Die 30 besten
französischen Filme
Frankreich ist eine Weltmacht des Kinos: Eine Nation, die das Medium Film in jeder Epoche maßgeblich entwickelte – von den Pionieren der Stummfilmzeit über den Poetischen Realismus bis zur Nouvelle Vague.
Auch heute noch bildet Frankreich eine Bastion der Filmkunst, fördert seine Kinokultur und nennt mit den Filmfestspielen von Cannes das wichtigste Filmfestival der Welt sein eigen.
Diese Liste huldigt den besten französischen Filmen – den namhaften Klassikern der großen Regisseure ebenso wie einigen Vertretern des modernen Kinos, die sich im Pantheon der französischen Filmkunst einreihen.
Bestenlisten verkünden keine objektiven Wahrheiten, sie sind per se subjektiv und imperfekt. Die hier aufgeführten persönlichen Favoriten sollten daher als inspirierende Ergänzung zu eigenen Lieblingsfilmen verstanden werden.
Honorable Mentions
Natürlich reichen 25 Plätze für eine Bestenliste zum französischen Kino nicht ansatzweise aus, doch die schmerzvolle Auswahl macht auch den Reiz der Sache aus. Viele großartige Filme haben es nicht auf die Liste geschafft, einige sollen an dieser Stelle zumindest erwähnt werden:
Um die Bestenliste konsistent zu halten, habe ich einige französische Produktionen gestrichen, die außerhalb Frankreichs und in englischer Sprache gedreht wurden: Léon – Der Profi und Enter the Void hätten sich sonst weit vorne platziert.
Auch diverse Koproduktionen wie Personal Shopper, Der Schakal, Possession, Eine reine Formalität, Das große Fressen und Carlos – Der Schakal wurden nicht berücksichtigt.
Dennoch blieb ein reichhaltiger Fundus übrig, der die wunderbare Breite der französische Filmgeschichte abbildet. Vier Vertreter des Poetischen Realismus sind aus der Vorauswahl gefallen: Jean Renoirs Meilensteine Toni und Die große Illusion sowie Pépé le Moko und Der Tag bricht an.
Auch bei der Nouvelle Vague musste der Rotstift angesetzt werden. Das betraft zwei sehenswerte Klassiker von Agnès Varda (Mittwoch zwischen 5 und 7, Glück aus dem Blickwinkel des Mannes), Alain Resnais‘ Hiroshima mon amour und Jean-Luc Godards Weekend.
Für zwei Spätwerke ehemaliger Nouvelle Vague-Granden blieb ebenfalls kein Platz: Robert Bressons absurdes Mittelalter-Melodram Lancelot, Ritter der Königin und Jacques Rivettes Epos Die schöne Querulantin lohnen eine Entdeckung.
Was wäre das französische Kino ohne die Arbeit des Exilanten Luis Buñuel? Belle de Jour und Dieses obskure Objekt der Begierde sind auf dem fiktiven 31. Platz gelandet. Einige Jahrzehnte später fand ein weiterer Auswanderer sein Glück in Frankreich: Roman Polanski drehte den kafkaesken Horrorfilm Der Mieter in Paris.
Für zwei Favoriten aus den Fünfziger Jahren musste ich ebenfalls streichen: Max Ophüls‘ elegantes Melodram Madame de … und Henri-Georges Clouzots Klassiker des Spannungskinos Lohn der Angst.
Zudem kann das französische Kino auf eine lange Tradition beim Kriminalfilm zurückblicken. Damit die nicht ein Drittel der Bestenliste aus den Werken Jean-Pierre Melvilles besteht, habe ich Vier im roten Kreis und Der Chef gestrichen. Eher unorthodox aber absolut sehenswert sind Louis Malles Fahrstuhl zum Schafott, die ätzende Kleinstadtkritik Der siebte Geschworene und die in Afrika spielende Jim Thompson-Verfilmung Der Saustall.
Auch das moderne französische Kino bietet viele tolle Vertreter, von denen einige auf der Strecken blieben. Dabei müssen insbesondere Menschenfeind und Love des Enfant terrible Gaspar Noé genannt werden, als Feelgood-Ausgleich bieten sich die skurrile Endzeitkomödie Delicatessen und Die fabelhafte Welt der Amélie an.
Kommen wir nun zu den großartigen Werken, die den Cut geschafft haben – hier ist meine Auswahl der 30 besten französischen Filme:

Platz 30
Der Freund meiner Freundin
Éric Rohmer | 1987 | Frankreich
Mit Der Freund meiner Freundin schloss Éric Rohmer seinen zweiten Zyklus Komödien und Sprichwörter in typischer Manier ab. Das Porträt zweier Großstädterinnen pendelt zwischen Melancholie und Heiterkeit, besticht durch lebenskluge Beobachtungen und ist scheinbar mühelos inszeniert. Dabei imponieren besonders das elegante blau-grüne Farbschema und der markante Schauplatz, die Pariser Trabantenstadt Cergy-Pontoise. Im unbeschwerten Finale finden Rohmers Klugheit und Leichtigkeit einen wunderbaren Schlusspunkt.

Platz 29
Die Vampire
Louis Feuillade | 1915 | Frankreich
Das in zehn Teilen gedrehte Epos Die Vampire kommt auf 400 Minuten Laufzeit und vergeht wie im Flug. Louis Feuillade schildert den Kampf eines Journalisten gegen die titelgebende Verbrecherorganisation im Stil eines Groschenromans: Unzählige Twists und Bösewichter geben sich die Klinke in die Hand, im Minutentakt konfrontiert der Film seinen Helden mit Geheimtüren, Anschlägen und Entführungen. Der überbordende Einfallsreichtum sorgt für eine durchweg unvorhersehbare Handlung, deren kuriose Irrungen und Wirrungen einen enormen Unterhaltungswert offenbaren.

Platz 28
Hass – La Haine
Mathieu Kassovitz | 1995 | Frankreich
Der Debütfilm von Mathieu Kassovitz nimmt Bezug auf die Jugendkrawalle des Jahres 1993 und verzichtet darauf, den gesellschaftlichen und politischen Problemen der Banlieues mit erhobenem Zeigefinger zu begegnen. Kassovitz hat kein moralisches Sozialdrama im Sinn, sondern schickt uns mitten in den reißenden Strudel der Ereignisse: Wir begleiten drei Jugendliche durch das von Unruhen erschütterte Paris und müssen uns anhand weniger Informationsschnipsel selbst ein Bild der Verhältnisse machen, was aufgrund der fesselnden Inszenierung gar nicht leicht ist.

Platz 27
Porträt einer jungen Frau in Flammen
Céline Sciamma | 2019 | Frankreich
Mit Porträt einer jungen Frau in Flammen drehte Céline Sciamma ein im besten Sinne altmodisches Melodram, das sich auf klassische Tugenden verlässt. Der Plot besitzt eine spannende Prämisse, nimmt sich Zeit, um seine Figuren zu entwickeln, und wird von den beiden hervorragenden Hauptdarstellerinnen Adèle Haenel und Noémie Merlant getragen. Zudem ist Sciammas Werk vorzüglich in Szene gesetzt: Das Zusammenspiel aus gedeckter Farbpalette, subtiler Lichtsetzung und eleganter Kamera sorgt für museumsreife Bilder, die im Gedächtnis bleiben.

Platz 26
Die Spielregel
Jean Renoir | 1939 | Frankreich
Die Spielregel mutet zunächst wie eine heitere Sittenkomödie an, entpuppt sich aber als garstige Farce, die hinter die vornehme Fassade der Bourgeoisie blickt und deren Amoral entlarvt. 1939 sorgte Renoirs Werk für einen Sturm der Empörung, inzwischen gilt die präzise Beobachtungsgabe des Klassikers als wegweisend. Bemerkenswert ist auch, wie souverän der Regisseur das wilde Treiben von einem Dutzend Figuren einfängt: Die hervorragende Mise en Scéne und eine ungemein bewegliche Kamera setzen das Chaos elegant in Szene.

Platz 25
Armee im Schatten
Jean-Pierre Melville | 1969 | Frankreich
Der zweite Farbfilm von Jean-Pierre Melville ist noch finsterer als die schwarz-weißen Vorgänger des Krimi-Spezialisten. Der Regisseur wandelte sein Lieblingssujet ab und erzählt dieses Mal nicht von Gangstern, sondern von Mitgliedern der Résistance, der er selbst angehörte. Gleich geblieben ist Melvilles präzise Inszenierung: Die formale Strenge und die grau-blauen Bilder versetzen Armee im Schatten mit einem bleiernen Fatalismus, der Tod schwebt über jeder Szene. Das nuancierte Spiel der vorzüglichen Charakterdarsteller (Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret) rundet Melvilles Klassiker ab.

Platz 24
Z – Anatomie eines politischen Mordes
Constantin Costa-Gavras | 1969 | Frankreich, Algerien
„Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen ist gewollt.“ – so beginnt Z – Anatomie eines politischen Mordes, der sich die Lambrakis-Affäre unter der griechischen Militärdiktatur vorknöpft. Politthrillerspezialist Constantin Costa-Gavras widmet sich dem Sujet mit spürbarer Wut, aber ohne Effekthascherei: Mittels einer semidokumentarischen Inszenierung und einer Erzählung aus mehreren Blickwinkeln seziert der Regisseur die Verschwörung des (im Film ungenannt bleibenden) Polizeistaates mit chirurgischer Präzision. Auch die berühmte Filmmusik von Mikis Theodorakis und das polemische Finale bleiben in Erinnerung.

Platz 23
Die Verachtung
Jean-Luc Godard | 1963 | Frankreich
Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Alberto Moravia schildert Jean-Luc Godard in Die Verachtung das Auseinanderbrechen einer Ehe und erweitert den Plot noch durch einen Subtext, in dem er den Konflikt zwischen Kunst und Kommerz kommentiert. Godard zeigt sich deutlich gereift: Im Gegensatz zu manch vorheriger Arbeit stellt er sein handwerkliches Können in den Dienst der Geschichte; neben den herrlichen Sommerbildern bleibt insbesondere eine 30-minütige Dialogszene in Erinnerung, die zu den bemerkenswertesten der Kinogeschichte zählt. Dabei profitiert er auch von den Stars – Michel Piccoli, Brigitte Bardot und Jack Palance verleihen den schwierigen Figuren die wichtige Bodenhaftung.

Platz 22
Der eiskalte Engel
Jean-Pierre Melville | 1967 | Frankreich
Der eiskalte Engel zentriert sich auf einen der ersten Antihelden der Kinogeschichte: Der Klassiker von Jean-Pierre Melville schildert den statischen Alltag eines Auftragsmörders, dem keine menschlichen Regungen innewohnen. Der schöne, aber unnahbare Alain Delon erweist sich als Idealbesetzung und bleibt ganz Oberfläche – das Drehbuch gibt ihm nur wenige Dialogzeilen mit. Melvilles unterkühlte Inszenierung erzeugt eine hässliche, graue Welt, die allenfalls durch einen romantischen Fatalismus mit Leben gefüllt wird. Damit inspirierte Der eiskalte Engel Generationen von Filmemachern, seine Topoi hallen bis ins heutige Kino nach.

Platz 21
Außer Atem
Jean-Luc Godard | 1960 | Frankreich
Außer Atem zählt zu den einflussreichsten Werken der Kinogeschichte – und vielleicht zu den coolsten. Der Klassiker von Jean-Luc Godard brachte die Nouvelle Vague ins Rollen und kombiniert Referenzen auf das amerikanische Kino mit französischer Leichtigkeit. Das episodenhafte Erzählen, der Maßstäbe setzenden Schnitt und die lässige Ästhetik des schwarz-weißen Paris sorgen für großes Flair. Passend dazu versammelt Außer Atem eines der Traumpaare der Filmgeschichte: Jean-Paul Belmondo als Möchtegern-Bogart und die zauberhafte Jean Seberg bilden ein tolles Gespann.

Platz 20
Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen
Robert Bresson | 1956 | Frankreich
Mit Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen drehte Robert Bresson einen der besten Gefängnisfilme und entwickelte die Sprache des Kinos weiter. Der Autorenfilmer brach mit erzählerischen Standards, reduzierte Form und Inhalt so stark wie möglich und spaltete die Bild- von der Tonebene ab. Damit schuf der Regisseur ein transzendentes Werk: Die Betonung des Oberflächlichen impliziert eine unsichtbare, bei Bresson stets spirituelle Ebene – sein Film setzt sich mit dieser verborgenen Kraft auseinander und unternimmt den Versuch, das Unfassbare fassbar zu machen.

Platz 19
Humanität
Bruno Dumont | 1999 | Frankreich
Ein Sexualmord in einer Kleinstadt bildet den erzählerischen Rahmen von Humanität, doch wie so oft dekonstruiert Bruno Dumont ein Genre. Hier formt er aus einem Kriminalfilm eine existenzielle Zustandsbeschreibung des ermittelnden Polizisten. Mit quälender Langsamkeit beobachtet Dumont den meist stummen, meist passiven Protagonisten, um hinter der regungslosen Miene eine gärende Entwicklung hervorzubringen. Das Innenleben der Hauptfigur findet ihre Entsprechung in der nihilistischen Welt um sie herum: Inmitten der tristen, erstarrten Bilder erscheint ein Miteinander für die Menschen unmöglich.

Platz 18
Bestie Mensch
Jean Renoir | 1938 | Frankreich
Bestie Mensch fußt auf einem Roman von Émile Zola und schildert den Niedergang eines Verdammten: Ein Lokführer leidet unter psychischen Störungen, verliebt sich in die falsche Frau und rutscht in eine Mordgeschichte hinein. Jean Renoir formt daraus aber keinen Thriller, sondern beschreibt den inneren Horror des Protagonisten, der keinen Ausweg aus seiner existenziellen Krise findet. Die finsteren Bilder spiegeln das Innenleben der Hauptfigur anschaulich wider und belegen ebenso wie der pessimistische Tonfall, dass Bestie Mensch zu den Vorläufern des Film Noir zählt.

Platz 17
Blau ist eine warme Farbe
Abdellatif Kechiche | 2013 | Frankreich
Blau ist eine warme Farbe gewann 2013 die Goldene Palme in Cannes. Er begleitet die 15-jährige Adéle über drei Jahre beim Erwachsenwerden und fokussiert sich dabei auf die erste große – in diesem Fall lesbische – Liebe. Dafür verzichtet der Film auf ein dramaturgisches Gerüst, er lässt lieber den langen Zeithorizont und die universelle Thematik für sich arbeiten. So entwickelt Blau ist eine warme Farbe seine Figuren ganz organisch, ermöglicht dadurch eine große Nahbarkeit und mitreißende emotionale Höhepunkte, wozu auch die ausschweifenden und streitbaren Sexszenen beitragen.

Platz 16
Das Loch
Jacques Becker | 1960 | Frankreich
In seinem Gefängnis-Thriller Das Loch sperrt uns Jacques Becker zu fünf Häftlingen in eine Zelle und macht uns zum Mittäter eines Ausbruchs. Dabei verzichtet der Film auf eine ausformulierte Handlung, eine Figurenzeichnung und Musik: Becker reduziert das Geschehen auf konzentriertes Schweigen und das pure physische Tun – in manchen Szenen schlagen die Insassen minutenlang auf den Beton ein. Dieser konsequente Realismus erzeugt eine ganz eigene Art von Spannung, zumal die hübschen Schwarz-Weiß-Bilder für eine dichte Stimmung sorgen, die sich im Kellergewölbe der Haftanstalt noch intensiviert.

Platz 15
Climax
Gaspar Noé | 2018 | Frankreich
In Climax schickt Gaspar Noé ein Tanz-Ensemble via unfreiwilliger LSD-Überdosis auf einen Horrortrip und beschert uns einmal mehr ein rauschhaftes Meisterwerk. Aufgrund der formalen Virtuosität erzielt Climax eine hochgradig immersive Wirkung: Die in langen Plansequenzen delirierende Kamera stürzt uns mitten ins Geschehen, die stampfende Musik und die energetischen Darsteller machen uns zum aktiven Teilnehmern dieser Party voller entseelter Zombies. Da Noé gewohnt konsequent vorgeht und den Trip immer weiter eskalieren lässt, entwickelt sich Climax zu einem ungewöhnlichen Horrorfilm.

Platz 14
Nikita
Luc Besson | 1990 | Frankreich
Nikita bedeutete den internationalen Durchbruch für Luc Besson, der das gefühlsbetonte Cinéma du look auf das Thriller-Genre anwandte und so einen Hybridfilm schuf, der Melodramatik mit brachialer Action kombiniert. Der Regisseur kleidet das Geschehen in eine raue Musikvideoästhetik und verstärkt damit den Eindruck des Unwirklichen. Dem gegenüber steht eine aufs Wesentliche reduzierte Erzählweise, die die Zeitebene aufbricht und die Figuren kaum charakterisiert – wir können ihr Tun und ihre Gefühle nie ganz einschätzen, womit sich Nikita eine spannende Unvorhersehbarkeit bewahrt.

Platz 13
Pickpocket
Robert Bresson | 1959 | Frankreich
In seinem 75 Minuten kurzen Meisterstück Pickpocket erzählt Robert Bresson aus dem Alltag eines Taschendiebes, der immer mehr den Zugang zur Gesellschaft verliert. Der Regisseur setzt auf seine typisch minimalistische Inszenierung und verleiht dem Film trotzdem eine enorme Eleganz. Die visuelle Reduktion hält Bresson nicht davon ab, simple Szenen mit großer Bedeutung aufzuladen, wobei sich Parallelen zu den Romanen von Camus und Dostojewski ergeben. In besonderer Erinnerung bleiben die fesselnden Taschendiebstahlszenen, die sich Bresson bei Samuel Fullers Polizei greift ein abschaute.

Platz 12
Der Rabe
Henri-Georges Clouzot | 1943 | Frankreich
Im französischen Klassiker Der Rabe hetzt jemand die Bürger einer Kleinstadt mit anonymen Briefen gegeneinander auf. Regisseur Clouzot nutzt typische Motive des Whodunit-Krimis für eine kluge Gesellschaftsstudie, die auch uns Zuschauer einbezieht, denn der Film lockt uns in eine Falle. Er kritisiert Doppelmoral und Vorverurteilungen, leitet uns jedoch gleichzeitig mit einigen geschickt platzierten Indizien dazu an, unsere Ressentiments auf ein Dutzend Verdächtige zu projizieren. Dabei sorgen die mysteriöse Stimmung und das durchgängige Suspense bis zur letzten Szene für Spannung.

Platz 11
Die Teuflischen
Henri-Georges Clouzot | 1955 | Frankreich
Im Mysterythriller Die Teuflischen ermorden zwei Frauen ihren Peiniger und müssen dann befürchten, er sei von den Toten auferstanden. Henri-Georges Clouzot versetzt uns in ihre Lage und hält das Geschehen in ständiger Unsicherheit – gibt es eine kriminologische Erklärung oder handelt es sich um einen übernatürlichen Horrorfilm? Die subtile Inszenierung und das düstere Schwarz-Weiß füttern die Paranoia mit viel Suspense, die starken Darstellerinnen verleihen dem perfiden Plot die nötige Glaubwürdigkeit.

Platz 10
Twentynine Palms
Bruno Dumont | 2003 | Frankreich
Twentynine Palms zählt zu den seltenen Seherfahrungen, die geradezu körperlich spürbar sind. Bruno Dumont entwirft einen radikal reduzierten, existenzialistischen Albtraum: Er sperrt ein aufgrund einer Sprachbarriere dysfunktionales Paar in die menschenfeindliche kalifornische Wüste und schildert ihre Tage zwischen Wortlosigkeit und rüdem Sex. Inmitten der inneren wie äußeren Leere erscheint eine Flucht unmöglich, folglich reiht Dumont lediglich fragmentarische Episoden aneinander, ohne durch erzählerische Kompromisse eine Entwicklung oder einen Ausweg aufzuzeigen. Die latente Aggression und das archaische Setting münden in einem schockierenden Finale, das lange nachhallt.
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Platz 9
Letztes Jahr in Marienbad
Alain Resnais | 1961 | Frankreich
Letztes Jahr in Marienbad formulierte eine Einladung: Immer wieder aufs Neue dürfen wir dieses Monument der Filmgeschichte besuchen, uns in sein narratives Labyrinth begeben und es stets neu entdecken. Das verwunschene Kurhotel und die ausschließlich aus Suggestionen bestehende Handlung aus der Feder von Alain Robbe-Grillet muten bei jeder Rückkehr anders an, denn Letztes Jahr in Marienbad lebt in besonderem Maße von der Imagination des Zuschauers. Die barocke Bilderflut und die hypnotische Orgelmusik leiten uns dazu an, unseren ganz eigenen Film zu sehen. Magischer kann Kino nicht sein.

Platz 8
Der Teufel mit der weißen Weste
Jean-Pierre Melville | 1962 | Frankreich
Mit Der Teufel mit der weißen Weste drehte Jean-Pierre Melville ein Referenzwerk des Gangsterfilms. Wie in späteren Arbeiten inszeniert der Regisseur das Leben der Pariser Unterwelt mit großem Fatalismus und düsteren Bildern. Durch das komplexe Drehbuch – dem Lieblingsskript von Quentin Tarantino – erhält der Film einen besonderen Reiz: Die Erzählung verweigert uns den Überblick, sodass wir das Handeln der Gangster nie einordnen können. Gut und Böse verschwimmen, unsere Sympathien wechseln, Zusammenhänge ergeben sich (zu) spät. Erst im Finale offenbart Melville das Gesamtbild, um dann mit einem packenden Höhepunkt abzuschließen.

Platz 7
Hafen im Nebel
Marcel Carné | 1938 | Frankreich
Hafen im Nebel zählt zu den Höhepunkten des französischen Vorkriegskinos und verhandelt die typischen Themen des Poetischen Realismus – die individuelle Suche nach Glück und den Widerstand gegen ein übermächtiges Schicksal. Regisseur Marcel Carné und Kameramann Eugen Schüfftan verwandeln die Hafenstadt Le Havre in eine übersteigerte Trübsinnsversion ihrer selbst; ihre Melancholie durchdringt alles Handeln der Figuren, ihr Pessimismus nimmt den Film Noir vorweg. Wie in der Schwarzen Serie herrscht eine Sehnsucht nach fernem Glück, doch wer davon kostet, bezahlt immer einen Preis.

Platz 6
Paris gehört uns
Jacques Rivette | 1961 | Frankreich
Paris gehört uns zählt zu den frühesten Vertretern der filmischen Postmoderne und entwirft ein ewiges Rätsel: Er handelt entweder vom Alltag einer orientierungslosen Studentin oder beschreibt eine geheime Verschwörung, die ganz Frankreich erfasst. Weil der Debütfilm von Jacques Rivette das Geschehen ausschließlich aus der Sicht der ahnungslosen Protagonistin erzählt, bleibt uns ein Großteil der möglichen Handlung verborgen. Mit seiner spröden Inszenierung verstärkt der Regisseur den Eindruck des Nicht-Fassbaren noch. Sein sperriger Kunstfilm verzichtet auf eine Auflösung und mag daher zunächst unbefriedigend wirken, sein zeitloses Mysterium kann so jedoch immer wieder aufs Neue erkundet werden.

Platz 5
Der zweite Atem
Jean-Pierre Melville | 1966 | Frankreich
Jean-Pierre Melvilles epische Gangsterballade Der zweite Atem drängt eine Riege grandioser Charakterdarsteller um Lino Ventura zu einem tödlichen Katz- und Mausspiel. Aufgrund der kühlen Inszenierung gewinnen die Morde und Überfälle eine erschreckende Brutalität; trotz ihrer kompromisslosen Vorgehensweise romantisiert Melville seine Protagonisten jedoch und macht sie zu Getriebenen von abstrakten Ehrbegriffen und eines übermächtigen Schicksals. Melville schildert ihren Niedergang hochelegant, aber aufs Wesentliche konzentriert. Triste Großstadtpanoramen gebären einen omnipräsenten Fatalismus: In Der zweite Atem hat niemand etwas zu gewinnen außer einem würdevollen Abgang.

Platz 4
Am Rande des Rollfelds
Chris Marker | 1962 | Frankreich
Am Rande des Rollfelds mag „nur“ ein Kurzfilm sein, doch Chris Markers experimentelles Zeitreisedrama besitzt ein Alleinstellungsmerkmal: Marker erzählt die Geschichte ausschließlich in Standbildern. Mit diesem Kunstgriff beseitigt der Regisseur das grundlegende Manko von Zeitreisefilmen (und dem Hollywood-Remake 12 Monkeys) – die Unveränderbarkeit der zeitlichen Wahrnehmung durch uns Zuschauer. Der Film transzendiert die Zuschauer-Zeit, die nicht länger bewegt erscheint und damit ihre Bedeutung verliert. Daher bilden Form und Inhalt in Am Rande des Rollfelds eine geschlossene Einheit, woraus ein rauschartiges Filmerlebnis entsteht.
Platz 3
Irreversibel
Gaspar Noé | 2002 | Frankreich
Der Skandalfilm von Gaspar Noé stürzt uns in ein filmisches Inferno und schockt mit drastischen Gewaltszenen, die durch die rückwärts verlaufende Szenenfolge eine ungewöhnliche Dynamik entfalten. Indem Irreversibel die Richtung von Ursache und Wirkung dreht, können wir die Gewalt nicht abstrahieren; Noé zwingt uns so ständig dazu, das Tun der Protagonisten zu hinterfragen, und evoziert durch die Unabwendbarkeit des Geschehens einen tiefschwarzen Fatalismus. Dabei greift Noé auf lange Plansequenzen und eine entfesselte Handkamera zurück, die den Strudel der Raserei eindrucksvoll illustriert und auf meisterhafte Weise aufzeigt, welche Wucht das Medium Film entwickeln kann.
Platz 2
Das Irrlicht
Louis Malle | 1963 | Frankreich
Mit viel Gefühl für Stil und Stimmung inszeniert Louis Malle in Das Irrlicht den melancholischen Abgesang eines Lebensmüden, der nach dem Alkoholentzug durch das fad gewordene Paris getrieben wird. In stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bildern fängt der Regisseur die Odyssee des Protagonisten ein und sinniert dabei über die Möglichkeiten unterschiedlicher Lebensentwürfe und die Frage, welcher Sinn dem Leben innewohnt. Die berühmte Klaviermusik von Eric Satie und das Schauspiel von Maurice Ronet gleichen einander in ihrem Minimalismus, in dem sich die ganze Welt verbirgt.
Platz 1
Kinder des Olymp
Marcel Carné | 1945 | Frankreich
Trotz haarsträubender Produktionsbedingungen unter der deutschen Besatzung beendete Marcel Carné den Poetischen Realismus mit einem Höhepunkt. Sein Meisterwerk Kinder des Olymp begeistert durch eine literarische Qualität: Das Drehbuch von Jacques Prévert glänzt durch fein ziselierte Dialogkaskaden und drei bemerkenswerte Figuren, die sich – jede auf ihre eigene Weise – in dieselbe Frau verlieben. Dabei verbindet Kinder des Olymp gekonnt Komödie und Tragödie, huldigt den Künsten und macht das Leben zur Bühne. Die letzte Kollaboration von Carné und Prévert ist ein Meilenstein seiner Ära.
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