, der Religion und der Suche nach dem Lebenssinn. Allerdings nähert sich der Regisseur diesen Themen in Harry außer sich nicht wie gewohnt mit leichtfüßigem Humor, sondern so zynisch und gallig wie in keinem anderen Werk. Die boshaften Dialoge und der respektlose Witz offenbaren eine neue Dimension in Allens Schaffen und bleiben nachdrücklich im Gedächtnis.

Filmszene aus Crash

Platz 15

Crash

David Cronenberg | 1996 | Kanada, Großbritannien, USA

J. G. Ballards Roman Crash, in dem Technologie die Figuren vom eigenen Menschsein entfremdet, galt ob seiner expliziten sexuellen Schilderungen als unverfilmbar. David Cronenberg nähert sich Ballards Text mit einem paradoxen Kunstgriff: Er kombiniert ein intimes Storytelling mit einer distanzierten Inszenierung. Weil der Regisseur auf Effekthascherei verzichtet und die kontroversen Elemente der Vorlage nicht ausreizt, zählt Crash zu den anspruchsvollsten Arbeiten des Kanadiers. Cronenberg schuf einen untergründigen Kunstfilm für mündige Zuschauer, der auch 25 Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner verstörenden Faszination verloren hat.

Filmszene aus Kids

Platz 14

Kids

Larry Clark | 1995 | USA

Mit ihrem Debütfilm sorgten Regisseur Larry Clark und Drehbuchautor Harmony Korine für Kontroversen: Ihre Darstellung jugendlicher Umtriebe traf den Zeitgeist und schockte eine ganze Generation von Eltern. Kids zieht seine Wirkung aus einer großen Authentizität: Clark drehte mit Laiendarstellern und ließ diese viel improvisieren, was zu natürlichen Dialogen im Jugendslang führt. Dem Regisseur gelingt es, das Lebensgefühl der Jugendlichen einzufangen und kritisch zu hinterfragen, ohne pädagogisch auf sie herabzublicken – Kids bewegt sich stets auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten und ist trotz abschreckender Szenen von großer Empathie geprägt.

Filmszene aus Europa

Platz 13

Europa

Lars von Trier | 1991 | Dänemark

Der Abschluss von Lars von Triers Europa-Trilogie ist ein wunderliches Kleinod, das es zu entdecken lohnt. Der Regisseur etabliert ein kafkaeskes Nachkriegsdeutschland und schubst einen jungen Eisenbahnschaffner zwischen die Fronten einer Verschwörung. Daraus zieht Europa eine präsente Paranoia und einen ungewöhnlichen Tonfall: Er kreuzt eine bedrohliche Stimmung mit latentem Humor, ohne uns in die Hintergründe des Plots oder der Pointen einzuweihen. Neben den spielfreudigen Darstellern überzeugt von Triers Werk durch eine ausgeprägte Stilisierung, insbesondere der Einsatz altmodischer Rückprojektionen verleiht Europa einen besonderen Charme.

Filmszene aus Pulp Fiction

Platz 12

Pulp Fiction

Quentin Tarantino | 1994 | USA

1994 drehte Quentin Tarantino den emblematischen Film der Neunziger Jahre: Mit Pulp Fiction huldigt er der Selbstreferenzialität der Nouvelle Vague und formte aus drei lässig ineinander verschachtelten Kriminalgeschichten ein postmodernes Meisterwerk. Tarantino spielt mit den Regeln und Figuren des Genres, nutzt eine Vielzahl filmischer Zitate und lässt seine Figuren in kunstvollen Dialogen über banale Dinge schwadronieren. Die zum Markenzeichen avancierte Musikauswahl und ein bestens aufgelegtes Ensemble runden den modernen Klassiker ab.

Filmszene aus Hana-Bi

Platz 11

Hana-Bi

Takeshi Kitano | 1997 | Japan

Hana-Bi ist das Meisterstück von Takeshi Kitano und bringt die vielfältigen Facetten des japanischen Autorenfilmers zusammen. Der Film vereint blutige Gewalteruptionen, einen lakonischen Humor und große Gefühle, die sich in Kitanos stoischen Gestus verbergen. Der Werdegang seines körperlich und seelisch zerrütteten Protagonisten ist von einer stilisierten, dialogarmen Inszenierung geprägt. Sie verleiht dem Film etwas Meditatives, betont aber auch dessen Fatalismus – die Tragik von Hana-Bi liegt darin, dass die unglücklichen Ereignisse vorhergesehen, aber nicht mehr abgewendet werden können; seine zarte Schönheit gewinnt der Film, weil es sein Antiheld auch gar nicht versucht.

Filmszene aus Lost Highway

Platz 10

Lost Highway

David Lynch | 1997 | USA

In Lost Highway verwebt David Lynch zwei Albträume miteinander und entfesselt eine surreale Tour de Force, die sich als lose Variation von Goethes Faust lesen lässt. Lynch baut den Plot aus postmodern abstrahierten Film Noir-Versatzstücken zusammen und bevölkert ihn mit abstrusen Figuren wie dem ikonischen Mystery Man. Indem der Regisseur erzählerische Konventionen aufbricht und sein Werk auf die musikvideoartigen Bildcollagen und die unheilvolle Musik von Trent Reznor ausrichtet, nimmt er uns die Ratio und zwingt uns zu einer unterbewussten Auseinandersetzung. So bietet Lost Highway einen faszinierenden Trip in die Abgründe des Horrorkinos.

Filmszene aus Eyes Wide Shut

Platz 9

Eyes Wide Shut

Stanley Kubrick | 1999 | Großbritannien, USA

Der letzte Film von Stanley Kubrick nutzt Arthur Schnitzlers Traumnovelle für eine intime Bestandsaufnahme menschlicher Beziehungen. Getragen von der Chemie des damaligen Ehepaares Tom Cruise und Nicole Kidman, spürt Eyes Wide Shut den unterbewussten Sehnsüchten und Abgründen seiner Protagonisten nach. Dabei lässt er sich selbst nie ganz fassen und erreicht einen traumartigen Zustand: Das Geschehen befindet sich stets in der Schwebe, Möglichkeiten und Gefahren könnten sich ergeben oder waren nie vorhanden, die Bedeutung beiläufiger Dialoge bleibt unklar. Kubricks Vermächtnis bietet elegische Filmkunst, so offen und gleichzeitig in sich geschlossen wie ein Gedicht.

Filmszene aus Sieben

Platz 8

Sieben

David Fincher | 1995 | USA

David Finchers Meilenstein Sieben lässt mehrere Genres kulminieren: In seinem Porträt polizeilicher Ermittlungen zählt er zum Kriminalfilm, die düstere Schwere erinnert an den Film Noir, die Spannungsszenen würden jedem Thriller zur Ehre gereichen und die religiös unterfütterten Bluttaten wenden sich dem Horrorkino zu. Fincher verbindet die Motive zu einem in sich geschlossenen Kunstwerk, das auf einem herausragenden Drehbuch, einer effektvollen Inszenierung und starken Schauspielern fußt. Die Konsequenz des schockierenden Finales sucht im US-Kino seinesgleichen.

Filmszene aus The Minus Man

Platz 7

The Minus Man

Hampton Fancher | 1999 | USA

The Minus Man besetzt ausgerechnet Sunnyboy Owen Wilson als Serienkiller. Der Film des Blade Runner-Autors Hampton Fancher bricht mit sämtlichen Genre-Konventionen: Er verzichtet auf blutige Spannungsszenen und typische Plot Points und etabliert stattdessen einen meditativen Tonfall und sanfte Sonnenscheinbilder. Obwohl sich Wilsons Killer uns Zuschauern gegenüber öffnet, bleibt er ein Mysterium, sodass sich The Minus Man zu einem faszinierenden Porträt eines Phantoms entwickelt, dessen freundliche Fassade eine eisige Kälte und psychologische Untiefen verdeckt.

Filmszene aus Perfect Blue

Platz 6

Perfect Blue

Satoshi Kon | 1997 | Japan

Mit seinem Debütfilm Perfect Blue legte Satoshi Kon einen herausragenden Psychothriller vor, dessen Protagonistin zunehmend den Bezug zur Realität und zu ihrer Identität verliert. Nicht nur mit seiner Heldin, auch mit uns Zuschauern treibt der Animationsfilm für Erwachsene ein perfides Spiel: Er konfrontiert uns mit Déjà-vus, Träumen und einem Film im Film, bis sich die vielen Ebenen des Plots nicht mehr auseinanderdividieren lassen. Dabei fährt Kons Vexierspiel immer wieder neue Überraschungen auf und bleibt bis zur letzten Szene spannend.

Filmszene aus Cure

Platz 5

Cure

Kiyoshi Kurosawa | 1997 | Japan

Kiyoshi Kurosawas Geniestreich Cure treibt einen Mordermittler und einen Arzt an den Rand des Wahnsinns und erinnert dabei an Sieben oder Das Schweigen der Lämmer. Durch das niedrige Tempo erhält die mysteriöse Stimmung eine besondere Schwere. Über weite Strecken sorgt nur die wummernde Tonspur für finsteres Flair – wie so oft bei Kurosawa bleiben die Bilder schmucklos, doch gerade darin liegt der Reiz: Kleine Brüche schleichen sich in die vermeintliche Realität, bis die Normalität nur noch die Fassade bildet, hinter der die Welt längst auseinandergebrochen ist. Das konsequente Finale erhebt Cure endgültig zum Genre-Meilenstein.

Filmszene aus Mann beißt Hund

Platz 4

Mann beißt Hund

Rémy Belvaux, Benoît Poelvoorde, André Bonzel | 1992 | Belgien

Der belgische Skandalfilm Mann beißt Hund begleitet einen gewohnheitsmäßigen Mörder durch seinen Alltag und wählt dafür die Form einer Mockumentary. Anhand der dokumentarischen Aufmachung bindet uns die Satire eng an den Protagonisten (brillant: Benoit Poolvorde), der sich als geborener Selbstdarsteller erweist und seine Morde mit Charme und Witz auflockert. Der schwarze Humor bleibt uns aufgrund des drastischen Geschehens regelmäßig im Halse stecken, wodurch Mann beißt Hund unsere Sensationsgier spiegelt und sich kritisch mit der Unmöglichkeit objektiver Medien auseinandersetzt. Mit einfachsten Mitteln gelang den drei Beteiligten ein subversives Meisterwerk.

Platz 3

Matrix

Lana & Lilly Wachowski | 1999 | USA

Matrix definiert das Nonplusultra für das Blockbusterkino seiner Zeit und besticht durch eine Vielzahl von Einflüssen, die dem Film eine für das Genrekino unübliche Tiefe verleihen. Die Wachowski-Schwestern bedienen sich bei den Klassikern der Science-Fiction-Literatur, philosophischen und religiösen Texten sowie filmischen Vorläufern, um eine faszinierende Welt zu etablieren. Trotzdem kommt die Action nicht zu kurz: Die Kombination des furiosen Hongkong-Kinos mit der Tricktechnik Hollywoods führt zu spektakulären Szenen und einem hohen Unterhaltungswert.

Platz 2

Short Cuts

Robert Altman | 1993 | USA

In Short Cuts verbindet Robert Altman neun Kurzgeschichten Raymond Carvers zu einem episodischen Geflecht und erzählt dabei in drei Stunden das Leben des modernen Menschen. Der Ensemblefilm vereint mehr als ein Dutzend namhafter Darsteller und verweigert sich den Konventionen Hollywoods – er bemüht keine Dramaturgie und verzichtet darauf, die Episoden über einfache Botschaften miteinander zu verbinden. Stattdessen schildert er Banales und Erhabenes, die Unmöglichkeit menschlicher Kommunikation und die seltsame Beliebigkeit des Schicksals. Short Cuts ist so indifferent wie das Leben selbst – ein großer Film über uns kleine Menschen.

Platz 1

Fight Club

David Fincher | 1999 | USA

Mit Fight Club gelang David Fincher eine meisterhafte Adaption des Erfolgsromans von Chuck Palahniuk. Der Film trifft den hypnotisierenden Rhythmus der Vorlage und ihren untergründigen Humor, übernimmt die pointierten Dialoge und übersetzt den literarischen Stil auf geniale Weise in filmische Mittel. Finchers Inszenierung entfesselt den Plot regelrecht und erhält doch dessen Essenz: Die toxische Selbstermächtigung junger Männer, die ihr Abgehängtsein feiern und dem Kapitalismus den Krieg erklären, entwickelt sich bei Fincher noch stärker als in der Vorlage zu einer abseitigen Parallelgesellschaft. Die erzählerische und visuelle Qualität von Fight Club reicht dabei weit über das berühmte Ende der Geschichte hinaus.

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