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Der Film Noir

Ein Überblick über die Schwarze Serie, die die Kinogeschichte prägte

Der Film Noir

Ein Überblick über die Schwarze Serie, die die Kinogeschichte prägte

Einführung

1940 brach in Hollywood eine neue Ära an: Eine Reihe finsterer Kriminalfilme trug dem Zeitgeist Rechnung und bevölkerte eine verregnete Großstadtwelt mit kettenrauchenden Privatdetektiven, verschlagenen Femme fatales und korrupten Cops. Die Schwarze Serie zog ihre Figuren unerbittlich in den Abgrund und spiegelte den pessimistischen Tonfall durch eine schattenreichen Schwarz-Weiß-Ästhetik.

Inzwischen ist der Film Noir seiner Ära entwachsen und ein fester Bestandteil der Popkultur, die Filme und Stars sind zu Ikonen geworden. Dabei wirken sowohl die inhaltlichen Ideen als auch die Ästhetik der 20-jährigen Periode bis heute nach – der Film Noir zählt zu den einflussreichsten Strömungen der Filmgeschichte.

bis

Worum geht es beim Film Noir?

„
The term ‚film noir‘ didn’t exist in the 1940s. We didn’t know what we were making.
“
Robert Mitchum

Der Begriff

Der Film Noir ist durch und durch amerikanisch, entdeckt wurde diese filmische Spielart jedoch in Frankreich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte Hollywood seine Filme wieder in die vormals faschistisch besetzten Länder exportieren und zeigte 1946 Kriminalfilme aus den Jahrgängen 1941 bis 1944 in Paris: Die Spur des Falken, Laura, Mord, mein Liebling, Frau ohne Gewissen und Gefährliche Begegnung.

Anhand dieser gebündelt aufgeführten Filme stellten die französischen Filmkritiker Nino Frank und Jean-Pierre Chartier im französischen Filmjournal L’Écran français eine neue, düstere Tendenz im amerikanischen Kino fest, die sich im Lauf der Kriegszeit herausgebildet hatte. Da zu dieser Zeit eine Reihe von Kriminalromanen unter dem Label Série noir erschien, lag es nahe, die verwandten Filme Film noir zu nennen.

Filmszene aus Der Scharlatan

Wie der Italienische Neorealismus oder die Japanische Neue Welle ist auch der Film Noir ein Produkt seiner Ära, und obwohl sein Einfluss bis heute ungebrochen ist, lassen sich klare zeitliche Anfangs- und Endpunkte festmachen.

Aufgrund dieses Zeitbezugs plädiere ich dafür, auch den Film Noir als Strömung zu definieren. Sie bezieht sich auf amerikanische Filme, die zwischen 1940 und 1958 gedreht wurden und inhaltlich wie ästhetisch klare Bedingungen erfüllen.

Filmszene aus Zeuge gesucht
„
Film noir is […] about the American nightmare rather than the American dream.
“
Nicholas Ray

Die Traumata des Zweiten Weltkrieges

Um zu verstehen, worum es beim Film Noir geht, muss vor allem die zugrundeliegende Psychologie der Ära untersucht werden.

Der Zweite Weltkrieg beeinflusste die Strömung erheblich – das Chaos in Europa, der Angriff auf die Volksseele in Pearl Habour, die verlustreiche Kriegsteilnahme der Vereinigten Staaten illustrieren eine dunkle Ära, die folgerichtig dunkle Filme produzierte.

Insbesondere die Film Noirs der Vierziger Jahre streifen den Zweiten Weltkrieg regelmäßig. Der Krieg hat die Protagonisten des Film Noir verändert – sie sind verschlossener geworden, haben sich eine harte Schale zugelegt, die häufig innere Traumata verbergen. Die Männer der Kriegsgeneration haben ihre Unschuld verloren und sind oft unfähig, sie zurückzugewinnen.

Filmszene aus The Sniper

American Nightmare

Die Traumata des Krieges und die Entfremdung von der alten Heimat stehen in deutlichem Kontrast zum American Dream. Der Wirtschaftsboom nach Kriegsende stärkte die Mittelschicht und führte zu einem ganz neuen Materialismus – der Sprung in die höhere Gesellschaftsschicht schien plötzlich für jedermann möglich.

Naturgemäß bringt die Suche nach Abkürzungen und schnellem Geld auch die Kehrseite dieser Möglichkeiten hervor: Gier und Korruption bilden Grundpfeiler des Film Noir. Doch wehe dem, der der Versuchung erliegt – keine böse Tat bleibt ungesühnt, beinahe jeder Vertreter der Schwarzen Serie zeichnet sich dadurch aus, einen Fehler oder eine Tat wie einen Fluch an die Protagonisten zu ketten. Daraus entsteht einen unbarmherziger Fatalismus: Im Bemühen, den Fluch zu bezwingen, gehen die Figuren weitere Risiken ein und fallen ihm über kurz oder lang trotzdem zum Opfer.

Filmszene aus Im Kreuzfeuer

Rückblenden und Voice-Over

Um ihren Fatalismus noch effektvoller generieren zu können, starten viele Film Noirs, wenn es bereits zu spät ist: In einer Gefängniszelle, auf dem Sterbebett oder sogar post mortem erzählen die Protagonisten ihre Geschichte in Rückblenden. Diese Herangehensweise offenbart auch, dass es im Film Noir seltener um das Was als um das Wie geht – die Strömung lebt von ihrem Stil, nicht von der Handlung.

Oft erfahren wir die sündigen Details von einem Voice-Over-Erzähler. Diese fast schon obligatorische Art der Narration schafft eine zweite Ebene: Der Erzähler weiß mehr als wir Zuschauer; das versetzt ihn in die Lage, das Geschehen knackig zu kommentieren.

Filmszene aus Rächer der Unterwelt

Niedrige und schräge Kameraperspektiven

Die visuelle Ebene der Schwarzen Serie wird nicht nur durch die expressive Beleuchtung bestimmt – die typische Aufnahmeposition der Kamera liegt ein ganzes Stück tiefer als gewohnt: Statt auf der Schulterhöhe der Protagonisten befindet sie sich in der Regel auf Hüfthöhe.

Diese tiefere Perspektive fühlt sich gänzlich anders an: Sie trägt dazu bei, dass die Welt des Film Noir sich ein Stück weit verdreht anfühlt; alles sieht aus, wie es aussehen soll, und doch herrscht eine latente Unruhe vor.

In besonders intensiven Szenen verzerrten die Kameramänner die Perspektive gerne durch eine Schräglage der Kamera – wütende Psychopathen, Verfolgungsjagden oder Mordszenen wirken so noch bedrohlicher, Machtverhältnisse kippen im Wortsinne.

Filmszene aus Um Haaresbreite

Ein guter Einstiegsfilm

Frau ohne Gewissen

Billy Wilder | 1944 | USA

Billy Wilders Film Noir aus dem Jahr 1944 gilt als einer der Prototypen der Schwarzen Serie. Frau ohne Gewissen beinhaltet nahezu alle Stilmerkmale der Strömung: Er wird in Rückblenden und mittels eines Voice-Overs erzählt und handelt von einem Mann, der von einer Frau verführt und zu einem Mord getrieben wird. Die Low-Key-Beleuchtung sorgt für tolle Bilder, während Fred MacMurray als Antiheld und Barbara Stanwyck als Femme fatale eine fantastische Chemie beweisen. Großen Spaß machen auch die schnippischen Dialoge von Krimilegende Raymond Chandler.

Top 10: Die besten Film Noirs

Filmszene aus Goldenes Gift

Goldenes Gift

Jacques Tourneur | 1947 | USA
Goldenes Gift definiert den Gipfel des klassischen Film Noir. Das Meisterwerk von Jacques Tourneur besitzt einen komplexen Plot, der mit unserer Erwartungshaltung spielt und die eindrucksvollste Femme fatale der Schwarzen Serie etabliert. Der Film schwelgt in betörendem Schwarz-Weiß und aalt sich regelrecht in seiner fatalistischen Stimmung, die nicht für Hochspannung, sondern für eine alles durchdringende Melancholie sorgt. Keine impulsiven Verbrechen, sondern ein Hass zäh wie Honig treibt Goldenes Gift an. Die herausragende Besetzung (Robert Mitchum, Kirk Douglas), die erzählerische Konsequenz und das poetische Finale runden den beeindruckenden Film ab.
Filmszene aus Rattennest

Rattennest

Robert Aldrich | 1955 | USA
Rattennest ist ein B-Movie, das Filmgeschichte schrieb: Der Klassiker von Robert Aldrich verleibte sich den klassischen Film Noir ein, kaute ihn gehörig durch und spuckte etwas Neues aus - den ersten Neo-Noir. Ohne jeden Respekt übersteigert Aldrich die Figuren und Motive der Schwarzen Serie bis ins Comichafte und orientiert sich dabei deutlich an der Nouvelle Vague. Er bricht mit traditionellen Regeln des Filmemachens, stellt die Filmhaftigkeit des Geschehens offen aus und dekonstruiert die Semantik des Film Noir. Sein postmoderner Ansatz verwandelt die simple Detektivgeschichte in eine sensationelle Pulp Fiction, die den Film Noir am Ende wortwörtlich in die Luft sprengt.
Filmszene aus Ein einsamer Ort

Ein einsamer Ort

Nicholas Ray | 1950 | USA
Ein einsamer Ort vereint die beiden schicksalhaftesten Spielarten des Kinos: den Film Noir und das Melodram. Dass hier ein Mord die Grundlage für eine Liebesgeschichte bildet, illustriert die Schwärze des Stoffes, der fortwährend Zynismus und Fatalismus versprüht. Dabei brilliert der Film von Nicholas Ray durch starke Dialoge und lebt besonders von Hauptdarsteller Humphrey Bogart, der in seiner Karriere viele große Rollen meisterte, aber nie besser spielte als in Ein einsamer Ort.
Filmszene aus Mord, mein Liebling

Mord, mein Liebling

Edward Dmytryk | 1944 | USA
Die erste Adaption eines Philip Marlowe-Romans von Raymond Chandler ist zugleich die beste: Der frühe Film Noir Mord, mein Liebling spielt die Stärken der Vorlage voll aus, er nutzt Chandlers blumige Sprache und übernimmt den herrlich konfusen Plot ohne erzählerische Kompromisse. Zudem setzte Edward Dmytryks markante Bildgestaltung den Standard für alle nachfolgenden Vertreter der Schwarze Serie. Zwar ist Philip Marlowe vor allem mit dem ikonischen Humphrey Bogart verknüpft, der Ansatz von Mord, mein Liebling funktioniert jedoch auch ausgezeichnet - Dick Powell legt den Protagonisten ironischer und smarter an.
Filmszene aus Der dritte Mann

Der dritte Mann

Carol Reed | 1949 | Großbritannien
Der britische Film Noir Der dritte Mann entstand an Originalschauplätzen in Wien, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine besondere Kulisse abgab. Die versehrte Architektur ermöglichte pittoreske Bilder, deren Schwere durch die berühmte Zithermusik von Anton Karas kontrastiert wird. Sie verleiht dem Film eine latent ironische Note, die eigentlich gar nicht zum perfiden Plot passt. Die mysteriöse Handlung und die undurchsichtigen Figuren sorgen für viel Suspense. Die ausgezeichneten Darsteller um Joseph Cotton und Orson Welles hinterlassen ebenso einen bleibenden Eindruck wie die effektvolle Inszenierung von Carol Reed.
Filmszene aus Tote schlafen fest

Tote schlafen fest

Howard Hawks | 1946 | USA
Tote schlafen fest zählt zu den Referenzwerken des Film Noir und zu den wenigen hoch budgetierten Vertretern der Strömung. Die Adaption des gleichnamigen Kriminalromans von Raymond Chandler etablierte mit dem von Humphrey Bogart gespielten Philip Marlowe den Archetyp des Privatdetektivs im Film und letztlich in der Popkultur. Bogarts großartige Darstellung profitiert auch von den pointierten Dialogen der drei Großmeister Chandler, Faulkner und Hawks, während ein anderer Aspekt des Drehbuchs immer wieder aufs Neue zu verwundern mag: Der Plot ist auf legendäre Weise konfus. Das tut dem Vergnügen aber keinen Abbruch, zumal Regie, Bilder und Schauspieler begeistern.
Filmszene aus Heißes Eisen

Heißes Eisen

Fritz Lang | 1953 | USA
Heißes Eisen verlieh dem Film Noir eine neue Härte: Der Klassiker von Fritz Lang etabliert einen rauen Tonfall und überrascht mit drastischer Gewalt. Auch der Werdegang des Protagonisten ist bemerkenswert, der Cop auf Rachefeldzug bewegt sich an der Grenze zum Antihelden. Die starken Figuren werten den soliden Plot entscheidend auf, Heißes Eisen versammelt gleich mehrere spannende Frauenfiguren und einen psychopatischen Schurken, der von Lee Marvin formidabel gespielt wird. Die stilsichere Inszenierung von Fritz Lang bietet den passenden Rahmen für diesen düsteren Film Noir.
Filmszene aus Laura

Laura

Otto Preminger | 1944 | USA
Laura zählt zu den unterhaltsamsten Film Noirs: In der Frühphase der Schwarzen Serie entstanden, steht der Film von Otto Preminger noch sichtlich in der Tradition konventioneller Whodunit-Krimis. Er gibt sich visuell wie inhaltlich deutlich weniger finster als spätere Vertreter der Strömung; die Mordermittlung dient vor allem als Vehikel, um zahlreiche in Abneigung verbundene Figuren durch bissige Wortduelle zu führen. Die hervorragend aufgelegten Darsteller und der berühmte Twist sorgen für beste Unterhaltung.
Filmszene aus Akt der Gewalt

Akt der Gewalt

Fred Zinnemann | 1948 | USA
Der Film Noir Akt der Gewalt spürt den psychologischen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges nach und hetzt einen hasszerfressenden Veteranen auf einen ehemaligen Kameraden und dessen Familie. Der Antagonist fungiert als Personifizierung der Kriegsgräuel, als Schuldfrage auf zwei Beinen, die den Protagonisten auf ewig verfolgt. Der Thriller von Fred Zinneman versteht es hervorragend, eine schwarze Paranoia in eine heile Welt einbrechen zu lassen; folgerichtig verschiebt sich der Ort der Handlung von der ländlichen Idylle in die Großstadt und sorgt mit düsteren Bildern für Stimmung. Robert Ryan gibt einen großartigen Bösewicht ab, zumal der Film seine Figuren erstaunlich ambivalent hält - unsere Wahrnehmung der Hauptfiguren befindet sich konstant in Bewegung.
Filmszene aus Im Zeichen des Bösen

Im Zeichen des Bösen

Orson Welles | 1958 | USA
Im Zeichen des Bösen markiert den Endpunkt des klassischen Film Noir. Der Theaterliebhaber Orson Welles legte sein Werk wie ein shakespearesches Drama an und steigerte die Schwarze Serie auf das größtmögliche Maß, was sich besonders in der Figurenzeichnung bemerkbar macht. Die grandiose Kameraarbeit und der pessimistischen Tonfall etablieren eine neurotische Stimmung, in besonderer Erinnerung bleiben die legendäre Plansequenz zu Beginn des Films und die gigantische Präsenz von Orson Welles als Antagonist.

Die wesentlichen Einflüsse auf den Film Noir

Deutscher Expressionismus

Die Ästhetik der Schwarzen Serie entstammt den expressionistischen Stummfilmen aus Deutschland. Werke wie Das Cabinet des Dr. Caligari erschufen aus übertriebenem Licht- und Schattenspiel ganz eigene filmische Parallelwelten. Als die deutschen Regisseure im Zuge der Machtergreifung der Nazis in die Vereinigten Staaten emigrierten, exportierten sie auch diese Stilistik.

Filmszene aus Das Cabinet des Dr. Caligari

Amerikanische Gangsterfilme

Die formalen und inhaltlichen Merkmale der beiden vorgenannten Strömungen aus dem Ausland fielen auf den fruchtbaren Boden eines uramerikanische Sujets – der Faszination am Verbrechen, das in den Dreißiger Jahren durch Gangsterfilme wie Howard Hawks‘ Scarface oder William A. Wellmans Der öffentliche Feind gefüttert wurde.

Filmszene aus Scarface - Narbengesicht

Die drei Phasen des Film Noir

Die Film Noirs der Kriegsjahre

(1940 – 1946)

Die während des Zweiten Weltkrieges produzierten Werke der Schwarzen Serie orientierten sich noch stark an klassischen Kriminalfilmen. Nach wie vor wurden sie überwiegend im Studio gedreht und schildern die Aufklärung von Verbrechen, schlagen dabei aber einen düsteren Tonfall an als konventionelle Krimis.

Beispiele: Die Spur des Falken (1941) | Der gläserne Schlüssel (1942) | Laura (1944) | Rächer der Unterwelt (1946)

Filmszene aus Die Narbenhand

Die Film Noirs der Kriegsjahre

(1940 – 1946)

Die während des Zweiten Weltkrieges produzierten Werke der Schwarzen Serie orientierten sich noch stark an klassischen Kriminalfilmen. Nach wie vor wurden sie überwiegend im Studio gedreht und schildern die Aufklärung von Verbrechen, schlagen dabei aber einen düsteren Tonfall an als konventionelle Krimis.

Beispiele: Die Spur des Falken (1941) | Der gläserne Schlüssel (1942) | Laura (1944) | Rächer der Unterwelt (1946)

Der Nachkriegsrealismus

(1945 – 1949)

In der zweiten Phase des Film Noir rückten die Milieus stärker in den Vordergrund. Die Großstadt als Ort von Laster und Verbrechen bildete das Zentrum für Filme, die zunehmend an Originalschauplätzen gedreht wurden. Die Figuren stehen in der Regel unter deutlich stärkerem Druck und die Geschichten beinhalten stärkere Frauenrollen.

Beispiele: Goldenes Gift (1947) | Der dritte Mann (1949) | Gewagtes Alibi (1949)

Filmszene aus Gewagtes Alibi

Der Nachkriegsrealismus

(1945 – 1949)

In der zweiten Phase des Film Noir rückten die Milieus stärker in den Vordergrund. Die Großstadt als Ort von Laster und Verbrechen bildete das Zentrum für Filme, die zunehmend an Originalschauplätzen gedreht wurden. Die Figuren stehen in der Regel unter deutlich stärkerem Druck und die Geschichten beinhalten stärkere Frauenrollen.

Beispiele: Goldenes Gift (1947) | Der dritte Mann (1949) | Gewagtes Alibi (1949)

Die Ära der Psychopathen

(1949 – 1958)

Die dritte Phase des Film Noir setzte sich mit den eigenen Formeln auseinander. Im Bewusstsein um die eigenen Motive setzten die Kreativen auf neue Varianten, deutlich mehr Härte und Übersteigerungen. Insbesondere die B-Noirs trieben ihre Helden in die Verzweiflung und die Schurken in den Wahnsinn; Manien und Psychosen bestimmen zunehmend das Tun der Protagonisten.

Beispiele: Polizei greift ein (1953)| Heißes Eisen (1953) | Im Zeichen des Bösen (1958)

Filmszene aus Polizei greift ein

Die Ära der Psychopathen

(1949 – 1958)

Die dritte Phase des Film Noir setzte sich mit den eigenen Formeln auseinander. Im Bewusstsein um die eigenen Motive setzten die Kreativen auf neue Varianten, deutlich mehr Härte und Übersteigerungen. Insbesondere die B-Noirs trieben ihre Helden in die Verzweiflung und die Schurken in den Wahnsinn; Manien und Psychosen bestimmen zunehmend das Tun der Protagonisten.

Beispiele: Polizei greift ein (1953)| Heißes Eisen (1953) | Im Zeichen des Bösen (1958)

Der Film Noir außerhalb der Vereinigten Staaten

Frankreich

Natürlich fand eine Strömung, die einen französischen Namen hat, auch in Frankreich einen Resonanzboden. Bereits 1943 drehte Henri-Georges Clouzot mit Der Rabe einen fesselnden Film Noir, in dem ein anonymer Briefeschreiber die Bürger einer Kleinstadt aufeinander hetzt. 1955 legte Clouzot dann sein Meisterwerk vor: Der Mysterythriller Die Teuflischen überzeugt vor allem durch seine sinistere Atmosphäre.

Auch Louis Malles betont langsamer Krimi Fahrstuhl zum Schafott und Jacques Beckers packendes Gefängnisdrama Das Loch zählen zu den Höhepunkten aus dieser Periode.

Der Meister des französischen Noirs ist für mich jedoch Jean-Pierre Melville. Seine Gangsterfilme überzeugen mit stilistischer Coolness und unbarmherzigem Fatalismus – egal ob in Schwarz-Weiß (Der Teufel mit der weißen Weste, Der zweite Atem) oder Farbe (Der eiskalte Engel, Vier im roten Kreis, Armee im Schatten).

Filmszene aus Der zweite Atem

Großbritannien

Mit dem im zerstörten Nachkriegswien gedrehten Film Noir Der dritte Mann stellt Großbritannien einen der berühmtesten Vertreter der gesamten Strömung.

Zuvor drehte Carol Reed bereits mit Ausgestoßen ein stilistisch interessantes Werk und schilderte in Kleines Herz in Not eine düstere Geschichte aus der Perspektive eines Kindes.

Brighton Rock punktet mit einem jungen Richard Attenborough als psychopathischem Mörder und auch in Die Ratte von Soho ist ein Bösewicht der Star des Films: Richard Widmark spielt als amoralischer Gangster ganz groß auf und London kann als Schauplatz mühelos mit amerikanischen Großstädten mithalten.

Filmszene aus Ausgestoßen

Post- und Neo-Noirs

Das Ende des Film Noir

Im Allgemeinen wird Orson Welles später Vertreter Im Zeichen des Bösen (1958) als Endpunkt der klassischen Ära der Strömung gesehen.

Der erste Neo-Noir erschien jedoch schon 1955 und dekonstruierte die Schwarze Serie bereits drei Jahre vor ihrem „offiziellen“ Ende. Robert Aldrich drehte mit Rattennest eine übersteigerte Persiflage auf die Welt des Film Noir und sprengte sie in seinem ikonografischen Finale in die Luft. Danach waren konventionelle Vertreter der Strömung nicht mehr ernst zu nehmen.

Filmszene aus Im Zeichen des Bösen

Hard boiled Thriller

Die nihilistischen Seiten der späten Film Noirs flossen in den folgenden Jahrzehnten vor allem in harte Thriller ein, die häufig so unterkühlte wie kompromisslose Anti-Helden ins Zetrum rückten. Vertreter des Typus bevölkern großartige Thriller wie Point Blank, Get Carter, Getaway oder Driver.

Auf diese Genreklassiker der Siebziger Jahren folgten ähnlich gelagerte Filme im modernen Kino: David Finchers Sieben sowie Nicolas Winding Refns Drive führten diese Ausprägung fort.

Filmszene aus Drive (2011)

Die wichtigsten Film Noirs

1941 – Die Spur des Falken (John Huston)
1942 – Der gläserne Schlüssel (Stuart Heisler)
1942 – Die Narbenhand (Frank Tuttle)
1944 – Frau ohne Gewissen (Billy Wilder)
1944 – Laura (Otto Preminger)
1944 – Mord, mein Liebling (Edward Dmytryk)
1944 – Ministerium der Angst (Fritz Lang)
1945 – Solange ein Herz schlägt (Michael Curtiz)
1945 – Umleitung (Edgar G. Ulmer)
1946 – Rächer der Unterwelt (Robert Siodmak)
1946 – Tote schlafen fest (Howard Hawks)
1946 – Die blaue Dahlie (George Marshall)
1946 – Die seltsame Liebe der Martha Ivers (Lewis Milestone)
1946 – Die Spur des Fremden (Orson Welles)
1946 – Gilda (Charles Vidor)
1947 – Goldenes Gift (Jacques Tourneur)
1947 – Die schwarze Natter (Delmer Daves)
1947 – Die Lady von Shanghai (Orson Welles)
1948 – Du lebst noch 105 Minuten (Anatole Litvak)
1948 – Akt der Gewalt (Fred Zinnemann)
1948 – Gangster in Key Largo (John Huston)
1948 – Stadt ohne Maske (Jules Dassin)

1949 – Der dritte Mann (Carol Reed)
1949 – Gewagtes Alibi (Robert Siodmak)
1949 – Too Late for Tears (Byron Haskin)
1949 – Strafsache Thelma Jordon (Robert Siodmak)
1949 – Ring frei für Stoker Thompson (Robert Wise)
1950 – Ein einsamer Ort (Nicholas Ray)
1951 – Polizeirevier 21 (William Wyler)
1951 – Die Spur führt zum Hafen (Robert Parrish)
1951 – On Dangerous Ground (Nicholas Ray)
1952 – Um Haaresbreite (Richard Fleischer)
1952 – Der vierte Mann (Phil Karlson)
1953 – Polizei greift ein (Samuel Fuller)
1953 – Heißes Eisen (Fritz Lang)
1953 – Niagara (Henry Hathaway)
1955 – Rattennest (Robert Aldrich)
1955 – Geheimring 99 (Joseph H. Lewis)
1956 – Die Rechnung ging nicht auf (Stanley Kubrick)
1957 – Dein Schicksal in meiner Hand (Alexander Mackendrick)
1958 – Im Zeichen des Bösen (Orson Welles)
1961 – Blast of Silence (Allen Baron)
1961 – Alles auf eine Karte (Samuel Fuller)

Quellenangabe

Für die Erstellung dieser Übersichtsseite wurden rund 200 Film Noirs gesehen und folgende Bücher zu Rate gezogen:

Film Noir (Paul Duncan, Peter Müller)

Einführung in die Filmgeschichte Band 2 (Thomas Christen)

Filmgenres: Film Noir (Norbert Grob)

A Companion to Film Noir (Andrew Spicer, Helen Hanson)

Out of the Shadows (Gene D. Phillips)

Dames in the Driver's Seat (Jans B. Wagner)

Rethinking the Femme Fatale in Film Noir (Julie Grossman)

Notes on Film Noir (Paul Schrader)

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Kritikenarchiv zum Film Noir

Foto Tom Schünemann

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.
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