Die 30 besten Filme

von 2000 bis 2009

In den Zweitausendern schraubte Hollywood seine Produktionsbudgets in ungeahnte Höhen – mittelgroße Filme starben regelrecht aus, während die Blockbuster und Franchise-Filme die Kinosäle fluteten.

Doch unterhalb der marketinginduzierten Dominanz des amerikanischen Kinos differenzierte sich die Filmlandschaft immer weiter aus. Auch dank Globalisierung und Digitalisierung konnten Filmliebhaber auf ein breites Angebot zurückgreifen und einem ambivalenten Filmgeschmack frönen, der einige Jahrzehnte vorher noch undenkbar gewesen wäre.

Bestenlisten verkünden keine objektiven Wahrheiten, sie sind per se subjektiv und imperfekt. Die hier aufgeführten persönlichen Favoriten sollten daher als inspirierende Ergänzung zu eigenen Lieblingsfilmen verstanden werden.

Honorable Mentions

Weil die 25 Plätze der Bestenliste nicht ansatzweise den vielen großartigen Werken der Ära von 2000 bis 2009 gerecht werden können, gibt es wie immer noch einige Honorable Mentions:

Einer der absoluten Kritikerlieblinge des Jahrzehntes hat meine Bestenliste hauchdünn verpasst – Wong Kar-wais wunderbares Melodram In the Mood for Love. Aus dem Kino Hongkongs soll zudem auch das Original zu Scorseses deutlich schwächerem Remake Departed, Infernal Affairs erwähnt werden. Auch für den chinesischen Festivaldarling Suzhou River blieb kein Platz.

Bleiben wir in Asien – das koreanische Kino schwang sich zu Beginn des neuen Jahrtausends zu neuen Höhen und einer enormen internationalen Popularität auf. Dazu haben Park Chan-wooks Rachedramen Sympathy for Mr. Vengeance und Lady Vengeance maßgeblich beigetragen; beide haben den Cut nur knapp verpasst.

Schwenken wir Richtung USA: Unzählige große Regisseure haben tolle Filme gedreht, die ich leider streichen musste: Spielbergs München, Manns Collateral, Nolans Batman Begins und Tarantinos Inglourious Basterds sowie Finchers Zodiac und Eastwoods Mystic River.

Außerdem noch Mendes‘ Zeiten des Aufruhrs, Burn After Reading von Coen & Coen sowie Rodriguez‘ Planet Terror. Für Schlagzeilen sorgten auch American Psycho, Saw II und der Neustart des James Bond-Franchise, Casino Royale.

Die Filme der 2000er zeigen auch, warum die heutzutage ausgestorbene Kategorie von Filmen mit mittlgroßen Budgets so schmerzlich vermisst wird. Werke wie Darren Aronofskys Requiem for a Dream und The Wrestler, Sofia Coppolas Lost in Translation oder 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu bereicherten ihr Jahrzehnt. In diese Kategorie fallen auch Paul Schraders Sexsucht-Drama Auto Focus, Atom Egoyans spannendes Vexierspiel Wahre Lügen und die unorthodoxe Mockumentary Series 7.

In Europa gewann das skandinavische Kino enorm an Beliebtheit. In der Bestenliste hätte ich sehr gerne den kafkaesken Anderland oder die herzliche Komödie Zusammen! berücksichtigt. Oder wenigstens Anders Thomas Jensen schwarzhumorige Farce Adams Äpfel. Lars von Trier darf auch nicht vergessen werden, egal ob mit seinem Geheimtipp The Boss of It All oder dem kontroversen Antichrist.

Derweil tat sich das spanische Kino durch eine ganze Reihe sehenswerter Genrefilme hervor: Allen voran Guillermo del Toros Fantasydrama Pans Labyrinth; erwähnenswert sind aber auch der spaßige Zeitreisethriller TimeCrimes sowie die ähnlich gelagerten Horrorfilme The Others und Das Waisenhaus.

Weitere europäische Höhepunkte lieferte Großbritannien mit 28 Days Later, V wie Vendetta, Tödliche Versprechen und Snatch. Erwähnt werden sollen auch die belgische Krimifarce Die Axt sowie die deutschen Vertreter Gegen die Wand und Jerichow.

Zum Abschluss komplettieren wir die Weltumrundung mit einem Blick nach Australien, wo das Schuldrama 2:37, der verklausulierte Kriminafilm Lantana und der deftige Zeitreisethriller Triangle herausragen.

Nach so vielen knappen Entscheidungen können wir uns nun den 30 besten Filmen der Ära von 2000 bis 2009 widmen:

Filmszene aus Saw

Platz 30

Saw

James Wan | 2004 | USA

Saw trat 2004 in die Fußstapfen der populären Serienkiller-Thriller Das Schweigen der Lämmer und Sieben: Der in nur 18 Tagen abgedrehte Low-Budget-Film avancierte über Nacht zum Sensationserfolg. Regisseur James Wan verdichtet das ohnehin schon limitierte Kammerspiel ständig weiter – immer neue Wendungen verändern die Perspektive auf das Geschehen und die Figuren, sodass die Intensität fortwährend ansteigt. Der musikvideoartige visuelle Stil mag nicht ästhetisch sein, trägt jedoch zur angespannten Stimmung bei. Im Gegensatz zu den immer brutaler geratenen Nachfolgern der Filmreihe beschränkt Saw seine visuelle Gewalt auf ein Minimum. Er spielt seine Schrecken vor allem auf der psychologischen Ebene aus und erweist sich damit als äußerst effektvoll.

Filmszene aus Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

Platz 29

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

Andrew Dominik | 2007 | USA

Die goldene Ära des Western mag lange vorbei sein, doch alle Jubeljahre beglückt uns auch das moderne Kino mit einem raren Meilenstein. So einer ist das elegische 160-Minuten-Epos Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford, der die Mythen des Wilden Westens kritisch hinterfragt. Seine Melancholie erinnert an die Western der New Hollywood-Ära und wirkt dank der imposanten Bilder von Roger Deakins trotzdem zeitgemäß. Der langsame Aufbau zahlt sich im letzten Filmdrittel aus, das mit einer ungeahnten Wucht shakespearescher Prägung überrascht.

Filmszene aus In ihren Augen

Platz 28

In ihren Augen

Juan José Campanella | 2009 | Argentinien

Der argentinische Kriminalfilm In ihren Augen gewann 2010 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Juan José Campanella schildert eine mehrere Jahre umspannende Mordermittlung mit einem ungewöhnlich ambivalenten Tonfall: Die pointierten Dialoge sorgen für einen hohen Unterhaltungswert und humoristische Spitzen, was der Film mit der Dynamik eines Thrillers und der Schwere eines Dramas kombiniert. Dabei ist In ihren Augen hervorragend gespielt und beeindruckend gefilmt, insbesondere eine großartige Plansequenz bleibt im Gedächtnis.

Filmszene aus Das weiße Band

Platz 27

Das weiße Band

Michael Haneke | 2009 | Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich

In Das weiße Band entwirft Michael Haneke das Sittengemälde einer norddeutschen Dorfgemeinschaft am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Ein Kriminalfall gibt den Anlass, um die Machtstrukturen zwischen den gesellschaftlichen Schichten und innerhalb der Familien zu erkunden. Trotz der edlen Schwarz-Weiß-Fotografie ist Das weiße Band ein bedrückender Film. Die vorgebliche Ordnung des repressiven Milieus setzte bei den Protagonisten einen Gärprozess in Gang, abseits der Kamera scheinen sich Abgründe aufzutun. Der Zusatztitel „Eine deutsche Kindergeschichte“ nimmt das Ergebnis vorweg: Die Kinder der Erzählung werden später in Nazideutschland leben und wirken.

Filmszene aus Ex Drummer

Platz 26

Ex Drummer

Koen Mortier | 2007 | Belgien

Wie die Romanvorlage so die Filmadaption: Ex Drummer sorgte für Kontroversen, weil er sein Publikum in eine schmuddelige Unterschichtenwelt hinabzieht und das Elend auch noch schwarzhumorig kommentiert. Der Zynismus und die omnipräsente Gewalt wären deutlich leichter zu verdammen, wenn Koen Mortier nicht so ein begnadeter Regisseur wäre – seine kreative Inszenierung zieht uns den Boden unter den Füßen weg und sorgt für eine herausfordernde Filmerfahrung, die ihre wahren Motive erst im Finale aufdeckt: Nicht die dysfunktionalen Protagonisten, sondern wir Zuschauer stehen am Ende bedröppelt da.

Filmszene aus Gerry

Platz 25

Gerry

Gus van Sant | 2002 | USA

Gerry ist der der erste Teil in Gus van Sants loser Trilogie des Todes, die er mit Elephant und Last Days fortsetzte. Der Regisseur vollzog eine radikale Abkehr vom kommerziellen Kino und drehte einen Film wider aller erzählerischer Konventionen: van Sant lässt zwei Männer (Matt Damon, Casey Affleck) ohne Plot und Dramaturgie durch eine Wüste laufen. Dank der minutenlangen, bildgewaltigen Einstellungen wirkt das Geschehen zunächst meditativ, doch im weiteren Verlauf kippt es in blanken Nihilismus: Die Dialogarmut, die ausdruckslosen Darsteller und das allumfassende Nichts der Wüste werfen uns auf uns selbst zurück und ermöglichen so eine besondere Filmerfahrung, die unsere Sehgewohnheiten aufbricht.

Filmszene aus Kill Bill

Platz 24

Kill Bill

Quentin Tarantino | 2003 | USA

Mit Kill Bill trieb Quentin Tarantino seine Zitierfreude auf die Spitze und verarbeitete Lady Snowblood, Die Braut trug schwarz sowie eine Vielzahl von Martial-Arts-Filmen und Western zu einem zweiteiligem Racheepos. Man kann Kill Bill seine inhaltliche Schlichtheit, seine stilistischen Brüche und seine vor sich her getragene Coolness vorwerfen; an den spektakulären Action-Choreografien, der meisterhaften Kameraarbeit und dem Schauspielensemble gibt es aber nichts zu rütteln. Tarantinos Pastiche ist letztlich ein grandioses B-Movie mit hohem Unterhaltungswert.

Filmszene aus Tödliche Entscheidung

Platz 23

Tödliche Entscheidung

Sidney Lumet | 2007 | USA

Tödliche Entscheidung setzt einen eindrucksvollen Schlusspunkt unter die 50-jährige Kinokarriere von Regisseur Sidney Lumet, der hier einen Neo-Noir ohne postmoderne Spielereien abliefert, sich stattdessen auf den Kern der Strömung konzentriert. Lumet entwirft ein fatalistisches Szenario, dessen Protagonisten nur verlieren können, und spitzt es erbarmungslos zu. Die Wechselwirkungen der Figuren werden durch clevere Rückblenden und Perspektivwechsel ausgereizt, wobei der Film von seiner überragenden Besetzung profitiert – Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke und Albert Finney liefern allesamt intensive Karrierehöhepunkte.

Filmszene aus The Dark Knight

Platz 22

The Dark Knight

Christopher Nolan | 2008 | USA

Mit dem zweiten Teil seiner Batman-Trilogie führte Christopher Nolan das Superheldenkino zu neuen Höhen. The Dark Knight entwickelt die Saga noch stärker in eine düstere Richtung: Er stürzt seinen Helden in moralische Dilemmata und Konflikte, die nicht zu gewinnen sind. Damit stellt er das Vigilantentum grundsätzlich infrage und folgt der Agenda des fantastischen Antagonisten. Der Joker und seine Darstellung durch Heath Ledger setzten die Glanzpunkte des Films, der durch ein hohes Tempo und aufwendige Actionsequenzen einen enormen Unterhaltungswert generiert.

Filmszene aus Oldboy

Platz 21

Oldboy

Park Chan-wook | 2003 | Südkorea

Oldboy bildet das Mittelstück in Park Chan-wooks Rachetrilogie, die mit Sympathy for Mr. Vengeance begann und mit Lady Vengeance endete. Die Handlung orientiert sich an einem Klassiker des Rache-Topos, Alexandre Dumas‘ Graf von Monte Cristo: 15 Jahre Gefangenschaft nehmen dem Protagonisten den Zugang zu seiner Umwelt und jeder Form von Normalität, in der er sich nach seiner Entlassung keinen Bezug mehr aufbauen kann. Diese Entfremdung überträgt Park durch ein geniales audiovisuelles Konzept auf uns Zuschauer: Die Bildgestaltung ist ungemein kreativ, Kamera und Schnitt sorgen für ständige Überraschungen, die gefühlvolle Musik kontrastiert die drastischen Gewaltspitzen. Auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung bleibt Oldboy ein Unikum.

Filmszene aus Enter the Void

Platz 20

Enter the Void

Gaspar Noé | 2009 | Frankreich

Mit Enter the Void löste sich Gaspar Noé noch konsequenter als zuvor vom Erzählkino und schuf ein Filmerlebnis, dass das Kino in seiner puren Form feiert. Erst erleben wir das Geschehen 30 Minuten lang durch die Augen des Protagonisten (Blinzeln inklusive), dann entfesselt dessen Tod die Kamera; für den Rest der 160-minütigen Spielzeit schweben wir mit seiner Seele durch das nächtliche Neonlicht Tokios. Noé und sein Kameramann Benoît Debie entwerfen eine berauschende Bilderwelt, inhaltlich bleibt der Film mit seiner buddhistisch angehauchten Leben-nach-dem-Tod-Vision eher diffus. Wie Noés Lieblingsfilm 2001: Odyssee im Weltraum ist auch Enter the Void ein Werk zum unterbewussten Fühlen, nicht zum Verstehen.

Filmszene aus Dogville

Platz 20

Dogville

Lars von Trier | 2003 | Dänemark, USA

Als Haupttreiber der Dogma 95-Bewegung predigte Lars von Trier einst größtmöglichen Realismus, wenige Jahre später vollzog er eine Kehrtwende: Sein 178-Minuten-Epos Dogville ist eine Liebeserklärung an das brecht’sche Theater und spielt komplett auf einer Bühne. Das titelgebende Dorf besteht lediglich aus Markierungen und wenigen Requisiten, was uns ein faszinierendes Filmerlebnis beschert. Der Abstraktion zum Trotz erweist sich Dogville als höchst lebendiger Film, woran besonders das spektakulär besetze Ensemble einen Anteil hat. Wie immer geht von Trier schonungslos mit Figuren und Publikum um, stellt Fallen und Herausforderungen, kommentiert und belehrt. Das mag nicht immer wahrhaftig sein, bleibt aber nachhaltig in Erinnerung.

Filmszene aus Watchmen

Platz 18

Watchmen

Zack Snyder | 2009 | USA

Die Graphic Novel von Alan Moore und Dave Gibbons zählt zu den Referenzwerken ihrer Gattung, doch die Filmadaption von Zack Snyder steht der Vorlage in nichts nach. Mit sicherer Hand vereint der Regisseur verschiedene Genres und Stile zu einem homogenen Mix. Watchmen bespielt ein breites Themenfeld und erzeugt eine bedeutungsschwangere Schwere; trotzdem garantieren die Coolness der Figuren, der Humor, die launige musikalische Untermalung und die stilsicher inszenierte Action einen hohen Unterhaltungswert. Damit erweist sich Watchmen als Unikat: Als Blockbuster mit Ecken und Kanten, der seinem Publikum viel zutraut und durch großen Stilwillen imponiert.

Filmszene aus Sunshine

Platz 17

Sunshine

Danny Boyle | 2007 | Großbritannien

Sunshine startet als klassisches Sci-Fi-Abenteuer: Er spielt ausschließlich im Weltraum bzw. in einem Raumschiff, dessen achtköpfige Crew sich auf einer Mission zur Rettung der Erde befindet. Die berauschenden Bilder sorgen für eine dichte Stimmung, während das Drehbuch von Alex Garland (Ex Machina) Suspense aus den internen Spannungen der Besatzung zieht. Doch dann traut sich Sunshine etwas Besonderes: Der Film transzendiert den bis dahin „realistischen“ Plot, beschwört den Fiction-Aspekt des Genres und etabliert einen nicht-fassbaren Antagonisten. Am Finale im Stil eines Slasher-Films scheiden sich die Geister; es bringt definitiv eine neue Dynamik ein.

Filmszene aus City of God

Platz 16

City of God

Fernando Meirelles | 2002 | Brasilien

Anhand von einem Dutzend Figuren und einer mehrere Jahre umfassenden Handlung entwirft City of God ein Porträt des Lebens in den brasilianischen Favelas. Obwohl der Werdegang der Protagonisten von Armut, Perspektivlosigkeit und Kriminalität geprägt ist, verzichtet Fernando Meirelles auf einen erhobenen Zeigefinger, sein Film besitzt ein Herz für seine Figuren und durchaus auch humorvolle Seiten. Der Plot ist reich an Details und mitreißend inszeniert, formal überzeugt City of God durch eine dynamische Kameraführung und die ansehnliche Bildgestaltung.

Filmszene aus Lilja 4-ever

Platz 15

Lilja 4-ever

Lukas Moodysson | 2002 | Schweden, Dänemark

Nachdem Lukas Moodysson seine Karriere mit den lebensbejahenden Werken Raus aus Åmål und Zusammen! gestartet hatte, schlug er mit Lilja 4-ever einen gänzlich anderen Tonfall an. Der schwedische Regisseur schildert die Leidensgeschichte einer allein gelassenen 16-Jährigen mit großer Wucht und bedrückendem Tonfall. Dabei zeigt Lilja 4-ever keine Gnade und inszeniert Liljas Werdegang als gnadenlose Abwärtsspirale: Durch immer neue Steigerungen zieht uns der Film ständig aufs Neue den Boden unter den Füßen weg und sorgt damit für eine intensive Filmerfahrung.

Filmszene aus Pulse

Platz 14

Pulse

Kiyoshi Kurosawa | 2001 | Japan

Zu einer Zeit, als das Internet noch am Beginn seiner heutigen Bedeutung stand, drehte Kiyoshi Kurosawa den Arthouse-Horrorfilm Pulse, der erstaunlich früh der fortschreitenden Digitalität der Menschheit nachspürte. Hier transferiert eine Welle von Selbstmorden Menschen ins digitale Nichts, während ihre Körper verschwinden. Kurosawa verzichtet weitestgehend auf Schockmomente und setzt auf ein bedächtiges Tempo, um eine erst mysteriöse und später apokalyptische Stimmung zu erzeugen. Wenn sich Tokio (wortwörtlich) zur Geisterstadt entwickelt, spielt sich der Horror vornehmlich auf einer existenziellen Ebene ab: Das analoge Leben gerät zur Sackgasse der medialen Welt und konfrontiert die Zurückgebliebenen mit einer tiefgehenden Einsamkeit.

Filmszene aus (500) Days of Summer

Platz 13

(500) Days of Summer

Marc Webb | 2009 | USA

In einer Zeit voller gefühliger, aber austauschbarer Independentfilme gelang Marc Webb ein Geniestreich dieser Gattung: (500) Days of Summer unterscheidet sich aufgrund einiger kluger Kniffe von anderen Vertretern. Insbesondere die narrative Verschachtelung implementiert einen echten Mehrwert: Der Film erzählt die 500 Tage währende Liebesbeziehung nicht chronologisch, sondern in mäandernden Episoden, die sich bisweilen direkt widersprechen und Kontraste setzen. Dabei überzeugt (500) Days of Summer durch großen Ideenreichtum, unaufgeregten Humor, kreative visuelle Einfälle, einen tollen Soundtrack und die Chemie zwischen Joseph Gordon-Levitt und Zooey Deschanel.

Filmszene aus Hautnah

Platz 12

Hautnah

Mike Nichols | 2004 | USA

Die Theateradaption Hautnah zeigt ein großartiges Ensemble (Natalie Portman, Jude Law, Julia Roberts, Clive Owen) in wechselnden Paarkonstellationen. Ihre Konflikte sorgen für dauerhafte Spannung: In pointierten Dialogen zwingen die Figuren einander mit kompromissloser Direktheit zum Seelenstriptease. Hautnah verzichtet auf Klischees und Konventionen und begegnet seinem Publikum auf Augenhöhe; er traut uns zu, das Innenleben der Figuren ohne die Hilfe erzählerischer Krücken zu ergründen. Regisseur Mike Nichols (Die Reifeprüfung) beweist wieder einmal seinen besonderen Zugang zu Menschen am Scheideweg ihres Lebens – Hautnah ist ein Meisterwerk.

Filmszene aus The Descent

Platz 11

The Descent

Neil Marshall | 2005 | Großbritannien

The Descent evoziert auf meisterhafte Weise existenziellen Horror: Er schickt sechs Frauen auf eine Odyssee durch ein unterirdisches Höhlensystem und überrascht mit blutigen Konflikten. Da sich der Film viel Zeit für die Exposition und die Figuren nimmt, verkommt er trotz einiger Schocks nie zur Gewaltorgie. Der klaustrophobische Schauplatz und die finsteren Bilder sorgen für ein Höchstmaß an Atmosphäre. Durch die psychisch labile Hauptfigur und einige erzählerische Brüche lässt The Descent mehrere Lesarten zu, was dem intensiven Filmerlebnis einen zusätzlichen Reiz verleiht.

Filmszene aus A Scanner Darkly

Platz 10

A Scanner Darkly

Richard Linklater | 2006 | USA

Wie so viele Science-Fiction-Stoffe basiert auch A Scanner Darkly auf einer Vorlage von Philip K. Dick (Blade Runner, Minority Report). Der Adaption gelingt es ausgezeichnet, die diffusen Stimmungen des Romans einzufangen: Die Paranoia einer dauerüberwachten, drogenzerfressenen Gesellschaft, den absurden Humor der Drogenkonsumenten und die Tragik der zerbrechenden menschlichen Beziehungen. Diese zerfahrene Welt erhält durch das ungewöhnliche Animationsverfahren eine passende visuelle Entsprechung. Aufgrund des vielschichtigen Inhalts und einer spielfreudigen Besetzung (Keanu Reeves, Woody Harrelson, Robert Downey Jr.) zählt A Scanner Darkly zu den interessantesten Sci-Fi-Filmen seiner Ära.

Filmszene aus Twentynine Palms

Platz 9

Twentynine Palms

Bruno Dumont | 2003 | Frankreich

Twentynine Palms zählt zu den seltenen Seherfahrungen, die geradezu körperlich spürbar sind. Bruno Dumont entwirft einen radikal reduzierten, existenzialistischen Albtraum: Er sperrt ein aufgrund einer Sprachbarriere dysfunktionales Paar in die menschenfeindliche kalifornische Wüste und schildert ihre Tage zwischen Wortlosigkeit und rüdem Sex. Inmitten der inneren wie äußeren Leere erscheint eine Flucht unmöglich, folglich reiht Dumont lediglich fragmentarische Episoden aneinander, ohne durch erzählerische Kompromisse eine Entwicklung oder einen Ausweg aufzuzeigen. Die latente Aggression und das archaische Setting münden in einem schockierenden Finale, das lange nachhallt.

Filmszene aus Als das Meer verschwand

Platz 8

Als das Meer verschwand

Brad McGann | 2004 | Neuseeland

Dem jung verstorbenen Regisseur und Drehbuchautor Brad McGann ist mit seinem ersten und zugleich letzten Film ein Meisterwerk gelungen. Die neuseeländische Romanverfilmung Als das Meer verschwand besitzt eine enorme erzählerische Dichte und umfasst genügend Material, um drei bis vier Filme zu füllen. Das Drehbuch vereint diverse Genres (Coming of Age- und Kriminalfilm, Drama, Thriller) und mehrere Zeitebenen zu einem in sich geschlossenen Konstrukt, das Schicht um Schicht abgetragen wird und dabei stetig neue Facetten enthüllt. Die inszenatorische Zurückhaltung, die Schönheit der neuseeländischen Landschaft und die starken Darsteller halten den Film trotz der vielen Motive nahbar und ungekünstelt.

Filmszene aus Brick

Platz 7

Brick

Rian Johnson | 2005 | USA

In seinem Debütfilm Brick verlegt Rian Johnson den Film Noir an eine kalifornische High School. Das Experiment einer Detektivgeschichte unter Jugendlichen funktioniert prächtig, da der Film seinen postmodernen Ansatz nicht überreizt; er verzichtet auf offensichtliche Ironie und gestattet sich lediglich ein lakonisches Augenzwinkern. Brick besticht durch ein schnörkelloses Drehbuch, das insbesondere in den erstklassigen Dialogen immer sofort zum Punkt kommt. Es hält den Plot lange mysteriös und beschwört einen düsteren Tonfall, ohne aufgesetzt zu wirken. Das ist auch ein Verdienst der starken Jungdarsteller um Joseph Gordon-Levitt, die angenehm subtil spielen.

Filmszene aus Memento

Platz 6

Memento

Christopher Nolan | 2000 | USA

Mit seinem zweiten Werk Memento feierte Christopher Nolan seinen Durchbruch und bewies nach Following erneut sein Faible für kreative Narrative. Der Thriller über einen rachsüchtigen Mann ohne Kurzzeitgedächtnis erzählt seine Handlung sowohl vom Anfang als auch vom Ende aus, sodass viele Szenen in umgekehrter Chronologie zu sehen sind und sich ein Puzzle voller spannender Brüche ergibt. Die verdrehte Zeitebene wandelt die dem kleinen Budget geschuldete Nüchternheit in eine Stärke um: Das Geschehen von Memento erscheint stark verdichtet und erzeugt so einen großen Fatalismus. Zu letzterem trägt auch Guy Pearce bei, der die Hauptfigur eindringlich verkörpert.

Filmszene aus No Country for Old Men

Platz 5

No Country for Old Men

Joel & Ethan Coen | 2007 | USA

Die Romane von Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy fußen auf einer sprachlichen Ökonomie, die sie unverfilmbar erscheinen lässt, doch den Coen-Brüdern ist mit No Country for Old Men eine würdige Adaption gelungen. Sie erzählen so verdichtet wie möglich, bleiben immer im Präsens, halten durchweg ein Tempo. Dadurch evoziert der Film ein Gefühl der Endgültigkeit – die Jagd eines soziopathischen Killers (famos: Javier Bardem) auf einen Mann mit gestohlenem Drogengeld scheint wie auf Schienen zu verlaufen, das Schicksal aller Beteiligten bereits vorgeplant zu sein. Der durchdringende Fatalismus und die konzentrierte Regie der Coens formen No Country for Old Men zu einem herausragenden Werk.

Filmszene aus Prestige - Meister der Magie

Platz 4

Prestige

Christopher Nolan | 2006 | USA

In Prestige entwirft Christopher Nolan ein Vexierspiel um zwei rivalisierende Bühnenmagier des späten 19. Jahrhunderts und nutzt dafür einmal mehr eine komplexe Narration, die über mehrere Erzählebenen Schicht um Schicht der gegenseitigen Täuschungen abträgt, bis wir zum Kern der Geschichte vorstoßen. Die leidenschaftliche Abneigung der beiden Protagonisten sorgt für einen emotionalen Kern und verhindert damit die kühle, technische Distanz der späteren Werke Nolans. Dabei ist Prestige auch noch schön gefilmt, fabelhaft ausgestattet und mit charismatischen Darstellern versehen.

Platz 3

Der Herr der Ringe: Die Gefährten

Peter Jackson | 2001 | Neuseeland, USA

Die Gefährten steht hier als Stellvertreter für das Gesamtkunstwerk, das Peter Jacksons mit Der Herr der Ringe schuf. Der neuseeländische Filmemacher adaptierte J. R. R. Tolkiens Fantasyepos standesgemäß: mit einer epischen Laufzeit, die Werktreue ermöglicht, und einem immensen Produktionsaufwand, der über die Kulissen, Kostüme und Effekte eine stimmungsvolle Vision von Mittelerde erschafft. Doch Der Herr der Ringe lebt nicht von seinem Budget allein, er ist auch bestechend inszeniert – die Regie von Peter Jackson ist ungeheuer kreativ und wirkungsvoll. Die grandiosen Bilder, die exzellenten Darsteller und ein erstaunlich hohes Tempo runden den modernen Klassiker ab.

Platz 2

Irreversibel

Gaspar Noé | 2002 | Frankreich

Der Skandalfilm von Gaspar Noé stürzt uns in ein filmisches Inferno und schockt mit drastischen Gewaltszenen, die durch die rückwärts verlaufende Szenenfolge eine ungewöhnliche Dynamik entfalten. Indem Irreversibel die Richtung von Ursache und Wirkung dreht, können wir die Gewalt nicht abstrahieren; Noé zwingt uns so ständig dazu, das Tun der Protagonisten zu hinterfragen, und evoziert durch die Unabwendbarkeit des Geschehens einen tiefschwarzen Fatalismus. Dabei greift Noé auf lange Plansequenzen und eine entfesselte Handkamera zurück, die den Strudel der Raserei eindrucksvoll illustriert und auf meisterhafte Weite aufzeigt, welche Wucht das Medium Film entwickeln kann.

Platz 1

Sin City

Robert Rodriguez | 2005 | USA

Sin City ist die definitive Comicverfilmung: Robert Rodriguez gelingt es, die Essenz von Millers Graphic Novel auf Celluloid zu bannen, vom geradlinigen Erzählstil über die typenhaften Figuren, vom schwarzen Humor bis zur kompromisslosen Gewalt. Vor allem aber setzt Rodriguez das Geschehen handwerklich brillant in Szene – nicht die sture Werktreue, sondern sein inszenatorisches Talent erweckt die Filmadaption zum Leben. Im Gegensatz zu den Avengers und Co. fühlt sich Sin City nie digital an, weil Rodriguez‘ Regie eine große Körperlichkeit vermittelt und fantastische Bilder für seine Film Noir-Welt findet.

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