Die 30 besten Filme

von 1960 bis 1969

In den Sechziger Jahren erfuhr das Medium Film einen grundlegenden Umbruch: Jahrzehntelang hatten die großen Studios das Kino dominiert und kommerzialisiert, bis sich in Frankreich Widerstand formte. Die Nouvelle Vague brach mit Traditionen und trat weltweit Neue Wellen los – in Japan, Osteuropa, den Vereinigten Staaten und Deutschland.

Die Motive und die Genres des Kinos erlebten eine Erneuerung: Junge Regisseure verschoben die künstlerischen Grenzen und erhielten durch die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen neue Themen. Aufgrund dieser Umwälzungen zählen die Sechziger Jahre zu den aufregendsten Perioden der Kinogeschichte.

Bestenlisten verkünden keine objektiven Wahrheiten, sie sind per se subjektiv und imperfekt. Die hier aufgeführten persönlichen Favoriten sollten daher als inspirierende Ergänzung zu eigenen Lieblingsfilmen verstanden werden.

Honorable Mentions

Die Sechziger Jahre haben zahllose herausragende Filme hervorgebracht, doch diese Bestenliste umfässt nur 30 Plätze. Deshalb konnten nicht alle Favoriten berücksichtigt werden; einige von ihnen sollen zumindest lobend erwähnt werden:

Starten wir in Japan, wo sich Tradition und Moderne mit Meisterwerken überboten. Aus dem klassischen Studiokino blieb leider kein Platz mehr für Akira Kurosawas Samuraifilme Yojimbo und Sanjuro sowie seinen epischer Kriminalfilm Zwischen Himmel und Hölle.

Diverse Filme aus der Japanischen Neuen Welle sind ebenfalls auf dem fiktiven 31. Platz gelandet. Dazu zählen das fantastisch fotografierte Geistermelodram Kuroneko, die poppige Prostituiertenballade Gate of Flesh sowie der gesellschaftskritische B-Noir Der schwarze Testwagen.

Auch in den Vereinigten Staaten konkurrierten klassische Studiofilme mit dem modernen Ansatz der New Hollywood-Ära. Bei den klassischen Vertretern blieb kein Platz mehr für Stanley Kubricks Lolita, den Politkrimi Sturm über Washington, den Sci-Fi-Klassiker Planet der Affen, das Billarddrama Haie der Großstadt und den Horrorfilm Bis das Blut gefriert.

Zwei sehenswerte Klassiker entstanden völlig abseits des Studiosystems: George A. Romeros ersten modernen Zombiefilm Die Nacht der lebenden Toten sowie den von der Nouvelle Vague inspirierten Autorenfilm-Noir Blast of Silence hätte ich gerne noch untergebracht.

Auch beim New Hollywood-Kino musste der Rotstift angesetzt werden. Das betraf Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss, Ein Mann wird gejagt, den revolutionäre Bonnie und Clyde, den kafkaesken Thriller Der Mann, der zweimal lebte sowie das ungewöhnliche Drama Der Schwimmer. Für Sam Peckinpahs The Wild Bunch und Sacramento war die Bestenliste leider nicht lang genug.

Apropos Western: Die große Revolution des Genres fand in Italien statt, weshalb noch eine Reihe von Italowestern erwähnt werden sollen. Bitterböse Exemplare wie Sergio Corbuccis Django und Leichen pflastern seinen Weg, die spaßigen Cuchillo-Filme Der Gehetzte der Sierra Madre und Lauf um dein Leben von Sergio Sollima sowie Sergio Leones Epos Zwei glorreiche Halunken.

Die Vielfalt des italienischen Kinos belegen drei weitere Werke, die die Bestenliste knapp verpasst haben: Viscontis klassisches Historienepos Der Leopard, Antonionis moderne gesellschaftliche Bestandsaufnahme Die Nacht, Mario Bavas launiger Giallo Blutige Seide.

Besonders viele Wackelkandidaten kamen aus Frankreich. Es blieb leider kein Platz für Jean-Luc Godards Meilensteine Außer Atem und Die Verachtung, den galligen Krimi Der siebte Geschworene, den Gefängnisfilm Das Loch und den Politthriller Z – Anatomie eines politischen Mordes. Zudem mussten zwei Werke vom Jean-Pierre Melville außen vor bleiben: Der eiskalte Engel und Armee im Schatten.

Blicken wir über den Ärmelkanal nach Großbritannien, denn der fantastische Michael Caine in Alfie muss noch erwähnt werden. Ebenso der Kalte-Krieg-Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam, der twistreiche Horrorfilm Ein Toter spielt Klavier aus der Hammer-Schmiede sowie wenigstens ein Abenteuer von James Bond: Im Geheimdienst Ihrer Majestät.

Deutsche Vertreter dürfen ebenfalls nicht fehlen. Leider blieb auf der Bestenliste kein Platz für Rainer Werner Fassbinders radikales Frühwerk Katzelmacher; der ebenfalls dem Neuen Deutschen Film zugehörige Jagdszenen aus Niederbayern blieb ebenfalls außen vor. Außerdem möchte ich noch drei starke DEFA-Filme empfehlen: Den wahnsinnig modern inszenierten Das Kaninchen bin ich, den Antikriegsfilm Ich war neunzehn sowie den systemkritischen Spur der Steine.

Was gab es sonst noch aus Europa? Ingmar Bergmans Klassiker Das Schweigen und Die Stunde des Wolfs. Auch der schwedische Skandalfilm 491 war ein heißer Kandidat für die Bestenliste. Auch die ungarische Satire Der Zeuge muss erwähnt werden. Außerdem zwei Vertreter der Tschechoslowakischen Neuen Welle, Der Feuerwehrball und Wagen nach Wien.

Beenden wir diese Aufzählung mit einer schnellen Reise durch den Rest der Welt. Ausdrücklich empfohlen seien Luis Buñuels mexikanische Farce Der Würgeengel, das archaische türkische Drama Trockener Sommer, der bildschöne kubanische Propagandafilm Ich bin Kuba, der indische Klassiker Die große Stadt, das brasilianische Kriminaldrama Der Überfall auf den Postzug, der koreanische Psychothriller Das Hausmädchen sowie die tollen afrikanischen Klassiker Black Girl und Mandabi.

Diese lange Aufzählung belegt schon die wahnsinnig hohe Qualität des besten Filmjahrzehnts der Geschichte; kommen wir nun zur Crème de la Crème den 30 besten Filmen der Jahre 1960 bis 1969:

Filmszene aus Für eine Handvoll Dollar

Platz 30

Für eine Handvoll Dollar

Sergio Leone | 1964 | Italien

Mit Für eine Handvoll Dollar half Sergio Leone dem amerikanischen Western aus der Krise und machte den Italowestern populär. Die rohe Ästhetik, die kompromisslosen Schusswechsel und das unterkühlte Auftreten des damals noch unbekannten Clint Eastwood verleihen dem Film eine ganz eigene Coolness. Das Rückgrat des cleveren Plots und seines Antihelden lieferte allerdings Akira Kurosawas Samuraiklassiker Yojimbo, bei dem sich Leone ohne Lizenz bediente. Gänzlich originell ist hingegen die unsterbliche Musik von Ennio Morricone, die maßgeblich zum Flair des Films beiträgt.

Filmszene aus Iwans Kindheit

Platz 29

Iwans Kindheit

Andrei Tarkowski | 1962 | Russland

Schon in Andrei Tarkowskis Debütfilm Iwans Kindheit ist die Meisterschaft des Ausnahmeregisseurs erkennbar: Der russische Filmemacher begleitet einen Jungen durch den Zweiten Weltkrieg und transportiert dessen Traumata über beeindruckende Bilder. Tarkowski visualisiert Iwans Dasein als Wechselzustand zwischen Realität und Albtraum; das erzeugt im Zusammenspiel mit der ausgeprägten Symbolik eine verwunschene Stimmung, verleiht dem Krieg jedoch auch einen besonderen Schrecken.

Filmszene aus Intentions of Murder

Platz 28

Intentions of Murder

Shôhei Imamura | 1964 | Japan

Die Filmografie von Shôhei Imamura umfasst viele schwierige und kontroverse Werke, doch Intentions of Murder sticht trotzdem heraus: Die Leidensgeschichte einer vergewaltigten Frau, die eine Beziehung zu ihrem Peiniger aufbaut und sich darüber emanzipiert, erweist sich als herausfordernde Filmerfahrung. Imamura pfeift auf Moralfragen und erforscht komplexe Gefühlswelten abseits gängiger Konzepte von Liebe und Hass. Der Regisseur verstärkt den nihilistischen Eindruck seiner Tour de Force durch einen messerscharfen Schnitt und ungewöhnliche Perspektiven; umso mehr überrascht es, dass Imamura zwischen finsteren Winterbildern und menschlichen Abgründen einen unerwarteten Humanismus zutage fördert.

Filmszene aus Das süße Leben

Platz 27

Das süße Leben – La Dolce Vita

Federico Fellini | 1960 | Italien

Das süße Leben zählt zu den zentralen Filmen im Werk von Federico Fellini und gewann 1960 die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes. In seinem Opus Magnum schildert der Ausnahmeregisseur das bedeutungsleere Leben der römischen Schickeria und die Sensationslust der Medien daran. Dabei wechselt Fellini gekonnt den Tonfall: Leichtfüßige Ironie, banale Nichtigkeiten und bittere Tragik fließen nahtlos ineinander. Die todschicken Schwarz-Weiß-Bilder bleiben ebenso in Erinnerung wie die energiegeladenen Auftritte von Marcello Mastroianni und Anita Ekberg.

Filmszene aus Angst (1966)

Platz 26

Angst

Kostas Manoussakis | 1966 | Griechenland

Im griechischen Klassiker Angst deckt eine Bauernfamilie die Mordtat ihres Sohnes und gerät dadurch in eine innere wie äußere Krise. Der Film von Kostas Manoussakis brilliert darin, die vermeintlich idyllischen Sommerbilder mit einer enormen psychologischen Spannung aufzuladen. Die formale Qualität – Manoussakis findet immer wieder aufs Neue fabelhafte Stilmittel – sorgt für eine fiebrige Stimmung und alptraumhafte Szenen; die kluge Charakterisierung der Figuren und ein regelmäßig aufblitzender schwarzer Humor vertiefen den Film zusätzlich.

Filmszene aus Red Angel

Platz 25

Red Angel

Yasuzō Masumura | 1966 | Japan

Der Antikriegsfilm Red Angel pendelt zwischen den Extremen: Nihilismus und Humanismus stehen hier gleichberechtigt nebeneinander und bilden eine absurde Mischung, die den Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges widerspiegelt. Eine junge Krankenschwester und ein drogensüchtiger Arzt stehen im Zentrum der Geschichte, die über weite Strecken in einem Lazarett spielt, in dem sich regelmäßig amputierten Gliedmaßen stapeln. In Red Angel zerstört der Horror des Krieges die Protagonisten nicht nur körperlich, sondern auch geistig – sie verkommen zu leeren Hüllen, die versuchen, sich einen letzten Rest Menschlichkeit zu bewahren.

Filmszene aus Die Tage des Weines und der Rosen

Platz 24

Die Tage des Weines und der Rosen

Blake Edwards | 1962 | USA

Blake Edwards ist eher für Komödien wie Frühstück bei Tiffany oder Unternehmen Petticoat bekannt, sein bester Film schlägt jedoch ganz andere Töne an: Das Alkoholikerdrama Die Tage des Weines und der Rosen beginnt als charmante Romanze und entwickelt sich zur Tour de Force. Dabei nähert sich Edwards den Figuren aufrichtig und kommt ohne falsche Dramatik aus. Die emotionale Wucht zieht der Film aus der stilsicheren Schwarz-Weiß-Fotografie und die herausragenden Hauptdarsteller – Jack Lemmon und Lee Remick finden eine tolle Chemie.

Filmszene aus Der Teufel mit der weißen Weste

Platz 23

Der Teufel mit der weißen Weste

Jean-Pierre Melville | 1962 | Frankreich

Mit Der Teufel mit der weißen Weste drehte Jean-Pierre Melville ein Referenzwerk des Gangsterfilms. Wie in späteren Arbeiten inszeniert der Regisseur das Leben der Pariser Unterwelt mit großem Fatalismus und düsteren Bildern. Durch das komplexe Drehbuch – dem Lieblingsskript von Quentin Tarantino – erhält der Film einen besonderen Reiz: Die Erzählung verweigert uns den Überblick, sodass wir das Handeln der Gangster nie einordnen können. Gut und Böse verschwimmen, unsere Sympathien wechseln, Zusammenhänge ergeben sich (zu) spät. Erst im Finale offenbart Melville das Gesamtbild, um dann mit einem packenden Höhepunkt abzuschließen.

Filmszene aus Schock-Korridor

Platz 22

Schock-Korridor

Samuel Fuller | 1963 | USA

Das B-Movie-Meisterwerk Schock-Korridor spielt ausschließlich in einer Nervenheilanstalt, die Regisseur Samuel Fuller zum Schauplatz einer Mördersuche macht. Dies ist allerdings nur ein Vorwand, um genüsslich die Neurosen der amerikanischen Gesellschaft zu sezieren. Fullers galliger Humor und die pointierten Dialoge verleihen dem Film einen hohen Unterhaltungswert; dennoch nimmt die Spannung stetig zu. Das resultiert auch aus den eindringlichen Bildern – der Film beinhaltet einige der bemerkenswertesten Szenen aus Fullers Schaffen.

Filmszene aus Das Appartment

Platz 21

Das Appartement

Billy Wilder | 1960 | USA

Der mit fünf Oscars prämierte Komödienklassiker Das Appartement seziert das Leben in der modernen Gesellschaft anhand des Büroangestellten C. C. Baxter, dessen Privat- und Liebesleben zwischen externen Verpflichtungen zerrieben werden. Jack Lemmon spielt den liebenswerten Neurotiker mit Verve und hat sichtlich Spaß an Billy Wilders fantastischen Dialogen. Hinter Wilders Witz verbirgt sich allerdings eine beißende Satire auf die vermeintliche Leistungsgesellschaft, wobei Das Appartement gerade in seinen tragischen Spitzen seine größte Kraft entfaltet.

Filmszene aus When A Woman Ascends The Stairs

Platz 20

When a Woman Ascends the Stairs

Mikio Naruse | 1960 | Japan

Nur ein bescheidenes persönliches Glück wünscht sich die Protagonistin von When a Woman Ascends the Stairs, um doch immer wieder am japanischen Patriarchat zu scheitern. Mit großem Einfühlungsvermögen und scharfer Beobachtungsgabe fängt Mikio Naruse den Werdegang der Frau ein. Auf große Gesten verzichtet er dabei – gerade die Beiläufigkeit der Rückschläge und Enttäuschungen verleiht dem Film eine durchschlagende Wirkung. Das nuancierte Spiel von Naruses Stammdarstellerin Hideko Takamine trägt entscheidend zu dieser leisen Dramatik bei.

Filmszene aus Aimless Bullet

Platz 19

Aimless Bullet

Yu Hyun-mok | 1961 | Südkorea

Bei Abstimmungen über die besten Filme der koreanischen Kinogeschichte landet Aimless Bullet regelmäßig auf dem ersten Platz. Der Klassiker entstand kurz vor dem Militärputsch und wurde vom neuen Regime für viele Jahre aus dem Verkehr gezogen. Das verwundert nicht, da der Film von Yu Hyun-mok ein düsteres Bild des Nachkriegslebens zeichnet: Das Seoul des Films ist immer noch schwer vom Krieg gezeichnet und wird von mittel- und hoffnungslosen Menschen bevölkert, die Geistern gleich durch diese finstere Betonkulisse irren und verzweifelt nach einem Lebenssinn suchen. Nach der eher nüchternen ersten Hälfte, die an die Vertreter des Italienischen Neorealismus erinnert, steigert sich der Film in einen fiebrigen Taumel und lässt bedrückt zurück.

Filmszene aus Schwarzer Kies

Platz 18

Schwarzer Kies

Helmut Käutner | 1961 | Deutschland

Mit dem Noir-Melodram Schwarzer Kies plante Helmut Käutner einen gezielten Angriff auf deutsche Tabus: Der Regisseur nimmt die hässlichen Seiten des Wirtschaftswunders ins Visier und zerlegt das Idealbild des deutschen Wiederaufbaus am Beispiel einer Kleinstadt, die von Zynismus und Gier durchzogen ist. Käutner kombiniert eine stimmungsvolle Milieubeschreibung mit hübschen Schwarz-Weiß-Bildern und einem omnipräsenten Fatalismus, der uns bis zuletzt im Unklaren darüber lässt, ob wir einer Liebesgeschichte oder einer Tragödie beiwohnen.

Filmszene aus Schlacht um Algier

Platz 17

Schlacht um Algier

Gillo Pontecorvo | 1966 | Algerien, Italien

Schlacht um Algier ist ein ungewöhnlicher Antikriegsfilm: Er schildert den algerischen Unabhängigkeitskampf gegen die französische Kolonialherrschaft ohne eine konventionelle Handlung und verzichtet auf Heldenfiguren. Stattdessen nutzt Gillo Pontecorvo einen dokumentarischen Ansatz, der sich als idealer Kunstgriff entpuppt: Die Originalschauplätze und die Handkamera sorgen für eine authentische Unmittelbarkeit und versetzen uns mitten in den Konflikt hinein, doch zugleich ermöglicht die erzählerische Distanz einen klaren Blick auf den Strudel der Gewalt und die Verschiebung moralischer Grenzen.

Filmszene aus Letztes Jahr in Marienbad

Platz 16

Letztes Jahr in Marienbad

Alain Resnais | 1961 | Frankreich

Letztes Jahr in Marienbad formulierte eine Einladung: Immer wieder aufs Neue dürfen wir dieses Monument der Filmgeschichte besuchen, uns in sein narratives Labyrinth begeben und es stets neu entdecken. Das verwunschene Kurhotel und die ausschließlich aus Suggestionen bestehende Handlung aus der Feder von Alain Robbe-Grillet muten bei jeder Rückkehr anders an, denn Letztes Jahr in Marienbad lebt in besonderem Maße von der Imagination des Zuschauers. Die barocke Bilderflut und die hypnotische Orgelmusik leiten uns dazu an, unseren ganz eigenen Film zu sehen. Magischer kann Kino nicht sein.

Filmszene aus Barfuß durch die Hölle III

Platz 15

Barfuß durch die Hölle III

Masaki Kobayashi | 1961 | Japan

Barfuß durch die Hölle III schließt Masaki Kobayashis 10-stündige Antikriegsfilmtrilogie ab und schickt seinen Protagonisten erstmals in den Krieg, der zu diesem Zeitpunkt fast vorbei ist. Wie in einem Road Movi bewegt sich Kaji durch die vom Feind überrannte Mandschurei, die im wunderschönen Breitbildformat eingefangen wird. Während der einstmals humanistische Held in den Vorgängern noch um Ideale rang, kämpft er inzwischen mit seinen zerlumpten Kameraden ums nackte Überleben. Kobayashi führt diese Entwicklung in Barfuß durch die Hölle III konsequent zu Ende und schließt seine Trilogie meisterhaft ab.

Filmszene aus Der zweite Atem

Platz 14

Der zweite Atem

Jean-Pierre Melville | 1966 | Frankreich

Jean-Pierre Melvilles epische Gangsterballade Der zweite Atem drängt eine Riege grandioser Charakterdarsteller um Lino Ventura zu einem tödlichen Katz- und Mausspiel. Aufgrund der kühlen Inszenierung gewinnen die Morde und Überfälle eine erschreckende Brutalität; trotz ihrer kompromisslosen Vorgehensweise romantisiert Melville seine Protagonisten jedoch und macht sie zu Getriebenen von abstrakten Ehrbegriffen und eines übermächtigen Schicksals. Melville schildert ihren Niedergang hochelegant, aber aufs Wesentliche konzentriert. Triste Großstadtpanoramen gebären einen omnipräsenten Fatalismus: In Der zweite Atem hat niemand etwas zu gewinnen außer einem würdevollen Abgang.

Filmszene aus Spiel mir das Lied vom Tod

Platz 13

Spiel mir das Lied vom Tod

Sergio Leone | 1968 | Italien

Auf keinen Western passt der Begriff „Pferdeoper“ besser als auf Spiel mir das Lied vom Tod: Handlung und Figuren sind nur rudimentär angelegt, aber die brillante Inszenierung von Sergio Leone formt daraus ein Monument für die Ewigkeit. Die unerreichte Grandezza des Klassikers fußt auf einer enormen Szenenlänge und der unverwechselbaren Musik von Ennio Morricone, die Leone ebenso genial nutzt wie die gnadenlose Aura von Charles Bronson und Henry Fonda. Das führt zu einigen der ikonischsten Szenen in der Geschichte des Genres.

Filmszene aus Point Blank

Platz 12

Point Blank

John Boorman | 1967 | USA

Point Blank zählt zu den Vorreitern der New Hollywood-Ära und hebt simples Genrekino auf ein außergewöhnliches künstlerisches Niveau. Der frühe Neo-Noir von John Boorman nutzt einen aufs Allerwesentlichste reduzierten Thriller als Gerüst für eine kunstvolle Dekonstruktion: Seine Filmsprache arbeitet regelrecht gegen die Erzählung, fragmentiert sie und setzt sie collagenhaft zusammen. Das funktioniert vor allem über einen brillanten Schnitt – die assoziative Montage vereint verschiedene Zeit- und Bedeutungsebenen zu einem komplexen Geflecht. Derweil erdet die enorme physische Präsenz von Hauptdarsteller Lee Marvin das Geschehen und hält alles zusammen.

Filmszene aus Onibaba

Platz 11

Onibaba

Kaneto Shindô | 1964 | Japan

Onibaba fängt das feudale Japan regelrecht apokalyptisch ein und schildert den täglichen Überlebenskampf zweier Frauen in einer Zeit des Krieges. Das Meisterwerk von Kaneto Shindô ist Horror- und Historienfilm, Melodram und Antikriegsparabel zugleich. Es vereint einen harschen Existenzialismus mit Bestandteilen des Genrekinos: Mordlustige Samurai, heimlicher Sex und wütende Dämonen sorgen für Spannung und eine große Ambivalenz. Die betörenden Schwarz-Weiß-Bilder erzeugen durch ihre Symbolhaftigkeit eine magische Stimmung.

Filmszene aus Für ein paar Dollar mehr

Platz 10

Für ein paar Dollar mehr

Sergio Leone | 1965 | Italien

Für ein paar Dollar mehr zählt zu den wenigen zweiten Teilen, die ihren Vorgänger übertreffen. Dank des höheren Budgets konnte Sergio Leone mit Lee van Cleef einen weiteren Star verpflichten und größere Schauwerte servieren. Doch auch inszenatorisch hat sich der Regisseur weiterentwickelt: Seine Regie steigert die Binnenspannung der Szenen deutlich und verknüpft kunstvoll Rückblenden mit Gegenwart. Die Handlung von Für ein paar Dollar mehr ist zwar nicht so fein austariert wie beim Vorgänger, der zweite Teil sorgt jedoch mit reger Abwechslung für Kurzweil und besitzt das bessere Finale.

Filmszene aus Ekel

Platz 9

Ekel

Roman Polanski | 1965 | Großbritannien

Ekel ist ein Meisterwerk des psychologischen Horrors und der erste Film in Roman Polanskis Mieter-Trilogie. Er schildert einige Tage aus dem Leben einer Frau, die sich in ihrer Wohnung verbarrikadiert und mit inneren Dämonen kämpft. Der Regisseur inszeniert den schleichenden Wandel der Protagonistin subtil: Stück für Stück bricht er die alltägliche Normalität auf, bis sie sich in einen surrealen Albtraum verwandelt. Dabei profitiert der Film enorm von Hauptdarstellerin Catherine Deneuve, die überragend spielt.

Filmszene aus The War Game

Platz 8

The War Game

Peter Watkins | 1966 | Großbritannien

Die Mockumentary The War Game beschreibt die Auswirkungen eines Atomkrieges auf Großbritannien derart drastisch, dass die produzierende BBC den Film 20 Jahre lang unter Verschluss hielt. Die Fernsehanstalt hatte eine konventionelle Dokumentation erwartet und erhielt ein filmisches Inferno: Neben den beklemmenden Bildern zeichnet sich die Arbeit von Peter Watkins durch eine große intellektuelle Schärfe aus, die den Widersinn atomarer Waffen nachhaltig herausstellt und uns mit einer Schreckensvision konfrontiert, die lange nachwirkt.

Filmszene aus Die Reifeprüfung

Platz 7

Die Reifeprüfung

Mike Nichols | 1967 | USA

Auf dem Papier handelt es sich bei dem frühen New Hollywood-Film Die Reifeprüfung um eine romantische Komödie, dessen junger Held sich selbst finden muss, um seine große Liebe für sich zu gewinnen. Eigentlich rechnet der Film von Mike Nichols jedoch mit den Idealen der Fünfziger Jahre ab und kritisiert das gelangweilte Bürgertum. Der Film zeichnet sich durch einen enormen visuellen Einfallsreichtum aus und durch die legendäre Musik von Simon & Garfunkel. Nichols gelingt es, die kritischen und die komödiantischen Töne nahtlos zusammenzufügen und Dustin Hoffman überzeugt in seiner ersten Hauptrolle.

Filmszene aus Paris gehört uns

Platz 6

Paris gehört uns

Jacques Rivette | 1961 | Frankreich

Paris gehört uns zählt zu den frühesten Vertretern der filmischen Postmoderne und entwirft ein ewiges Rätsel: Er handelt entweder vom Alltag einer orientierungslosen Studentin oder beschreibt eine geheime Verschwörung, die ganz Frankreich erfasst. Weil der Debütfilm von Jacques Rivette das Geschehen ausschließlich aus der Sicht der ahnungslosen Protagonistin erzählt, bleibt uns ein Großteil der möglichen Handlung verborgen. Mit seiner spröden Inszenierung verstärkt der Regisseur den Eindruck des Nicht-Fassbaren noch. Sein sperriger Kunstfilm verzichtet auf eine Auflösung und mag daher zunächst unbefriedigend wirken, sein zeitloses Mysterium kann so jedoch immer wieder aufs Neue erkundet werden.

Filmszene aus Das Irrlicht

Platz 5

Das Irrlicht

Louis Malle | 1963 | Frankreich

Mit viel Gefühl für Stil und Stimmung inszeniert Louis Malle in Das Irrlicht den melancholischen Abgesang eines Lebensmüden, der nach dem Alkoholentzug durch das fad gewordene Paris getrieben wird. In stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bildern fängt der Regisseur die Odyssee des Protagonisten ein und sinniert dabei über die Möglichkeiten unterschiedlicher Lebensentwürfe und die Frage, welcher Sinn dem Leben innewohnt. Die berühmte Klaviermusik von Eric Satie und das Schauspiel von Maurice Ronet gleichen einander in ihrem Minimalismus, in dem sich die ganze Welt verbirgt.

Filmszene aus Am Rande des Rollfelds - La Jetée

Platz 4

Am Rande des Rollfelds

Chris Marker | 1962 | Frankreich

Am Rande des Rollfelds mag „nur“ ein Kurzfilm sein, doch Chris Markers experimentelles Zeitreisedrama besitzt ein Alleinstellungsmerkmal: Marker erzählt die Geschichte ausschließlich in Standbildern. Mit diesem Kunstgriff beseitigt der Regisseur das grundlegende Manko von Zeitreisefilmen (und dem Hollywood-Remake 12 Monkeys) – die Unveränderbarkeit der zeitlichen Wahrnehmung durch uns Zuschauer. Der Film transzendiert die Zuschauer-Zeit, die nicht länger bewegt erscheint und damit ihre Bedeutung verliert. Daher bilden Form und Inhalt in Am Rande des Rollfelds eine geschlossene Einheit, woraus ein rauschartiges Filmerlebnis entsteht.

Platz 3

Harakiri

Masaki Kobayashi | 1962 | Japan

Unter dem Vorwand eines rituellen Selbstmordes entwickelt der japanische Samuraifilm Harakiri ein fesselndes Vexierspiel: Wie in einem Krimi legt der Klassiker von Masaki Kobayashi mittels einer ausgeklügelten Rückblendenstruktur nach und nach seine Geheimnisse offen. Aus den Volten der Geschichte zieht Masaki Kobayashi das größtmögliche Suspense – zum Ende des Films könnte jeder Dialog eine Gewalteruption verursachen. Die elegische Inszenierung und das eindringliche Spiel von Hauptdarsteller Tatsuya Nakadai runden das Meisterwerk ab.

Platz 2

Psycho

Alfred Hitchcock | 1960 | USA

Psycho zeigt Alfred Hitchcock auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft – mit seinem Meilenstein definierte der Brite das Horrorgenre neu. Gekonnt spielt der Regisseur mit dem voyeuristischen Blick des Publikums und siedelt den Schrecken im Alltag an. Dank der effektvollen Inszenierung, der ausgefeilten Dramaturgie und dem berühmten Score von Bernard Herrmann erzeugt Psycho eine nervenaufreibende Stimmung. Überdies bleiben die bemerkenswerten Twists und die viel zitierte Duschszene in Erinnerung.

Platz 1

Die Frau in den Dünen

Hiroshi Teshigahara | 1964 | Japan

Drei Genies auf dem Höhepunkt ihres Könnens prägten Die Frau in den Dünen: Der Autor Kōbō Abe, der Regisseur Hiroshi Teshigahara und der Komponist Tōru Takemitsu schufen einen Höhepunkt der Japanischen Neuen Welle. Teshigaharas Werk entzieht sich den Konventionen des Kinos und bietet ein einmaliges Filmerlebnis: Die parabelhafte Geschichte, die expressiven Bilder und die ungewöhnliche Musik entwickeln eine hypnotische Wirkung. Da sich Die Frau in den Dünen vielfältig interpretieren lässt und dabei in sich geschlossen bleibt, wohnt ihm eine zeitlose Faszination inne.

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